Die Pessach-Geschichte ist eine der Befreiung. Inmitten ständiger Raketenalarme wird das Fest in diesem Jahr ein Akt der Behauptung.
In Tel Aviv beginnt der Tag nicht mit Ruhe, sondern mit Alarm. Noch bevor die Sonne richtig aufgegangen ist, zerreißt das Heulen der Sirenen die Morgenstille. Raketenalarm – und er dauert an. Minuten werden zu einer halben Stunde, zu einer Stunde. Der Körper ist wach, aber nicht ausgeruht. Der Puls bleibt oben. Es ist nicht der erste Alarm, aber an Tagen wie diesen fühlt sich jeder einzelne neu an. Es wird von Einschlägen im Großraum Tel Avivs berichtet. Bilder zeigen zerstörte Häuser und brennende Autos.
Und wieder Alarm
Es ist Pessach. Eigentlich ein Fest der Vorbereitung, der Reinigung, der Erwartung. In den Wohnungen wird gekocht, gedeckt, organisiert. Familien fahren zusammen weg, Kinder freuen sich, Traditionen geben Struktur.
Doch in diesem Jahr liegt über allem eine andere Realität. Am Nachmittag, kurz bevor die Pessach-Nacht beginnt, gegen 17:30 Uhr, heulen erneut die Sirenen. Menschen lassen stehen, was sie gerade tun – Töpfe auf dem Herd, halb gedeckte Tische, Gespräche mitten im Satz – und gehen in die Schutzräume. Gerade noch hat man Gemüse geschnitten, den Tisch vorbereitet, vielleicht schon ein Glas Wein eingeschenkt. Dann: Alarm.
Es ist die umfangreichste Salve, die der Iran seit Beginn des Krieges abgefeuert hat. Auf den Highways des Landes spielen sich Szenen ab, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingraben werden. Familien auf dem Weg zum Seder müssen abrupt anhalten. Türen gehen auf, Menschen legen sich neben ihre Autos auf den Asphalt, Hände über dem Kopf, den Blick nach unten gerichtet. Für einen Moment wird der Alltag vollständig suspendiert. Es gibt nur noch die Hoffnung, dass der nächste Einschlag nicht in der Nähe ist.
Und doch – wenige Stunden später sitzen viele von ihnen am Tisch.
Schatten über dem Fest
Pessach erzählt die Geschichte des Auszugs aus Ägypten, die Befreiung aus der Sklaverei. Es ist die zentrale Erzählung von Freiheit im jüdischen Selbstverständnis. »In jeder Generation ist jeder Mensch verpflichtet, sich selbst so zu sehen, als sei er aus Ägypten ausgezogen«, heißt es in der Haggada.
In diesem Jahr bekommt dieser Satz eine neue, beinahe unmittelbare Bedeutung. Denn Freiheit erscheint nicht als abstraktes Ideal, sondern als fragiler Zustand, der verteidigt werden muss. Wie auch aktuelle Analysen betonen, lässt sich das Fest in diesem Jahr kaum als unbeschwerte Feier der Freiheit verstehen, sondern steht im Schatten eines andauernden Konflikts.
Der Weg aus der Unfreiheit war nie geradlinig. Auch die biblische Erzählung kennt keine plötzliche Erlösung: Plagen, Unsicherheit, Aufbruch ins Ungewisse. Die Wüste als Zwischenraum – kein Ziel, sondern ein Prozess. Heute, inmitten von Sirenen und Raketen, wird dieser Zwischenraum greifbar.
Israel befindet sich in einem Zustand, der weder Krieg im klassischen Sinne noch Frieden ist. Das Leben geht weiter, aber es ist verschoben. Zeit wird anders erlebt. Man plant weniger, reagiert mehr. Der Alltag bleibt bestehen, aber unter Vorbehalt. Genau darin liegt eine paradoxe Form von Resilienz: nicht trotz der Bedrohung weiterzumachen, sondern mit ihr.
Trotz allem
Das Pessach-Mahl selbst wird so zu einem Akt der Behauptung. Nicht im Sinne einer naiven Normalität, sondern als bewusste Entscheidung, an einer Tradition festzuhalten, die genau von solchen Brüchen erzählt. Der Sederabend ist keine Flucht aus der Realität, sondern ihre Rahmung.
Die Bitterkräuter auf dem Teller stehen in diesem Jahr nicht nur symbolisch für vergangenes Leid. Sie verweisen auf eine Gegenwart, in der Unsicherheit Teil des Alltags ist. Der Wein, der die Freude markieren soll, wird in einem Kontext getrunken, der diese Freude nicht selbstverständlich macht.
Und dennoch: Man sitzt zusammen. Man liest. Man erzählt.
Vielleicht liegt gerade darin die tiefere Verbindung zwischen der biblischen Geschichte und der Gegenwart. Der Auszug aus Ägypten war kein Moment, sondern ein Prozess, geprägt von Angst, Zweifel und Hoffnung zugleich. Freiheit ist nicht nur ein Zustand am Ende dieses Weges, sondern auch die Fähigkeit, ihn überhaupt zu gehen. In Tel Aviv, zwischen Raketenalarm am Morgen und Sirenen am Abend, wird diese Erkenntnis konkret.
Pessach ist in diesem Jahr kein ruhiges Fest. Aber vielleicht ist es gerade deshalb ein besonders ehrliches.






