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In Paris und London herrscht Ratlosigkeit in den jüdischen Gemeinden

In der Londoner U-Bahn-Station Belsize Park kam es zu einem antisemitischen Übergriff
In der Londoner U-Bahn-Station Belsize Park kam es zu einem antisemitischen Übergriff (© Imago Images / Dreamstime)

Auch wenn die 2020er Jahre nicht die 1930er sind, erinnern die antisemitischen Gewalttaten in London, Paris und anderen westliche Metropolen, doch stark an diese Zeit.

Ben Cohen

In meiner letzten Kolumne habe ich über die Vergewaltigung eines zwölfjährigen jüdischen Mädchens in Paris durch drei nur ein Jahr ältere Jungen geschrieben, die sie mit antisemitischen Beschimpfungen überschütteten, während sie einen Akt der Gewalt ausführten, der an die schlimmsten Exzesse des Hamas-Pogroms vom 7. Oktober 2023 im Süden Israels erinnerte. Diese Woche geht es um eine andere Gewalttat, die zwar weniger entsetzlich und traumatisch ist, aber ebenfalls darauf hindeutet, dass das Ende der jüdischen Existenz in weiten Teilen Europas in greifbare Nähe gerückt sein könnte.

Letzte Woche wurde eine Gruppe jüdischer Schüler der angesehenen Hasmonean School in London von einer Bande antisemitischer Schläger angegriffen. Der Überfall ereignete sich in der U-Bahn-Station Belsize Park, in einem Viertel mit einer ähnlichen demografischen Struktur und Sensibilität wie die Upper West Side in New York, wo es eine große, alteingesessene jüdische Bevölkerung mit Geschäften, Cafés und Synagogen gibt.

Nach Angaben der Mutter eines der bedrängten Jungen, gerade elf Jahre alt, »rannte die Bande vor meinem Sohn her und stieß einen seiner Freunde zu Boden. Sie versuchten, ein anderes Kind auf die Gleise zu schubsen. Sie zerrten ihn bis an die gelbe Sicherheitslinie.« Als der Sohn einzugreifen versuchte, um seine Freunde zu schützen, wurde er verfolgt und verlor durch einen Ellbogenschlag ins Gesicht einen Zahn. »Verschwinde aus der Stadt, Jude!«, schrie die Bande ihn an.

Seit dem Angriff kann das Kind nicht mehr schlafen. »Mein Sohn ist sehr aufgewühlt. Vergangene Nacht konnte er nicht schlafen. Er sagte: ›Das ist nicht fair. Warum tun sie uns das an?‹«, verriet seine Mutter. »Wir lieben dieses Land«, fügte sie hinzu, »und wir beteiligen uns und leisten unseren Beitrag, aber jetzt werden wir auf genau die gleiche Weise ausgesondert wie die Juden 1936 in Berlin. Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Angst, die U-Bahn zu benutzen. Was ist hier los?«

Die Frau und ihre Familie werden vielleicht nicht mehr lange genug in London bleiben, um das herauszufinden. Laut dem Jewish Chronicle denken sie daran, aus Großbritannien zu »fliehen – ein Wort, das wir nach dem Massenmord, den wir im vergangenen Jahrhundert erlebt haben, in einem jüdischen Kontext niemals wieder zu hören hofften. Aber hier sind wir nun gelandet.«

Neu formierter Judenhass

Mein Geschichtslehrer in London betonte immer wieder, dass keine zwei Situationen genau gleich seien. »Vergleiche sind abscheulich, Jungs«, sagte er. Diese Erkenntnis habe ich mir zu Herzen genommen und ich glaube immer noch an ihre Wahrhaftigkeit.

Es gibt strukturelle Gründe, die erklären, warum sich die 2020er Jahre in wesentlichen Punkten von den 1930er Jahren unterscheiden. Zum einen sind die europäischen Gesellschaften wohlhabender und besser gerüstet, um mit sozialen Konflikten und wirtschaftlichen Unruhen umzugehen, als sie es vor einem Jahrhundert waren. Auch bieten Gesetze Minderheiten einen deutlicheren Schutz, und Hassverbrechen und -reden werden härter bestraft. Am wichtigsten ist vielleicht, dass es einen jüdischen Staat gibt, der kaum achtzig Jahre alt ist und in dem sich alle Juden niederlassen können, so sie wollen.

