Während die Iraner ihr Leben für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Säkularismus riskieren, ist die Zurückhaltung vieler europäischer Leitmedien auffallend laut.
Das neue Jahr beginnt für das Regime der Islamischen Republik Iran mit größerem Druck als je zuvor. Seit über einer Woche dauern landesweite Proteste an, die sich rasch von sozialen Forderungen zu einem offenen Aufstand gegen das theokratische System verdichtet haben. In 26 bis 27 der 31 Provinzen demonstrieren Menschen in Hunderten Städten, trotz brutaler Repression, Verhaftungen und tödlicher Gewalt. Selbst Orte, die lange als Bastionen des Regimes galten, darunter Ghom, lassen sich nicht mehr befrieden.
Die Proteste sind dezentral organisiert, beharrlich und in ihrer Botschaft eindeutig. Es geht nicht um Reformen, sondern um den Sturz des Regimes. »Tod dem Diktator« – gemeint ist der Oberste Geistliche Führer Ali Khamenei – ist der politische Kern dieser Revolte. Mindestens mehrere Dutzend Tote sind zu beklagen, darunter auch Kinder.
Mitten in dieser wachsenden Bewegung artikuliert sich zunehmend auch eine politische Alternative. Zumindest bei einem Teil der Demonstranten werden Rufe nach Kronprinz Reza Pahlavi lauter, den einige als Symbol für einen säkularen, demokratischen und national geeinten Iran wahrnehmen. Parolen wie »Dies ist die letzte Schlacht, Pahlavi wird zurückkommen« oder »Lang lebe der Schah« verweisen weniger auf monarchische Nostalgie als auf den Wunsch nach einem radikalen Bruch mit der islamistischen Theokratie.
Eine besondere politische Symbolkraft entfaltet dabei die Rolle des Teheraner Basars. Das traditionsreiche Zentrum konservativer, religiös geprägter Händler galt jahrzehntelang als sozialer Rückhalt des Regimes. Dass ausgerechnet dort Pro-Pahlavi-Parolen zu hören sind, verdeutlicht den tiefgreifenden Stimmungswandel.
Der Aufstand überschreitet ethnische, religiöse und soziale Grenzen; er ist Ausdruck eines gemeinsamen Strebens nach Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Säkularismus. Reza Pahlavi, der seit Jahren für einen friedlichen, demokratischen Übergang wirbt, wird von vielen Iranern im Land selbst als auch im Exil als ein möglicher Repräsentant einer Übergangsordnung betrachtet.
Während im Iran Menschen ihr Leben riskieren, ist die Zurückhaltung vieler europäischer Leitmedien auffallend laut. Zwar finden einige wenige politische Institutionen inzwischen deutlichere Worte, doch große Teile der Berichterstattung bleiben defensiv oder ordnen die Proteste primär sozialökonomisch ein. Damit wird jedoch die politische Radikalität verfehlt. Es handelt sich um einen offenen Ruf nach dem Ende des Regimes.
Im Iran beginnt gerade eine historische Nacht. Vielleicht das Ende des Regimes. Zehntausende riskieren ihr Leben im mutigen Kampf für Freiheit. Trump droht den Mullahs – und nicht mal eine Meldung dazu in @tagesschau , aber 3 Filme zum Schnee im Winter in Dtld. Ehrlich???
— Esther Schapira 🎗️ (@EstherSchapira) January 8, 2026
Mehr als innerstaatlicher Aufstand
Die Islamische Republik ist nicht nur ein repressiver Staat nach innen, sondern ein aggressiver Akteur nach außen. Das Regime führt einen hybriden Krieg, auch gegen Europa, durch Spionage, Cyberangriffe, Desinformation und die systematische Unterstützung terroristischer Strukturen. Nach Angaben des International Center for Counter-Terrorism in Den Haag war der Iran zwischen 2021 und 2024 an mehr als fünfzig Operationen in Europa beteiligt, darunter gezielte Anschläge auf Dissidenten, israelische Diplomaten und jüdische Einrichtungen.
Diese Aktivitäten spielen sich nicht allein im Schatten klassischer Geheimdienste ab, sondern nutzen gezielt zivile Infrastrukturen. Tarnfirmen wie die niederländische Dutch Bakery, die als Adresse für Hacking-Server diente, oder das deutsche Unternehmen Softqloud als Plattform für Überwachung und Spionage zeigen, wie Europas Offenheit systematisch ausgenutzt und in die iranische Kriegsführung integriert wird.
Hinzu kommt die strategische Allianz mit Russland. Teheran unterstützt Moskaus Kriegswirtschaft mit Drohnentechnologie, Logistiknetzwerken und Geldwäschekonstruktionen. In Verbindung mit russischer Militärgewalt und chinesischer Überwachungstechnologie entsteht ein autoritärer Machtkomplex, der sich explizit gegen westliche Demokratien richtet.
Dass iranische Geheimdienste und Stellvertretermilizen auch in Deutschland aktiv sind, ist seit Jahren bekannt. Dennoch ist die iranische Islamische Revolutionsgarde auf EU-Ebene weiterhin nicht als Terrororganisation eingestuft. Zwar fordert das Europäische Parlament diesen Schritt, doch es fehlt an politischer Umsetzung. Dabei wäre genau dies ein wirksames Instrument, um Finanzströme, Logistik und Einflussnetzwerke des Regimes in Europa zu stören. Und es wäre zugleich ein klares Signal an Teheran wie an die iranische Bevölkerung.
Mit dem Ende des Assad-Regimes in Syrien und dem Zerfall der iranisch-syrischen Achse entstand letztes Jahr ein politischer Möglichkeitsraum, in dem selbst die strategische Annäherung zwischen Syrien und Israel nicht länger undenkbar ist. Eine solche Normalisierung würde die Sicherheitslage im Norden Israels neu ordnen und das regionale Kräfteverhältnis zulasten des Irans nachhaltig verschieben.
Der Sturz des iranischen Regimes wäre ein weiterer wichtigerer Schritt hin zu einem anderen, zu einem neuen Nahen Osten. Die Revolte im Iran ist daher weit mehr als ein innerstaatlicher Aufstand. Sie eröffnet die reale Möglichkeit eines demokratischen Irans und würde das Machtgefüge im Nahen Osten grundlegend verändern. Israel verlöre einen zentralen feindlichen Akteur, Stellvertreterkräfte wie die Hisbollah und die Huthi ihre entscheidende Unterstützung, Russland einen wichtigen militärisch-industriellen Partner.
Strategische Entscheidung
Zu Beginn des heurigen Jahres steht Europa damit vor einer strategischen Entscheidung. Weiteres Zögern verschafft dem Regime Zeit für Repression nach innen und Aggression nach außen. Unterstützung für den demokratischen Aufbruch im Iran wäre hingegen keine moralische Geste, sondern nüchterne Interessenpolitik.
Ein Zusammenbruch der Islamischen Republik bedeutete nicht notwendigerweise Chaos, sondern eine sicherheitspolitische Entlastung historischen Ausmaßes. Die Iraner kämpfen für ihre Freiheit und verteidigen damit zugleich Europas Sicherheit. Jetzt ist die Zeit, mit den tatsächlichen Repräsentanten des iranischen Aufbruchs in Dialog zu treten, denn der Ausgang dieser Revolution wird nicht nur die Zukunft des Irans bestimmen, sondern auch die sicherheitspolitische Realität Europas.






