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Popkultur gegen Israel: Antisemitismus des guten Gefühls

Antisemitismus des guten Gefühls: Auftritt der Band Fontaines D.C. auf dem Pop-Festival im dänischen Roskilde
Antisemitismus des guten Gefühls: Auftritt der Band Fontaines D.C. auf dem Pop-Festival im dänischen Roskilde (Quelle: Schreenshot X)

Wie israelfeindliche und antisemitische Narrative auf Europas Festivalbühnen Verbreitung finden.

Die europäische Festivalsaison 2025 hat mit einem neuen Tiefpunkt im Verhältnis von Popkultur und politischem Bewusstsein begonnen. Die Musikfestivals, einst Orte des Eskapismus oder der emanzipatorischen Kollektiverfahrungen, werden zunehmend zur Bühne für ideologischen Schulterschluss mit regressiven Bewegungen.

Beim Glastonbury Festival in Großbritannien und dem dänischen Roskilde-Festival zeigte sich in diesem Jahr, wie anschlussfähig der israelbezogene Antisemitismus inzwischen für den linken Mainstream geworden ist. Er wird getragen von Künstlern, gefeiert vom Publikum und flankiert von Aktivisten, die das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 als »Befreiung« verklären.

Auf dem Glastonbury Festival wurde der Auftritt der nordirischen Band Kneecap durch das Londoner Duo Bob Vylan eröffnet. Noch bevor Kneecap die Bühne betrat, heizte Bob Vylan das Publikum mit antiisraelischen Parole an: »Habt ihr das hier schon gehört? Hell yeah, from the river to the sea, Palestine must be, will be – inshallah – it will be free! Tod, Tod, Tod den IDF!« Die Aufforderung zum Mitgrölen wurde vom Publikum begeistert aufgegriffen.

Laut dem Rolling Stone Magazine wirkten diese Parolen wie ein »Reichsparteitag in woke«. Ein polemischer, aber treffender Vergleich. Denn auf einer der größten Musikbühnen Europas wurden antisemitische Parolen skandiert und der Tod israelischer Soldaten gefordert, verpackt als vermeintlicher »Widerstand«.

Auf Instagram gibt sich das Duo inzwischen missverstanden. In einem Statement verkündete man, der Slogan richte sich nicht gegen Menschen, sondern gegen die »israelische Kriegsführung«. Man sei »nicht für den Tod von Juden, Arabern oder anderen Gruppen«. Währenddessen distanzierte sich die BBC öffentlich, das US-Außenministerium strich dem Duo die Visa, ein Festival in Manchester sagte den nächsten Auftritt ab.

Ethnonationalismus

Auch im dänischen Roskilde wurden »Free Palestine«-Rufe laut, diesmal beim Auftritt der irischen Band Fontaines D.C., die sich offen mit Kneecap und Bob Vylan solidarisierten: bereits dies war ein klares Statement mit palästinensischer Flagge auf der Bühne und dem Slogan »Free Palestine« auf den Bildschirmen.

Gegen Ende des Konzerts wurden Fontaines D.C. dann noch deutlicher. Nach dem Song »I Love You« holten sie in einer großangelegten Aktion »pro-palästinensische« Aktivisten auf die Bühne und überließen ihnen das Mikrofon. Diese forderten das Publikum zum gemeinsamen Skandieren auf, darunter Parolen auf Arabisch sowie »Vom Fluss bis zum Meer, Palästina wird frei sein« oder »Vom Wasser bis zum Wasser, Palästina ist arabisch«.

Letztere Formel verzichtet endgültig auf den auch nur oberflächlichen Anschein eines antikolonialen Befreiungsnarrativs und formuliert einen ethnonationalistischen Anspruch, der in seiner Logik auf die Vertreibung oder Auslöschung nicht-arabischer Bevölkerungsgruppen hinausläuft. Juden – ebenso wie andere Minderheiten – kommen in dieser Vision nicht mehr vor und sind darin schlicht nicht vorgesehen.

Im Schlepptau der Band befand sich auch Greta Thunberg. Ihre enorme Reichweite als ehemalige Klima-Ikone und Aktivistin, mit der sie weltweit Millionen Menschen über Social Media, Medienauftritte und öffentliche Veranstaltungen erreicht, macht ihr Engagement besonders folgenreich. Hinter der Bühne posierte sie nach dem Auftritt mit Fontaines D.C. für ein gemeinsames Foto, andere Fotos zeigten sie zwischen den Aktivisten.

