Der gleiche Impuls, der den berühmtesten Juden der Weltgeschichte in einen Palästinenser verwandelt, versucht auch, die Geschichte der Juden vom Land Israel zu trennen.
Jeff Ballabon
Die mittlerweile allgegenwärtige Propaganda, Jesus sei »Palästinenser« gewesen, ist zwar absurd, aber auch todernst und wird ohne Ironie und mit großer Leidenschaft und Absicht von Influencern, Aktivisten, gewählten Amtsträgern und Geistlichen wiederholt. Dabei handelt es sich nicht um eine harmlose Fehlinterpretation der alten Geschichte, sondern um eine bewusste Umkehrung, die als Waffe eingesetzt wird, um Gewalt zu rechtfertigen und ein Volk auszulöschen – das Volk, dem auch Jesus angehörte: die Juden.
Beginnen wir mit den Fakten. Jesus wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, lebte in Judäa, betete im jüdischen Tempel und wurde vom Römischen Reich während seiner Besetzung der jüdischen Heimat gekreuzigt.
Jesus konnte allein insofern kein Palästinenser sein, als der Begriff Palästina zu seinen Lebzeiten noch gar nicht existierte. Er wurde fast ein Jahrhundert später von den Römern erfunden, als sie 135 n. Chr. Judäa nach der Niederschlagung des jüdischen Bar-Kochba-Aufstands in »Palästina« umbenannten. Ziel der Römer war die Demütigung der rebellischen Juden, indem sie den Namen ihrer Heimat auslöschten und ihn durch jenen ihrer alten Feinde, der Philister, ersetzten.
Die Araber kamen erst sechshundert Jahre nach Jesus während der islamischen Eroberungen im 7. Jahrhundert nach Judäa bzw. Palästina. Der Begriff »Palästinenser« wurde erst zweitausend Jahre nach Jesus verwendet, um die nichtjüdischen Bewohner der Region zu bezeichnen, von denen die meisten in den vorangegangenen Jahrzehnten aus dem gesamten Nahen Osten und Nordafrika gekommen waren, um Arbeit in dem durch die jüdische Einwanderung aufstrebenden Land zu suchen.
Politische Propaganda
Also nein: Jesus war kein Palästinenser. Es sei denn natürlich, mit »Palästinenser« ist einfach eine römische Beleidigung für die Juden gemeint. In diesem Fall wäre Jesus ein Palästinenser gewesen. Aber das ist nicht, was die moderne Erzählung bedeuten möchte. Bei ihr handelt sich um eine Kampagne, die von internationalen Gremien wie der UNESCO aufgegriffen wird, die alte jüdische Stätten wie das Grab der Patriarchen in Hebron und den Tempelberg in Jerusalem allein als »muslimisches Kulturerbe« bezeichnen.
Diese Kampagne wird von Medien und Nahost-Studiengängen verstärkt, die Jahrtausende jüdischer Geschichte auslöschen, indem sie diese Orte mit ihren arabischen Namen bezeichnen oder die jüdische Präsenz als »Übergriff« oder »Besetzung« darstellen. Derselbe Impuls, der den berühmtesten Juden der Geschichte in einen Palästinenser verwandelt, versucht auch, die Juden von ihrer angestammten Heimat zu trennen, die Heilige Schrift und die Archäologie umzudeuten und die heiligsten Stätten des Judentums rückwirkend zu entjudaisieren.
Heute ist es kein Akt historischer Solidarität, Jesus als Palästinenser zu bezeichnen, sondern die Grundlage für ein modernes politisches Dogma der Transposition. In dieser neuen Erzählung ist Israel nicht nur ein Land, es ist der Avatar des kosmischen Bösen. Juden sind nicht nur Bürger, sie sind die schuldige Verkörperung der Unterdrückung. Und Palästinenser sind nicht nur eine Bevölkerungsgruppe, sondern ein heiliges Symbol, eine erlösende Christusfigur, auf die alles Leid, alle Unschuld und alle Tugend projiziert werden. Das ist der neue Gottesmordvorwurf. Und der Slogan »Free Palestine« ist das neue Autodafé.
Es handelt sich nicht um eine wörtliche Anklage, Gott getötet zu haben, sondern um die Umkehrung aller moralischen Kategorien. Gut ist böse. Böse ist gut. Das Opfer ist der Aggressor. Der Terrorist ist der Märtyrer. Die Juden, die sich in einer der bemerkenswertesten Wiederbelebungsbewegungen in der Menschheitsgeschichte in der alten Heimat ihrer Vorväter angesiedelt haben, werden als koloniale Usurpatoren dargestellt. Und ein barbarischer, genozidaler Todeskult, der Massenmord, Vergewaltigungen und Enthauptungen offen verherrlicht, wird als Opfer kanonisiert.
Modernisierter Hass
Und so werden nach dem barbarischsten und grausamsten Angriff auf Juden seit dem Holocaust, der von vielen Palästinensern in den sozialen Medien fröhlich verbreitet wurde, jüdische Studenten auf dem Campus terrorisiert, Synagogen verwüstet und koschere Restaurants zerstört. Menschenmengen auf der ganzen Welt skandieren »Free Palestine«, »Globalize the Intifada«, »From the River to the Sea« und »Tod den Juden« – während sie darauf bestehen, es seien die Juden selbst, die Völkermord begehen.
Es ist der älteste Hass in neuer Verpackung. Eine Blutverleumdung, verpackt in Hashtags. Ein pseudotheologischer Antisemitismus für eine postreligiöse Welt. Die Lüge, dass Jesus ein Palästinenser gewesen sei, hat nichts mit Jesus zu tun. Es geht darum, das Vergießen jüdischen Bluts auf den Straßen zu rechtfertigen. Es ist eine Absolution für den Antisemitismus, eine Legitimation für Gewalt und ein Aufruf, nicht nur die Vergangenheit der Juden auszulöschen, sondern auch deren Zukunft.
Jahrhundertelang wurden Juden im Namen der Religion der Liebe ermordet; jetzt werden Juden im Namen der Menschenrechte zum Sündenbock gemacht und gekreuzigt. Nein, Jesus war kein Palästinenser, aber jeder Palästinenser soll jetzt Jesus sein.
Jeff Ballabon ist amerikanischer Medienmanager, politischer Berater und Konsulent. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)






