Die deutsche Journalistin Sophie von der Tann wird für ihre Berichterstattung aus dem Nahen Osten ausgezeichnet. Doch die Preisvergabe ist ein besorgniserregender politischer Ritterschlag. Die Signalwirkung ermutigt Aktivisten und politische Akteure, jüdische Bedenken zu ignorieren, etabliert die dogmatische Kritik an Israel und befeuert so einen doppelten Standard im Mediendiskurs.
Mehrere Jahrzehnte lang war Hanns-Joachim Friedrichs (1927–1995) das Gesicht des deutschen Qualitätsjournalismus. Seine Karriere auf den Bildschirmen, die 1954 bei einer Übertragung zum 80. Geburtstag von Winston Churchill begann, war ein Paradebeispiel für den Aufbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) in Deutschland. Ab 1969 moderierte »Hajo« Friedrichs die ZDF-Nachrichtensendung Heute. 1985 wechselte er zur ARD und übernahm die Moderation des Nachrichtenmagazins Tagesthemen, das er abwechselnd mit Ulrike Wolf und später mit Sabine Christiansen präsentierte.
Sein berühmtes Motto für einen kritischen Journalisten hieß: »Distanziert bleiben, nicht mit der Sache identifizieren, auch nicht mit einer vermeintlich guten.« Die nach ihm benannte und seit 1995 verliehene Auszeichnung, der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus, soll genau diesen Anspruch ehren.
Doch die Verleihung des Preises an die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann für ihre Berichterstattung aus dem Nahen Osten bedeutet eher das Gegenteil, denn die Vergabe ist ein politischer Akt, der dem Vermächtnis des Namensstifters diametral widerspricht und seine zentralen journalistischen Forderungen unterläuft.
Privileg und Pseudomoral
Die Relevanz dieser Preisvergabe ergibt sich zum einen aus der gehobenen Position und dem privilegierten Hintergrund der Preisträgerin. Sophie von der Tann, geboren 1991, mit vollem Namen Sophie Henny Elinor Freiin von und zu der Tann-Rathsamhausen, ist seit August 2021 ARD-Korrespondentin in Tel Aviv. Ihr Adelstitel, ihre akademische Laufbahn, Theologie und Orientalistik an Elite-Universitäten (Oxford, Columbia, London School of Economics) und ihre Rolle beim ÖRR garantieren eine maximale Reichweite und normative Autorität ihrer Berichterstattung in Deutschland. Die Stimme einer Person mit solch hohem gesellschaftlichen und medialen Standing gilt als besonders maßgeblich und prägend für die öffentliche Meinung.
Diese Autorität steht jedoch im Kontrast zur massiven Kritik an ihrer mangelnden journalistischen Ausgewogenheit. Kritiker wie Ron Prosor, Israels Botschafter in Deutschland, beanstandeten die Verharmlosung von Hamas-Terroristen als »militante Palästinenser« nach dem 7. Oktober 2023. Andere werfen von der Tann eine Dämonisierung Israels und die mangelnde Thematisierung der Rolle der Hamas vor. Ihre Äußerungen zur angeblich notwendigen Rückverfolgung des Konflikts bis zum Zerfall des Osmanischen Reichs wurden als implizite Relativierung des Hamas-Terrorangriffs gewertet.
Ein weiteres Beispiel der Voreingenommenheit gegenüber Israel entzündete sich im Mai dieses Jahres, als von der Tann – ausgerechnet in ihrem Tagesthemen-Kommentar zu sechzig Jahren diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel – sich veranlasst sah, den jüdischen Staat massiv an die Kandare zu nehmen. Sensibilität klingt anders.
Diese selektive Empörung rief die scharfe Reaktion der Journalistin Esther Schapira hervor, die in der Jüdischen Allgemeinen ein vernichtendes Urteil fällte. Schapira kritisierte von der Tanns Tonfall als »nassforsch und kalt wie Hundeschnauze« und diagnostizierte eine ungebührliche Attitüde, mit der die Korrespondentin »den Nachkommen der Opfer ihrer Großelterngeneration die Leviten« gelesen habe. So habe von der Tann es geschafft, in knapp anderthalb Minuten sechs Dekaden Vertrauensvorschuss »in die Tonne zu treten«, indem sie die Kriegsführung der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen kritisierte, ohne die Hamas zu erwähnen.
Befremdliche Begründung
Ungeachtet dieser bedenklichen Bilanz loben die Preisverleiher die 34-jährige Fernsehjournalistin in den Himmel. Wer genau steckt dahinter? Der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis wird vom gleichnamigen Verein zur Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für Fernsehjournalismus e.V. getragen, dessen Mitglieder zugleich die stimmberechtigte Jury bilden.
An der Spitze des Vorstands steht die Journalistin und Moderatorin Sandra Maischberger, die damit auch den Vorsitz in der Jury innehat. Zu den Mitgliedern des Vorstands gehört unter anderem Claus Kleber, der die Funktion des Schriftführers bekleidet. Beide kann man als Schwergewichte im deutschen Fernsehen betrachten. Zu den stimmberechtigten Jurymitgliedern gehören weitere renommierte Nachrichtenpersönlichkeiten wie Anja Reschke, Golineh Atai, Gabi Bauer, Frank Plasberg, Theo Koll, Cordt Schnibben, Manfred Bissinger und Klaus Bresser.
