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Proteste im Irak und Libanon: Die alten Verschwörungstheorien ziehen nicht mehr

Demonstranten in Bagdad (© Imago Images Khalil Dawood)

Vielleicht gelingt es dem Iran und seinen Verbündeten noch einmal, die Proteste im Irak und im Libanon mit brutaler Gewalt zu unterdrücken. Aber eines können sie nicht verhindern: dass ihre wahnhaften Verschwörungstheorien zerfallen.

Vielleicht werden sie ja eines Tages, sollte es denn irgendwann einmal besser werden in der Region, sich gegenseitig Witze erzählen über jene Zeiten Anfang des 21. Jahrhunderts, als die Machthaber in Teheran oder anderswo noch jedes Ereignis, das ihnen nicht passte, zur zionistischen Verschwörung oder zum imperialistischen Plot erklärten. Lange hatte das ja irgendwie auch funktioniert und Zustimmung bei den breiten Massen gefunden, so absurd es auf Außenstehende auch gewirkt haben mochte.

Aber irgendwann gerät jedes System in die Krise – und in einer solchen befindet sich angesichts der jüngsten Massenproteste im Libanon und Irak ganz offenbar das Regime in Teheran. Da investierte es über Jahre Milliarden, um im Nahen Osten sein Imperium auszubauen, das es stolz „Achse des Widerstandes“ nennt und dessen Ziel die „Einkreisung“ und letztlich Vernichtung Israels ist. Und dann, man wähnte sich kurz vor dem Ziel, gehen in den wichtigsten Hauptstädten dieses Imperiums Millionen auf die Straße und richten ihren Unmut direkt gegen die Islamische Republik selbst.

Hinter jedem Demonstranten eine Verschwörung

Was nicht sein darf, kann aber nicht sein. Wie also reagieren? Zur Verfügung steht seit Jahren nur ein binäres System: Wenn jemand im Libanon oder dem Irak demonstriert, dann entweder für die gerechte Sache des palästinensischen Volkes gegen das „zionistische Krebsgeschwür“ und die Gemeinheiten des Imperialismus oder aber als feindlicher Agent, der Teil irgendeiner Verschwörung ist, ob willentlich oder als fehlgeleiteter Verführter. Ein paar Nuancen sind möglich, aber viele nicht. So gelang es etwa 2011, die syrische Opposition kollektiv zu islamischen Terroristen zu erklären, die dann allerdings wiederum nur im Auftrag böser westlicher Mächte handelten.

Was lächerlich und auch ein wenig langweilig klingt, hat leider nur allzu oft funktioniert. Denn der Wahn schafft bekanntermaßen seine eigenen Wirklichkeiten und wenn man die bärtigen großen Führer im Nahen Osten so reden hört, fragt man sich jedes Mal: Glauben die wirklich an den Unfug, den sie erzählen? Vermutlich tun sie es, zumindest zu großen Teilen. Auch in der Sowjetunion unter Stalin waren Millionen fest überzeugt, eine ganz miese und umfassende trotzkistische Verschwörung abwehren zu müssen. Zum Wesen dieser Verschwörungen gehört, dass aus Sicht der von ihnen Betroffenen auch nach Jahren und Hekatomben von Toten, die Bedrohung nicht nachlässt. Jederzeit kann der Feind zuschlagen, egal wie eng die zahlreichen Geheimdienste ihre Kontrolle auch ausgedehnt haben.

Anders ist kaum zu erklären, dass ausgerechnet im Libanon, der so engmaschig vom Iran kontrolliert wird, Millionen aktuell nicht etwa auf die Straße gingen, um berechtigte Forderungen nach Veränderung zu stellen, sondern Teil eines amerikanischen und israelischen Plans seien. Das nämlich ist das offizielle iranische Narrativ, nachdem anfangs noch versucht wurde, die Massendemonstrationen zu Solidaritätsveranstaltungen mit den Palästinensern umzulügen. Damit machten sich iranische Medien so offensichtlich lächerlich, dass schnell auf die zweite verfügbare Erklärung umgeschaltet wurde.

Von heute auf morgen zum Handlanger der Feinde

Nun stelle man sich vor, wie es den Menschen ergeht, die im Libanon und im Irak demonstrieren: Seit Jahrzehnten hat man ihnen in der Schule, in der Moschee, in Zeitungen und durch ihre Politiker die allgegenwärtigen antizionistisch-antisemitischen Narrative eingetrichtert, denen viele bedauerlicherweise auch Glauben schenkten. Doch wenn sie dieser Tage den Fernseher anschalten oder die Morgenzeitung aufschlagen, erfahren sie plötzlich, dass sie neuerdings selbst Teil dieser Verschwörung seien. Entweder sie glauben erneut der Propaganda und stellen erschreckt fest: „Oh je, diesmal bin ich es, der den Zionisten oder Amis auf den Leim gegangen ist!“, leisten Abbitte und folgen weiter den großen Führern des Widerstandes – oder ihnen beginnt die Erkenntnis zu dämmern, dass es sich bei den bestens vertrauten Erzählungen die ganze Zeit um bloße Wahngebilde handelte.

