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Peter Beinart: Wenn ein BDS-Unterstützer eine Israelreise tut

Peter Beinart auf einer Demonstration in New York
Peter Beinart auf einer Demonstration in New York (© Imago Images / Anadolu Agency)

Der BDS-Unterstützer Peter Beinart trat unlängst auf einem Vortrag in Tel Aviv auf. Was darauf folgte war ein Schauspiel von öffentlicher Selbstgeißelung, dass jeder Sekte würdig ist.

Das Ritual der »Selbstkritik« war in kommunistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts ein zentrales Instrument politischer Kontrolle. In der stalinistischen Sowjetunion wurde Selbstkritik vor allem innerhalb der Kommunistischen Partei angewandt. Funktionäre und einfache Mitglieder mussten öffentlich Fehler eingestehen, die oft vage oder konstruiert waren – etwa angebliche ideologische Abweichungen oder mangelnder Einsatz. Die Geständnisse dienten nicht nur der persönlichen Demütigung, sondern auch der Identifizierung vermeintlicher »Abweichler«. Während der großen Säuberungen gipfelte das Verfahren in erzwungenen Geständnissen bei Schauprozessen. Die ritualisierte Selbstkritik wurde so zu einem festen Bestandteil des Repressionsapparats und sollte die totale Unterordnung unter Stalin sichern.

In China nahm unter Mao die Selbstkritik eine noch umfassendere Form an, indem sie zu einem gesellschaftlichen Dauerzustand wurde, der in politischen Kampagnen immer wieder neu belebt werden konnte. Während der Kulturrevolution erreichte das Ritual eine extreme Ausprägung: In sogenannten Kampf- und Kritik-Sitzungen wurden Beschuldigte öffentlich erniedrigt, beschimpft und gezwungen, ihre vermeintlich »bürgerlichen« oder »konterrevolutionären« Einstellungen zu gestehen. Diese Veranstaltungen dienten der ideologischen Mobilisierung und der Festigung von Maos persönlicher Autorität, aber auch der sozialen Kontrolle bis in die kleinsten Einheiten des Alltags.

In der DDR war das Prinzip der »Kritik und Selbstkritik« offiziell ein Mittel zur Verbesserung kollektiver Arbeit. Praktisch diente es jedoch der politischen Steuerung und sozialen Überwachung. In Parteigruppen, FDJ-Zirkeln oder Betriebszellen mussten Mitglieder regelmäßig eigene Versäumnisse einräumen, von unzureichendem Arbeitseinsatz über mangelnde Parteitreue bis hin zu fehlerhaften politischen Einschätzungen. Zwar fiel die Praxis weniger brutal aus als in der Sowjetunion oder in China, doch blieb sie ein einflussreiches Herrschaftsinstrument. Wer sich verweigerte, riskierte berufliche Nachteile oder politische Isolierung.

Kadavergehorsam

Diese Systeme nutzten Selbstkritik zur Herstellung von Konformität. Die Rituale erzeugten öffentlichen Druck, förderten gegenseitige Überwachung und verankerten politische Normen tief im sozialen Gefüge. Sie sollten nicht nur das Verhalten, sondern auch das Denken der Menschen formen. Selbstkritik war damit weniger ein Mittel zur Verbesserung als ein Werkzeug der Machterhaltung – ein Versuch, die Grenzen des Politischen bis in das Private und Innere des Einzelnen hinein auszudehnen.

Eine ähnliche Praxis gibt es in der antisemitischen Boykottkampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanctions), wie der Fall des jüdisch-amerikanischen Journalisten und BDS-Unterstützers Peter Beinart zeigt, der kürzlich zu einer Veranstaltung an der Universität Tel Aviv eingeladen war und dessen dortiger Vortrag den Titel »Trump, Israel und die Zukunft der amerikanischen Demokratie« trug.

Kurz vorher kündigte Beinart an, auch über seine Kritik an der israelischen Politik sprechen zu wollen. Unter anderem bezeichnete er Israel als einen Staat, der seiner Ansicht nach »nicht nur Apartheid, sondern auch Völkermord« begehe. Er wolle Israelis direkt ansprechen, »um mit ihnen über Israels Verbrechen zu reden« und sie herauszufordern, ihre Haltung gegenüber Palästinensern und der Politik Israels zu überdenken.

Anti-Israel-Business as usual also. Die gleiche Veranstaltung hätte – ohne Trump im Titel – auch vor fünf, zehn oder fünfundzwanzig Jahren stattfinden können. Damals hätte sie in Israel kaum Aufmerksamkeit erregt, und heute tut sie das auch nicht. Der einzige Nachrichtenwert besteht ironischerweise im BDS-internen Zank, da Peter Beinart zur Selbstkritik gezwungen wurde, weil er nach Israel gereist war und dort an einer israelischen Institution mit Juden geredet hatte.

Vielleicht wusste Beinart nicht, dass auch die Universität Tel Aviv verbotenes Territorium ist? Schließlich hat auch der in Katar geborene BDS-Chefideologe Omar Barghouti dort studiert, was er doch sicherlich nicht getan hätte, wäre es verboten gewesen? Nein, so konnte sich Beinart nicht herausreden: Seine Herren und Meister von BDS hatten ihm verboten, an der Universität Tel Aviv zu sprechen und das ganze Programm von »Kolonialismus« und »Genozid« abgespult. Beinart hatte einen Befehl verweigert, nun muss er Buße tun. Auf X schrieb er:

»Mit meinem Vortrag Anfang dieser Woche an der Universität Tel Aviv habe ich einen schweren Fehler begangen.« Das Unheil habe damit begonnen, dass er eigenständig gedacht habe: »In der Vergangenheit habe ich bei der Formulierung meiner Ansichten zum Israel-Palästina-Konflikt stets palästinensische Freunde und Gesprächspartner aufgesucht und ihren Ansichten aufmerksam zugehört. Diesmal tat ich das nicht.«

