Der jüngste Angriff auf einen Komplex der Rüstungsindustrie in Ankara deutet auf eine neue Eskalation zwischen der Türkei und der Kurdischen Arbeiterpartei hin.
Der Angriff richtete sich gegen die türkische Luft- und Raumfahrtindustrie (TUSAS) und forderte fünf Todesopfer und 22 Verletzte, von denen sich einige in einem kritischen Zustand befinden.
Der Anschlag erfolgte einen Tag nachdem sich der Vorsitzende der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) Devlet Bahceli mit einer Initiative an den inhaftierten Gründer der Kurdischen Arbeiterpartei Abdullah Öcalan richtete. Dabei schlug der Verbündete von Präsident Recep Tayyip Erdogan und dessen Partner in der derzeitigen Regierung Öcalan vor, im Parlament eine Rede zu halten und »das Ende des Terrorismus und die Niederlegung der Waffen« zu verkünden, um im Gegenzug das in Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention festgelegte »Recht auf Hoffnung« gewährleistet zu bekommen.
Die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) bekannte sich zu dem kurz darauf erfolgten Anschlag. In einer Erklärung vom Freitag hieß es, dass »die Operation in der Zentrale der Luft- und Raumfahrtindustrie in Ankara am 23. Oktober von einer Gruppe der Unsterblichen Brigade durchgeführt wurde«, wobei ein Mann und eine Frau als Täter genannt wurden. TUSAS ist eines der wichtigsten Verteidigungs- und Luftfahrtunternehmen des Landes und stellt unter anderem das Flugzeug Qan her, den ersten in der Türkei produzierten Kampfjet.
Als Reaktion auf den PKK-Angriff wurden in den folgenden Tagen weiterhin und verstärkt Gebiete der autonomen Verwaltung im Nordosten Syriens, die unter der Kontrolle kurdischer Streitkräfte stehen, mit Drohnen und Artillerie bombardiert.
Eine Botschaft der PKK?
Der türkische Politik- und Sicherheitsforscher und Fellow des Atlantic Council Omer Özkizilcik erklärte, dieser »überraschende und unerwartete« Anschlag habe »eine große Symbolkraft«, da der getroffene Standort im Wesentlichen »das Herz der türkischen Verteidigungsindustrie« ist.
Seiner Ansicht nach war »der Angriff möglicherweise schon lange geplant, aber die Entscheidung zur Durchführung ging höchstwahrscheinlich auf Bahcelis Initiative zurück«. Dies sei laut Özkizilcik auch ein Hinweis darauf, dass die in der Türkei verbotene und auf den Terrorlisten der Vereinigten Staaten und einiger europäischer Länder stehende PKK »nicht bereit ist, sich aufzulösen« und die Waffen niederzulegen.
Der Experte beim in London ansässigen Progress Policy Center Mohammed Kawas sagte, der Angriff auf die Militäreinrichtung in Ankara habe jeder Möglichkeit eines Friedens zwischen der Türkei und den Kurden einen weiteren Schlag versetzt wie der zuletzt gestarteten Initiative des Vorsitzenden der Partei der Nationalistischen Bewegung: »Die traditionelle Sturheit innerhalb der Arbeiterpartei Kurdistans und des tiefen Staates in der Türkei könnte hinter dem Angriff stecken, um den Friedensprozess zu stören.«
Auch laut einer Analyse des Future Center for Advanced Research and Studies in Abu Dhabi wird der Anschlag zu einer Verringerung der ohnehin geringen Chancen auf Frieden führen, da nun die von Ankara gegen die Kurden in Syrien und im Irak gestartete Militäraktion fortgesetzt werden wird einschließlich einer groß angelegten Verfolgungskampagne gegen die PKK. Darüber hinaus kommt der Bericht zu dem Schluss, die Türkei werde mit einer weitreichenden Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten antworten, die bis zur Verhängung des Ausnahmezustands reichen könnte.




