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Buchtipp: „People Love Dead Jews“

Die ehemalige Synagogue im chinesischen Harbin, nun das Museum über jüdisches Leben im frühen 20. Jhdt.
Ehemalige Synagogue im chinesischen Harbin, nun das Museum über jüdisches Leben im frühen 20. Jhdt. (© Imago Images / Danita Delimont)

Wenn Sie sich abends oder am Wochenende mit einem netten Belletristik-Titel entspannen wollen, sollten Sie das neue Buch von Dara Horn tunlichst vermeiden. Wenn Sie hingegen bereit sind, einer ebenso klaren wie erschütternden Wahrheit ins Auge zu schauen, führen Sie sich „People Love Dead Jews“ unbedingt zu Gemüte.

Es handelt sich um eine spannende Textanthologie mit Vignetten aus dem Leben einer jungen amerikanischen Schriftstellerin und Erkenntnissen aus ihren sorgfältigen Recherchen. Im Ton scharf und wütend, im Stil kristallklar, liest sich das Buch wie eine knallharte Anklageschrift.

„Leute lieben tote Juden – lebende nicht so sehr!“

 „Leute lieben tote Juden lebende nicht so sehr!“ schreibt Dara Horn und weist damit auf eine merkwürdige Diskrepanz hin. Zwar werden überall Museen, Ausstellungen und Ehrenmäler errichtet, um dem Holocaust und den Millionen vertriebener und ermordeter Juden zu gedenken, gleichzeitig aber mehren sich daselbst auch jede Menge antisemitischer.

Diesem Widerspruch will Horn auf den Grund gehen. Und so beginnt sie eine ausgiebige Erhebungsreise, die sie teils virtuell und teils auch reell in ferne Gefilde führt.

Absurdes im Anne-Frank-Haus

Den Anfang macht Horn in einem holländischen Touristenmekka, dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Dort erfährt sie manch Sonderbares – etwa, dass ein junger Mitarbeiter einst aufgefordert wurde, sein Käppchen unter einer Baseballmütze zu verstecken. Es gelte schließlich, so seinerzeit die Erklärung der Museumsverantwortlichen, „Neutralität“ und „Unabhängigkeit“ zu wahren.

Gut, die Aufforderung wurde nach vier Monaten revidiert. Horn aber meint, das sei doch „eine ziemlich lange Zeit für das Anne-Frank-Haus, um zu überlegen, ob es eine gute Idee wäre, einen Juden zu zwingen, sich zu verstecken.“

Ebenso bizarr schien Horn die Tatsache, dass neben den ausgestellten mehrsprachigen Audioguides stets auch die entsprechende Landesfahne abgebildet war – stets außer im Falle Israels.

Klar, auch diese Bemühungen jegliche Assoziation mit dem Judentum zu meiden, hielten nicht lange an. Trotzdem sind sie bezeichnend. Horn meint gar, sie stünden mit dem Erfolg des Museums in Einklang. Denn es sei ja gerade der kleine Verhau, in dem sich Menschen ob ihres Jüdisch-Seins verbergen mussten, der so viele Besucher fasziniere.

Der Wunsch nach Absolution

Die ungeheure Popularität des Anne-Frank-Hauses kann sich Horn nur auf eine Weise erklären: Mit tiefer Reue über die Vergangenheit und Achtung für das lebende Judentum habe das nichts zu tun. Was Menschen hier suchten, sei vielmehr Seelenruhe und Absolution.

Am Ende, so würden viele bei der ebenso wohlwollenden wie betretenen Betrachtung der Gedenkstätten fühlen, siege ja doch das Gute. Denn was sei entlastender und befreiender als die Stimme eines verfolgten, jüdischen Mädchens, dass schriftlich beteuere, sie glaube doch und trotz allem „stets an das Gute im Menschen“.

Das Problem sei nur, so Horn, dass Anne Frank diese schönen Worte, die zu den meistzitierten aus ihrem Tagebuch wurden, niederschrieb, bevor sie drei Wochen später auf Menschen traf, die gar nicht gut waren.

Besonders einleuchtend werden die bitteren Erkenntnisse von Horn, wenn sie die Aufzeichnungen von Anne Frank mit jenen von Zalmen Gradowski vergleicht. Gradowski war Mitglied des Sonderkommandos und musste die Toten (unter anderem auch den eigenen Vater) aus den Auschwitz-Gaskammern zerren und in den Krematorien verbrennen – allerdings nicht ohne ihnen vorher die Goldfüllungen aus den Zähnen zu entfernen.

Der junge Pole, der im Jahr 1944 nach einer Revolte des Sonderkommandos exekutiert wurde, schrieb auf, was er sah und vergrub sein vernichtendes Tagebuch in Auschwitz, wo es später gefunden wurde. Gelesen haben es, im Gegensatz zum Tagebuch der Anne Frank, bislang nur wenige.

Heuchelei in Harbin

Eine weitere Reise führt Dara Horn in die Mandschurei, nach Harbin. Die Stadt wurde einst von russischen-jüdischen Migranten als Angelpunkt für den Erbau der transsibirischen Eisenbahnlinie gegründet.

Den Juden diente sie knapp dreißig Jahre lang als Paradies. Sie genossen Freiheit und Wohlstand – „bis sie es nicht mehr taten“. Innerhalb einer Generation war der Traum nämlich vorbei. Soldaten der japanischen Armee und weißrussische Faschisten folterten und töteten viele der ortsansässigen Juden. Die Glücklicheren unter ihnen konnten gerade noch mittellos entfliehen.