Er sei nach Tel Aviv gereist, so seine Rechtfertigung, um den Israelis »zu erklären, warum ich glaube, dass Israel im Gazastreifen Völkermord begangen hat und warum ich die jüdische Vorherrschaft für grundlegend falsch halte«. Beinart beteuerte, kein Honorar erhalten zu haben; er wollte einfach nur »einem israelischen Publikum bestimmte Dinge sagen«. Der Rest des Textes klingt so, als stünde Beinart als Angeklagter in einem stalinistischen Schauprozess und würde eine vom Regime vorgefertigte Rede vom Blatt ablesen:

»Ich habe meinen Wunsch nach diesem Gespräch über meine Solidarität mit den Palästinensern gestellt, die angesichts ethnischer Säuberungen, Apartheid und Völkermord die Welt zum Boykott israelischer Institutionen aufgerufen haben, die an ihrer Unterdrückung mitschuldig sind.

Wie Noura Erakat und andere betont haben, gibt es Möglichkeiten, mit Israelis zu sprechen, ohne gegen die BDS-Richtlinien zu verstoßen und den gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung zu untergraben. Ich hätte den gewünschten Austausch führen können und dabei eine gewaltfreie Bewegung respektieren können, die auf Menschenrechten und internationalem Recht basiert. Hätte ich den Palästinensern besser zugehört, wäre mir das früher klar geworden.«

Noura Erakat, Nichte des verstorbenen PLO-Funktionärs Saeb Erekat, ist Juristin und der Meinung, Israel hätte keinerlei Recht auf Selbstverteidigung. Die Israelis hätten also nur das Recht, sich töten zu lassen. Folgerichtig schämt sich Beinart, einen Augenblick lang etwas anderes als Kadavergehorsam gegenüber den antisemitischen BDS-Apparatschiks an den Tag gelegt zu haben:

»Es ist mir peinlich, einen so schwerwiegenden Fehler einzugestehen. Ich wünschte zutiefst, ich hätte ihn nicht begangen, denn er hat besonders großen Schaden angerichtet, da internationaler Druck entscheidend für die Sicherung der palästinensischen Freiheit ist. Es war ein Fehlurteil. Es tut mir leid.«

Sekte BDS

Die Reaktionen auf Peter Beinarts öffentliche Selbstkritik und Selbstgeißelung sprechen für sich:

  • Dave Rubin: »Wahrlich der jämmerlichste, erbärmlichste Verlierer auf dieser ganzen Plattform.«
  • Karen Smith: »Man kann sich selbst nie genug hassen, um von Antisemiten geliebt zu werden.«
  • Adam Louis-Klein: »Du tust nichts anderes, als jüdische Scham für antizionistische Rassisten zu inszenieren. Das ist keine wohlüberlegte politische Position, sondern eine rituelle Handlung, die dazu dient, die antizionistische Hassbewegung zu legitimieren.«
  • Orli Peter: »In über dreißig Jahren als Traumapsychologin habe ich genau diese Haltung bei missbrauchten Frauen und Menschen in Sekten beobachtet. Wenn sie sprechen, stellen sie es als Sünde dar, sich nicht bei den Anführern der Gruppe zu melden, als ob unabhängiges Denken Buße erfordern würde. Sie fangen an, alltägliche Handlungen der Selbstbestimmung – Gespräche mit Außenstehenden oder eine eigene Meinungsbildung – als Verrat zu betrachten, der gebeichtet werden muss.«

Beinart, das zeigt sich, hat Angst, aus seiner selbstgewählten sozialen Gruppe verstoßen zu werden und klingt beinahe verzweifelt, als gäbe es für ihn kein Leben außerhalb der Anti-Israel-Szene.

Der Fanatismus, den die BDS-Jünger gegenüber Israel und Juden an den Tag legen, ist wohlbekannt, der Fall Beinart zeigt hingegen eine andere Facette, nämlich die Repression und Gleichschaltung im Inneren, wie man sie von manchen religiösen Sekten kennt. Aussteiger berichten von sozialem Druck und Furcht vor Konsequenzen: Viele Gruppen arbeiten mit Schuldgefühlen, Angst und Drohkulissen. Sekten geben oft das Gefühl von Familie, Sinn oder Zugehörigkeit. Den Schritt, das alles aufzugeben, ist emotional schwierig. Einige Gruppen reagieren feindselig auf Austritte oder setzen Mitglieder gezielt unter Druck. Wichtig für Peter Beinart wäre zu wissen: Aussteiger berichten oft, dass der Weg schwierig, aber befreiend ist.

Leider wirkt sein Geist derzeit verschlossen, hermetisch abgeriegelt gegen den Pluralismus der Außenwelt. Alec Mauer, der bei Beinarts Vortrag in Tel Aviv anwesend war, berichtete auf dem Blog der Times of Israel, dass er sich über ein Gespräch mit ihm gefreut habe: »Als jüdischer Student an einer israelischen Hochschule war ich dankbar, dass er sich entschied, mit meinen Kommilitonen und mir zu sprechen. Leider glaube ich nicht, dass er das genauso sieht.« Mauer bedauert, dass Beinart meint, sich für seinen Vortrag schämen zu müssen, weil er angeblich nicht die Stimmen der Palästinenser gehört habe. Er frage sich, so Mauer, ob Beinart »sich überhaupt mit den fünfzehn Prozent unserer Studenten ausgetauscht hat, deren Muttersprache Palästinensisch-Arabisch ist«.

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