Popkultur gegen Israel: Antisemitismus des guten Gefühls
Quelle: Instagram (Zur Vergrößerung auf Bild klicken)

Identitätspolitik

Die aktuelle Situation der linken Szene und der Popkultur erinnert an das, was der Philosoph Theodor W. Adorno als »konformistische Rebellion« bezeichnete. Gemeint ist eine Haltung, die sich subjektiv als moralisch überlegen und subversiv wähnt, objektiv jedoch reaktionäre und entindividualisierende Denkmuster reproduziert.

Die »Free Palestine«-Rufe auf europäischen Festivals, begleitet von Schweigen über oder gar Zustimmung zu den Gräueltaten der Hamas, sind kein Ausdruck politischen Bewusstseins, sondern eine Folge regressiven Denkens. Kritik wird durch eine moralische Pose ersetzt, Analyse durch vereinfachende Schwarz-Weiß-Narrative. Es geht nicht um Frieden oder Menschenrechte, sondern um das Bedürfnis, Teil eines identitätspolitischen Widerstandsnarrativs zu sein – einfach, um dazuzugehören und auf der richtigen Seite zu stehen.

Der Hass auf Israel funktioniert dabei als niedrigschwelliger Zugang in eine »woke« Bewegung, die sich als unterdrückt und gleichzeitig moralisch überlegen inszeniert. Die kognitive Dissonanz, die notwendigerweise entsteht, wenn Menschenrechte beschworen werden, während zugleich ein islamistischer Terroranschlag relativiert oder gefeiert wird, wird durch Ästhetisierung überblendet. Die Popkultur macht es möglich: Auf der Bühne wirkt alles wie Rebellion, auch wenn es Ressentiment in Reimform ist.

Reichweite als Verstärker

Problematisch ist vor allem die enorme Reichweite der auftretenden Künstler. Bob Vylan erreicht auf Plattformen wie Instagram und TikTok Hunderttausende von Menschen, während die Band Kneecap von der BBC und dem Rolling Stone bereits zum »politischen Sprachrohr« einer neuen linken Generation stilisiert wurde.

Welche realen Folgen diese Reichweite hat, zeigt sich im kontinuierlichen Anstieg antisemitischer Übergriffe in Europa und weltweit seit dem 7. Oktober 2023. Die Täter fühlen sich dabei bestätigt und gestärkt durch das Gefühl, Teil einer größeren Bewegung zu sein und transportieren dabei bestimmte antisemitische Narrative weiter.

Die skandierten Parolen reproduzieren Erzählungen, die eigentlich mit progressiven Idealen unvereinbar sind. Die oft als »Solidarität mit Palästina« inszenierten Aktionen greifen auf einen ideologisch aufgeladenen Mythos zurück, der einer unschuldigen, homogenen Opfergemeinschaft eine dämonisierte Gegenseite gegenüberstellt. Israel wird in dieser Erzählung zur Chiffre des Bösen, sei es als Siedlermacht, als Apartheid-Regime oder als Besatzer. Dem jüdischen Staat wird somit jegliches Existenzrecht abgesprochen.

Auf der Bühne von Roskilde oder Glastonbury wurden diese Narrative ästhetisch aufgeladen und reproduziert. Die Pose der Rebellion, das Pathos der Empörung und die Emotionalisierung des Publikums erzeugen ein affektgeladenes Gemeinschaftsgefühl, das auf der Ausgrenzung von Juden und Jüdinnen basiert.

Diese Umkehrung, bei der sich Antisemitismus als moralische Position ausgibt, als, wie Jean Améry das kritisch auf den Begriff brachte, »ehrbarer« Kampf gegen Unterdrückung und Rassismus, ist vielleicht das gefährlichste Narrativ von allen. Denn es immunisiert sich gegen Kritik, indem es jede Gegenrede als Ausdruck vermeintlicher Komplizenschaft mit »den Mächtigen« diffamiert. Dies ist ein zynischer Triumph des Antisemitismus und die Beteiligung des Publikums zeigt, dass dieses Problem nur auf einige Künstler beschränkt ist. Wir befinden uns in einem gesellschaftlichen Klima, in dem israelbezogener Antisemitismus zum moralischen Distinktionsmerkmal geworden ist.

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