Heute lebt nur noch ein einziger Jude in Harbin, ein älterer israelischer Journalist, der sich selbst zum jüdischen Historiker der Stadt ernannt hat. Das hat die Verwaltung aber nicht davon abgehalten, eine kolossale Nachbildung des jüdischen Harbins zu errichten. Komplett mit lebensgroßen Gipsstatuen, die jüdische Erwachsene bei der Arbeit und jüdische Kinder beim Spiel nachstellen.

„Jewish Heritage Sites“ nennen sich solche Stätte. Horn meint, es handle sich dabei um eine wesentlich wohlklingendere Bezeichnung als „beschlagnahmtes Eigentum toter oder vertriebener Juden“. Auch im chinesischen Harbin geht es wohl nicht darum, Reue zu zeigen oder vor Rassismus und Antisemitismus zu warnen. Woran sich das erkennen lässt? Laut Horn besonders auch daran, dass nirgendwo in dieser harbinschen Disneywelt erklärt wird, warum es heute vor Ort keine Juden mehr gibt. 

Was also hat die Chinesen motiviert, diese Nachbildung, die bei näherem Hinsehen nicht nur kitschig, sondern auch gefälscht erscheint, zu errichten? Man habe sich, so Horn, erwartet, dass die jüdischen Sehenswürdigkeiten jede Menge wohlhabender jüdischer Touristen anziehen und damit Harbin einen erneuten Aufschwung bescheren würde.

Dass Juden im Reich der Mitte gerne mit Geld assoziiert werden, verrät auch die Tatsache, dass in den lokalen Buchgeschäften Titel, wie „Talmud, the Greatest Jewish Bible for Making Money“ feilgeboten werden.

Antisemitismus in Amerika

Besonders betroffen macht Horn die Entdeckung, dass es auch in ihren heimischen Gefilden keineswegs an antisemitischen Vorfällen mangelt. Fassungslos machen sie nicht nur die Anschläge in Pittsburgh, Poway und New Jersey, sondern auch die Tatsache, dass hier die Opfer subtil zu den Schuldigen gemacht werden.

So schrieb die Associated Press nach den Anschlägen auf den koscheren Lebensmittelladen in Jersey City, die Morde hätten sich in einer Gegend ereignet, in der viele religiöse Juden kürzlich eingezogen wären – trotz des „Widerstands einiger Ansässiger, die sich darüber beschwerten, dass Vertreter dieser orthodoxen Gemeinden von Tür zu Tür gingen und anboten, die Häuser zu Brooklyn-Preisen zu erwerben.“ 

Warum, so fragt sich Horn, werden andere Terroranschläge nicht ähnlich kontextualisiert. Ihr bleibt denn auch nur die erschütternde Erkenntnis: Es sei wieder erklärbar, sprich quasi wieder normal geworden, Juden, die an ihrem Äußeren erkennbar sind, für „die Kühnheit, dass sie irgendwo leben wollen“ zu verfolgen oder gar zu töten.

Schockierendes bei Shakespeare

Antisemitismus entdeckt Horn aber nicht nur auf ihren ausgiebigen Reisen in ferne Länder, sondern, zu ihrem Leidwesen, auch in Klassikern der Weltliteratur. Beispiel: der „Kaufmann von Venedig“. Zwar versucht sie Shakespeare, „diesen Inbegriff der westlichen Zivilisation“, zu verteidigen, aber ihr 10-Jähriger Sohn öffnet ihre schonungslos die Augen.

Nein, so sinniert der Junior, Shylock’s Monolog zeige nicht seine Menschlichkeit, und damit Shakespeares Mangel an Vorurteilen, sondern die Boshaftigkeit des Protagonisten, die er mit der erfahrenen Schmähung seitens der Gesellschaft zu erklären sucht.

Entgeistert nimmt Horn die Erklärung zu Kenntnis und denkt dabei an Sätze, wie „Sicher ist der Jude die Inkarnation des Teufels“, die wohl Einiges über Shakespeares Gesinnung verraten. Dass sie sich genau wie Millionen anderer diese Einsicht bislang versagt hat, erkennt sie nun als beschämende Selbsttäuschung und Ergebnis subtiler Manipulation.

Trost im Talmud

Und wo bleibt das Positive? Im Gegensatz zu Erich Kästner, hat Dara Horn auf diese Grundfrage eine Antwort gefunden. Sie liegt im Talmud, mit dessen Lehren sich die Schriftstellerin immer intensiver beschäftigt.

Denn hier, so erklärt sie, werden nicht nur tote Juden zu eigenen Zwecken gewürdigt. Beim Studium des Daf Yomi, der täglichen Talmud-Seite, der sich Millionen Juden auf der ganzen Welt widmen, fühlt sich Horn „getragen von lebenden und toten Mitlesern, die alle mit mir die Seiten umblättern.“

Zaudern beim Zionismus

Dara Horns Erkenntnisse sind ebenso erschütternd wie ernüchternd, und ihr Buch gehört für mich zu jenen wenigen Werken, die den Leser zum Nach- und Umdenken zwingen. Mir fehlt allerdings das Bekenntnis zum jüdischen Staat, das sich aus den Hornschen Einsichten doch überwältigend ergibt.

Zu diesem Thema befragt, meint sie, sie hätte dem Thema Israel nicht in einem Kapitel gerecht werden können und wolle es nicht „reduzieren«. Nun gut! Ich frage mich nur, ob die forsche Schriftstellerin sich hier nicht doch vor dem brenzligen Topic, das ihre weitgefächerte Leserquote beeinflussen hätte können, ein wenig gedrückt hat. Unbedingt lesenswert ist „People Love Dead Jews“ allemal.

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