Erweiterte Suche

Wiener Festwochen: Omri Boehm muss keinen neuen Namen annehmen

Neben Ernaux und Varoufakis lädt Festwochen-Intendant Rau auch den Israelkritiker Omri Boehm ein
Neben Ernaux und Varoufakis lädt Festwochen-Intendant Rau auch den Israelkritiker Omri Boehm ein (© Imago Images / STAR-MEDIA, Sabine Gudath)

Nach der Einladung von Annie Ernaux in den von »Rat der Republik« bei den Wiener Festwochen stellt die Würdigung Omri Boehms als Europa-Redner die nächste Provokation dar.

Der Umstand, dass Angehörige von Minderheiten lieber der Mehrheitsgesellschaft angehören wollen, insbesondere dann, wenn sie Verfolgungen ausgesetzt sind, ist menschlich verständlich. Gerne adaptieren sie dabei ihre Namen, um sich auch äußerlich der Mehrheitsgesellschaft anzugleichen.

Wenn sie sich dann jedoch dafür hergeben, als »Kronzeugen« für die Schlechtigkeit ihrer ehemaligen religiösen oder geistigen Heimat zur Verfügung zu stellen, erwecken sie oft Abscheu bei ihren früheren Glaubens- und Geistesgenossen – und trotz allem wenig Achtung bei ihren neuen Freunden. Lediglich als »Kronzeugen« und »nützliche Idioten« erlangen sie eine Bedeutung, die ihnen ansonsten nicht zukommen würde.

Als im Mittelalter Juden bei Pogromen ermordet wurden, entschloss sich etwa der Jude Saul, Christ zu werden und in den Dominikanerorden einzutreten. 1263 nahm er als Pablo Christiani (auch: Paulus Christianus) an der viertägigen Disputation von Barcelona über den Talmud teil, bei der er über angeblich blasphemische Talmudstellen Zeugnis ablegte. In der Folge verlangte er vom französischen König Ludwig IX. eine schärfere Haltung gegen Juden und forderte ihn auf, sie zum Tragen eines Judenzeichens zu verpflichten.

Auch noch ausgerechnet am Judenplatz?

Heutzutage geht es einfacher, und so darf Omri Boehm in seiner »Rede an Europa« am 7. Mai 2024 zwar nicht in einer Kirche, sondern gleich provokativ am Judenplatz sprechen, wenn es nach dem Intendanten der Festwochen geht. Ein neuer Name ist dafür nicht notwendig, die Funktion von Boehm ist aber dieselbe wie weiland die von Christiani: »Na, wenn’s der Jud’ selber sagt.« Das Jüdische Museum Wien ist Kooperationspartner der antiisraelischen Veranstaltung.

Worum geht es Boehm in seiner Rede? Er macht sich Sorgen darüber, »warum der israelisch-palästinensische Konflikt eine Gefahr für die europäische Identität darstellt«, da Deutschland – und auch Österreich – mit ihrer aus der NS-Vergangenheit erwachsenden, speziellen Verantwortung für die Juden und Israel die Einheit Europas stören würden.

Für sein 2021 auf Englisch erschienenes – in der deutschen Version von 2020 noch den unverfänglich klingenden Namen Israel – eine Utopie. Eine hoffnungsvolle Vision für den Nahen Osten tragendes – BuchHaifa Republic. A Democratic Future for Israel Beyond the Two-State Solution, in der er genau jene Zwei-Staaten-Lösung ablehnt und für einen binationalen Staat und die Überwindung der zionistischen Idee eintritt, erhielt Boehm 2024 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Mit seinen auch sein Buch charakterisierenden Auslassungen und Verdrehungen bei der Darstellung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern setzte sich Mena-Watch damals in einer Reihe von Stefan Frank unter dem Titel »Die Methode Omri Boehm« auseinander.

Nach der Einladung von Annie Ernaux und Yanis Varoufakis in den von Intendant Milo Rau ins Leben gerufenen »Rat« der für die heurige Festwochen-Saison postulierten »Freien Republik Wien« stellt die Würdigung Omri Boehms als Europa-Redner die nächste Provokation bei den Wiener Festwochen dar.

 

In der Mena-Watch-Reihe zu Omri Boehm erschienen:

Die Methode Omri Boehm (Teil 1): Juden als Täter
Die Methode Omri Boehm (Teil 2): Geschichtsklitterung
Die Methode Omri Boehm (Teil 3): Unsichtbarmachen arabischer Akteure
Die Methode Omri Boehm (Teil 4): Haifa 1948 und die Vertreibung der Araber, die es nicht gab
Die Methode Omri Boehm (Teil 5): Auslassen von Zusammenhängen, am Beispiel der Schlacht von Lydda 1948
Die Methode Omri Boehm (Teil 6): Die Erfindung eines Vertreibungsplans
Die Methode Omri Boehm (Teil 7): Feldzug gegen das Holocaust-Gedenken
Die Methode Omri Boehm (Teil 8): Yad Vashem als Schaltzentrale des Bösen
Die Methode Omri Boehm (Teil 9): Das Holocaust-Gedenken »mit der Wurzel ausreißen«
Die Methode Omri Boehm (Teil 10): Boehms »Weimar-Moment«
Die Methode Omri Boehm (Teil 11): Pappkameraden aufbauen
Die Methode Omri Boehm (Teil 12): Gegen das »sakralisierte Holocaust-Gedenken«
Die Methode Omri Boehm (Teil 13): Des Großmuftis neue Kleider
Die Methode Ullstein: Nachtrag zu unserer Reihe »Die Methode Omri Boehm«

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!