Die Jury (dieses Jahr geteilt verliehen an Sophie von der Tann und Katharina Willinger) versteht die Auszeichnung explizit als ein Statement für kritischen und unabhängigen Journalismus in einer emotional aufgeladenen Debatte. Die Jury würdigte von der Tann als eine »herausragende Journalistin, die in einer Extremsituation zuverlässig erstklassige Arbeit liefert, die – gestützt auf ihre Kenntnis der Sprachen und Kulturen des Landes – den Menschen und ihren Schicksalen nahe ist, ohne dazu zu gehören«. Sie sei wörtlich »cool, aber nicht kalt«.
Schützenhilfe
Die NGO Reporter ohne Grenzen (RSF) brach demonstrativ eine Lanze für Sophie von der Tann und stellt sich damit in scharfen Gegensatz zu jüdischen und politischen Kritikern. In einer Erklärung vom 1. Dezember bezog die Organisation deutlich Stellung gegen die massiven inhaltlichen Einwände gegen die Berichterstattung von der Tanns:
»Reporter ohne Grenzen (RSF) zeigt sich solidarisch mit der ARD-Nahost-Korrespondentin Sophie von der Tann. Sie sieht sich derzeit einem Shitstorm gegenüber, der sich nicht auf Social Media beschränkt. Vor diesem Hintergrund kritisiert RSF die Rolle von Vertretern des israelischen Staates: Der Reserve-Armeesprecher Arye Shalicar schrieb, von der Tann sei ›das Gesicht vom neu-deutschen Juden- und Israelhass‹. Shalicar, aber auch Ron Prosor, der israelische Botschafter in Deutschland, nutzen Social Media immer wieder dazu, um einzelne Journalist*innen persönlich anzugreifen. Die ARD-Korrespondentin von der Tann ist dabei immer wieder das Ziel.«
RSF-Geschäftsführerin Anja Osterhaus ließ sich in dem Statement mit den Worten zitieren: »Wir stehen an der Seite von Sophie von der Tann. Selbstverständlich soll und darf journalistische Arbeit sachlich kritisiert werden. Wenn jedoch offizielle Vertreter*innen eines Staates ihre Rolle, ihre Reichweite und ihren Einfluss dazu nutzen, einzelne Medienschaffende namentlich zu diffamieren, überschreiten sie eine Grenze. Solche Einschüchterungsversuche und Beleidigungen können schwerwiegende Folgen für das Ansehen bis hin zur Sicherheit der Betroffenen haben. Ziel scheint es zu sein, Medienschaffende von bestimmter Berichterstattung abzuhalten. Das ist inakzeptabel.«
Reporter ohne Grenzen nimmt in der Debatte um Sophie von der Tann eine fragwürdige Rolle ein, welche die Verflechtungen innerhalb des Medienapparats deutlich macht. Denn während die Organisation die Kritik an Sophie von der Tann bagatellisiert und damit eine inhaltliche Debatte über journalistische Qualitätskriterien zu unterbinden versucht, wird, wie’s der Zufall will, genau diese NGO heuer mit einem Sonderpreis des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises ausgezeichnet. Die Jury, die von der Tann den Hauptpreis zuspricht, belohnt damit jene Organisation, die sich vehement schützend vor die Preisträgerin stellt. RSF agiert somit nicht als neutraler Wächter der Pressefreiheit, sondern betreibt tendenziösen Lobbyismus für etablierte Medienakteure.
Anstatt die Kernfrage der journalistischen Sorgfaltspflicht zu adressieren, instrumentalisiert RSF den Schutz der Korrespondentin als Taktik zur Immunisierung ihrer Berichterstattung gegen berechtigte, inhaltliche Kritik. So bestätigt sie den Zirkelschluss, durch den legitime Kritik an ÖRR-Journalisten im Keim erstickt wird.
Fatale Signalwirkung
Die Preisvergabe an Sophie von der Tann legitimiert ihre dogmatische Haltung und ermöglicht es der ARD-Korrespondentin, ihre bedenkliche »Israel-Kritik« nun wie eine Monstranz vor sich her zu tragen. Die Signalwirkung ist in etwa so subtil wie ein Presslufthammer in der Bibliothek. In einer Zeit des um sich greifenden Antisemitismus werden Bedenken jüdischer Organisationen mit teils völlig unangebrachter Wortwahl beiseite gewischt. Die scharfe Positionierung gegen Israel steht in deutlichem Gegensatz zur beinahe einfühlsamen Art, in der über Terrororganisationen wie die Hamas und andere islamistische Gruppen gesprochen wird.
Hanns-Joachim Friedrichs würde sich im Grab umdrehen, müsste er beobachten, wie sein Name missbraucht wird, um gefährlichen Doppelstandards im medialen Diskurs mit einer Auszeichnung zu belohnen.