Genau darin liegt jedoch der Haken. Seit 1948 hat Israel es den Juden innerhalb und außerhalb des jüdischen Staates ermöglicht, ihren Kopf erhoben zu tragen und sich als Partner im System der internationalen Beziehungen zu fühlen anstatt als verletzliche, unterworfene Gruppe, die der Gnade der Staaten ausgeliefert ist, in denen wir als oft gehasste Minderheit leben. Die Existenz Israels ist das Juwel in der Krone der jüdischen Emanzipation und besiegelt das, was wir für unseren neuen Status hielten, durch den wir als Gleichberechtigte behandelt werden und durch den der Antisemitismus, der unsere Großeltern und Urgroßeltern plagte, zum Tabu geworden ist.

Wenn Israel die größte Errungenschaft des jüdischen Volks seit mindestens hundert Jahren darstellt, ist es nicht verwunderlich, dass es zur Hauptzielscheibe der heutigen, neu formierten Antisemiten geworden ist. Und wenn eines seit den Gräueltaten der Hamas vom 7. Oktober klar ist, dann, dass die Existenz Israels nicht etwas ist, bei dem Juden – mit Ausnahme einer kleinen Minderheit von Antizionisten, die auf Geheiß der Antisemiten handeln und deren Ignoranz und Bigotterie wiedergeben – zu Kompromissen bereit sind.

Entscheidung für das Leben

Was sich geändert hat, ist, dass es für Juden immer schwieriger wird, in jenen Ländern, in denen sie leben, zu bleiben und gleichzeitig ihre zionistischen Sympathien zu bekunden. Wegen dieser Sympathien werden wir in den sozialen Medien, auf Demonstrationen und zunehmend auch auf der Straße von Menschen angegriffen, die keinerlei moralische Gesinnung haben und unsere Kinder als legitime Ziele betrachten. Daher kommt man kaum umhin, zu dem Schluss zu kommen, dass die 2020er Jahre zwar nicht die 1930er Jahre sind, sich aber durchaus wie die 1930er Jahre anfühlen.

Und so kehrt die uralte Frage zurück: Sollen die Juden, vor allem jene in Europa, wo sie mit der Zangenbewegung einer wachsenden muslimischen Bevölkerung, in der antisemitische Ansichten weit verbreitet sind, und einer wieder erstarkenden extremen Linken, die der palästinensischen Sache zugetan ist, konfrontiert sind, bleiben, wo sie sind, oder sollen sie ihre Sachen packen und nach Israel ziehen? Sollten wir angesichts der Zunahme des Antisemitismus in den letzten Monaten daran denken, auch Amerika aufzugeben?

Früher hatte ich zu all dem eine klare Meinung. Die Alija, die Einwanderung nach Israel, ist das edelste aller zionistischen Ziele und sollte gefördert werden, aber ich habe mich immer gegen die Vorstellung gewehrt, dass jeder Jude in Israel leben sollte: Erstens, weil ein starkes Israel stimmgewaltige, selbstbewusste Diaspora-Gemeinschaften braucht, die sich in den Korridoren der Macht für den jüdischen Staat einsetzen können; zweitens, weil der Umzug nach Israel idealerweise ein positiver Akt sein sollte, der durch Liebe motiviert ist und kein negativer, der von Angst angetrieben wird.

Mein Standpunkt ist heute nicht mehr so klar wie früher. Ich glaube immer noch, dass ein starkes Israel eine starke Diaspora braucht, und ich denke, es ist viel zu früh, die Vereinigten Staaten aufzugeben – ein Land, in dem Juden so gut gediehen sind wie nirgendwo sonst in der Diaspora.

Dennoch erinnert mich die Situation in Europa zunehmend an die Beobachtung des russischen Zionisten Leo Pinsker in Autoemanzipation, einem schicksalsschweren Essay, den er 1882 in einer anderen dunklen Periode der jüdischen Geschichte schrieb: »Wir sollten uns nicht einreden, dass Humanität und Aufklärung jemals radikale Heilmittel für die Krankheit unseres Volks sein werden.«

Der Antisemitismus, mit dem wir es heute zu tun haben, gibt sich »aufgeklärt«, basierend auf grenzenloser Sympathie für eine arabische Nation, die angeblich von jüdischen Kolonisten enteignet worden sei. Wenn unsere Kinder ihm zum Opfer fallen, hört dieser Antisemitismus auf, eine rein intellektuelle Herausforderung zu sein, und wird zu einer Frage von Leben und Tod. Als Juden und als Menschen sind wir verpflichtet, uns für das Leben zu entscheiden – und das bedeutet letztendlich, wenn die Nuancen verschwinden und der Terror uns verfolgt, uns für Israel zu entscheiden.

Ben Cohen ist ein in New York lebender Journalist und Autor, der eine wöchentliche Kolumne über jüdische und internationale Angelegenheiten für Jewish News Syndicate schreibt. (Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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