Wie? Meine Nachbarinnen und Nachbarn, Freunde und enge Angehörige sind plötzlich alle Teil einer Verschwörung, weil wir gemeinsam und über alle konfessionellen Grenzen hinweg auf der Straße waren? Wir stehen hier, weil die Zionisten und Imperialisten das so wollen, nicht weil unsere Lebensbedingungen so unerträglich geworden sind, dass wir keine andere Wahl haben?

Und die Schläger der Hisbollah in Beirut oder die Milizionäre, die in irakischen Städten in die Menge schießen und Hunderte töten, tun das nur, um einen feindlichen Angriff abzuwehren?

Man könnte natürlich den Spieß einfach umdrehen. Auch das hat es jahrelang immer wieder gegeben: Einfach dem Gegner vorwerfen, was er einem vorwirft, nämlich selbst Agenten der Zionisten zu sein. Unvergessen bleiben entsprechende Schlagabtausche bei den Vereinten Nationen in den 80er Jahren, als die kriegsführenden Länder Irak und Iran einander in ausschweifenden Reden gegenseitig beschuldigten, im Auftrag sinisterer westlicher Mächte zu handeln, während sie selbst aufrechte Kämpfer gegen Imperialismus und Zionismus seien. Jüngst erst bekriegten sich in Syrien an der libanesischen Grenze Milizen der Hisbollah und sunnitische Islamisten. Beide Seiten erklärten, ihre jeweiligen Toten seien für die Befreiung von Jerusalem gestorben.

The Times They Are a-Changin’

Proteste im Irak und Libanon: Die alten Verschwörungstheorien ziehen nicht mehr

Aber auch diese Zeiten scheinen eher passé. Wenn im Libanon die Demonstranten mit Rufen eine „Revolution“ fordern und im Irak aus tausenden Kehlen antiiranische Slogans erklingen, dann funktioniert etwas nicht mehr, das jahrelang zugleich Herrschaft sicherte und das politische Klima vergiftete. Im Iran hatten es 1999 demonstrierende Studentinnen und Studenten vorgemacht, als sie mit der Parole „Lasst Gaza in Ruhe, denkt an den Iran“ auf die Straße gingen.

Im Jahr 2011, während des arabischen Frühlings, konnte das Regime in Teheran noch behaupten, Proteste in Ländern wie Tunesien oder Ägypten richteten sich gegen den Westen und seien von der islamischen Revolution im Iran inspiriert. Als die Aufstände dann auf Syrien, also den iranisch kontrollierten Orbit übergriffen, erklärte man sie eben in bekannter Manier zu „terroristisch-zionistisch-imperialistischen“ Verschwörungen und schoss sie blutig zusammen.

Aber heute? Ausgerechnet im Libanon und im Irak? Das soll ernsthaft noch jemand glauben? Momentan spricht wenig dafür. Zwar wurde aus Teheran umgehend der berüchtigte Chef der Revolutionsgardisten, Qassem Soleimani, entsandt, der großspurig erklärte, man wisse ja, wie mit solchen Aufständen umzugehen sei, und stolz daran erinnerte, wie im Iran 2009 die Proteste gegen die gefälschte Wiederwahl Mahmud Ahmedinejads niedergemacht wurden. Aber über einhundert Tote und tausende Verletzte haben bislang im Irak eher zu noch größerem Unmut geführt. Auch im Libanon zeigen sich die Demonstranten nicht gewillt, dem Druck und den Einschüchterungen nachzugeben.

Das Kartenhaus zerfällt

Vielleicht gelingt es dem Iran noch einmal, die Proteste mit brutaler Gewalt zu ersticken. Aber er muss zur Kenntnis nehmen, dass die Repression sich diesmal auch gegen Menschen im Süden des Irak und Libanon richtet. Denn auch in diesen, mehrheitlich von Schiiten bewohnten, bisherigen Hochburgen pro-iranischer Parteien und Milizen explodiert aktuell der Unmut. Es sind auch ehemalige Wähler der Hisbollah, die nun ganz offen sagen, dass sie die Nase voll haben. Sie alle sollen von Zionisten und Amerikanern verführt oder gar Agenten des Feindes sein?

Selbst wer zutiefst überzeugt war von all den feindlichen Machenschaften, die angeblich in Tel Aviv und Washington täglich so ausgeheckt werden, um den Menschen im Nahen Osten seit Jahrzehnten Glück, Wohlstand und ein gottgefälliges Leben vorzuenthalten, dürfte diesmal doch ein wenig ins Grübeln kommen. Und nichts, weder Sanktionen noch Drohungen mit Militärschlagen, dürften den Herrschenden im Iran und ihre Verbündeten größere Sorgen bereiten. Denn auf diesem wahnhaften Narrativ gründet ihr System – und sollte es wie ein Kartenhaus zusammenfallen, könnte ihr Ende schneller kommen, als viele denken.

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