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Österreichs größte Tageszeitung und das blutige Endspiel in Syrien

Von Florian Markl

Österreichs größte Tageszeitung und das blutige Endspiel in Syrien
Ist bei der Lektüre mancher westlicher Zeitungen vermutlich zufrieden: Diktator Assad.

In einer ausführlichen Reportage beschrieb die New York Times am Sonntag einen besonders grausamen Bestandteil des „rücksichtslosen Krieges“, den das syrische Regime in den vergangenen acht Jahren gegen die eigene Bevölkerung geführt hat: Hunderttausende Syrer wurden in Gefängnissen und anderen Einrichtungen systematisch gefoltert, fast 14.000 im Zuge dessen getötet, von rund 128.000 fehlt bis heute jede Spur. Verteidiger Assads haben für das Schicksal dieser Menschen bestenfalls Krokodilstränen übrig – sie propagieren weiter das Skript des Regimes, demzufolge in Syrien bloß ein Kampf gegen islamistischen Terror geführt werde.


Sturm auf letztes Rebellengebiet

Seit zwei Wochen machen das syrische Regime und seine Verbündeten in der Provinz Idlib im Nordwesten des Landes genau das, was sie zuvor bereits in anderen Regionen getan haben, die sie wieder unter Kontrolle bringen wollen: Unablässig bombardieren sie das Gebiet, greifen zivile Wohngebiete sowie gezielt auch zivile Infrastruktureinrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen an und treiben Hundertausende Menschen in die Flucht, von denen viele zuvor bereits aus anderen Landesteilen vertrieben und zuletzt nur mehr in Idlib Unterschlupf finden konnten. Wie stets zuvor erklärt das Regime, nur islamistische Milizen unter Beschuss zu nehmen, und erhält bei der Verbreitung dieser Lüge tatkräftige Unterstützung seiner internationalen Claqueure.

Einer von ihnen ist Christian Hauenstein, der in seinen Kommentaren in der Kronen Zeitung Jubel über die russische Intervention in Syrien zum Ausdruck bringt und Propaganda zur Diskreditierung der Opposition gegen Assad verbreitet. So verwundert es nicht, dass Hauenstein auch in diesen Tagen dem vom syrischen Regime betriebenen Blutvergießen publizistisch den Rücken stärkt. Weil die EU-Außenminister sich über die Offensive gegen Idlib besorgt gezeigt haben – was davon zu halten ist, hat Thomas von der Osten-Sacken erläutert –, beschuldigt Hauenstein sie der falschen Ausgewogenheit: „(K)ann es im Kampf gegen islamistische Terrorgruppen (…) um Ausgewogenheit gehen? Muss man nicht dankbar sein, wenn sie bekämpft werden?“ Ganze Stadtviertel dem Erdboden gleich machen, Fassbomben gegen Zivilisten, vielleicht erneuter Einsatz von Giftgas, für Hauenstein fällt das nach dem Motto „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ unter die Rubrik „Kampf gegen Terrorgruppen“ – und habe damit, Kriegsverbrechen hin oder her, nicht etwa Kritik, sondern vielmehr die Dankbarkeit des Westens verdient.


Lob der Barbarei

Nun kann nicht bestritten werden, dass islamistische Gruppen (wie der al-Qaida-Ableger Hayat Tahrir al-Sham) in Idlib stark vertreten sind, doch hat die Präsenz von Islamisten für das Regime während der vergangenen acht Jahre stets nur als höchst willkommener Vorwand dafür gedient, Krieg gegen eine Bevölkerung zu führen, die sich der Diktatur Assads hatte entledigen wollen. Tatsächlich setzte das Regime selbst alles daran, die Islamisten und Dschihadisten, mit denen es in der Zeit des Irak-Krieges noch bestens zusammengearbeitet hat, zu fördern, um die nicht-islamistische Opposition zu zerstören. Politischer Protest war und ist für Assad gefährlicher als bewaffneter Kampf, in dem er nicht zuletzt dank tatkräftiger Hilfe aus dem Iran und aus Russland am längeren Ast sitzt.

Österreichs größte Tageszeitung und das blutige Endspiel in Syrien
Sednaya-Gefängnis, in dem das Regime verschleppte Syrer foltert und ermordet.

Während der Westen wie gebannt auf die Verbrechen des Islamischen Staates starrte, geriet aus dem Blick, dass das Assad-Regime für über 90 Prozent der zivilen Opfer des Krieges verantwortlich ist und die Mehrheit der Millionen Flüchtlinge nicht vor Islamisten, sondern vor der blutigen Gewalt des Regimes das Weite gesucht hat.

Hauenstein versucht in seinen Syrien-Kommentaren den Umstand zu verschleiern, dass Assad nicht in erster Linie Krieg gegen islamistische Terroristen führt, sondern in Wahrheit gegen weite Teile der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung des Landes. Er blendet komplett aus, dass das Regime und der IS eine durchaus symbiotische Beziehung zueinander pflegten, in der sich beide darum bemühten, die übrige Opposition zu zerschlagen – weshalb die regimetreuen Kräfte es lange Zeit tunlichst vermieden, gegen den IS vorzugehen.

Hauenstein ignoriert, dass Assads angeblicher Krieg gegen islamistischen Terror vor allem darin bestanden hat, die ethnische bzw. religiös-sektiererische Zusammensetzung der Bevölkerung des Landes zu seinen Gunsten zu verändern, indem er in blutigen Kampagnen und unter anderem unter Einsatz von Giftgas Millionen potenziell aufsässiger Sunniten in die Flucht trieb. Dass sich der Diktator dabei von der islamistischen Terrororganisation Hisbollah unter die Arme greifen ließ, diesen Umstand, der das Gerede vom vermeintlichen „Kampf gegen den islamistischen Terror“ Assads ad absurdum führt, erwähnen Hauenstein & Co. nicht.

Und jetzt, da sich das Regime daran macht, die letzte noch verbliebene Rebellenregion zu überrollen, singt Hauenstein ein weiteres Mal das Loblied auf den angeblichen „Kampf gegen islamistische Terrorgruppen“ – und stellt den Schergen des Regimes gewissermaßen schon vorab einen Blankoscheck für die Kriegsverbrechen aus, die sie begehen werden. Österreichs größte Tageszeitung stellt damit unter Beweis, wie das Bekenntnis zum „Kampf gegen islamistischen Terror“ mit offener Parteinahme für die Barbarei einher gehen kann.

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