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Münchener Olympia-Massaker: Wer waren bloß die Täter?

Olympia-Attentat 1972: ein palästinensischer Terrorist auf dem Balkon der israelischen Mannschaftsunterkunft. (© imago images/Sven Simon)
Olympia-Attentat 1972: ein palästinensischer Terrorist auf dem Balkon der israelischen Mannschaftsunterkunft. (© imago images/Sven Simon)

Ein BR-Journalist widmet sich dem Olympia-Attentat von 1972. Wer für den Anschlag verantwortlich zeichnete, ist auch auf Nachfrage nicht zu erfahren.

Es gibt wohl nur zwei Terroranschläge, für die das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen in den letzten fünfzig Jahren ausdrücklich »palästinensische Terroristen« verantwortlich gemacht hat. Erraten Sie, welche es waren? Genau: Das Olympia-Massaker von München 1972 und die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut nach Mogadischu am 13. Oktober 1977.

Falls kein deutsches Eigentum beschädigt wird, sondern lediglich in israelischen Restaurants, Diskotheken, Synagogen, Linienbussen oder auf offener Straße Juden mit Messern, Schusswaffen, Äxten, Sprengstoff oder Raketen ermordet werden, sind die Täter aus Sicht von ARD und ZDF keinesfalls Terroristen, sondern »militante Palästinenser« oder allenfalls »palästinensische Attentäter«. So war das schon immer.

Dass die »moderate« Fatah von Mahmud Abbas das Olympia-Massaker als »Qualitätsoperation« rühmt, wird in Deutschland lieber verschwiegen. Doch immerhin: Man konnte sich stets darauf verlassen, dass zumindest bei München und Mogadischu von »palästinensischen Terroristen«die Rede war.

Seit wenigen Jahren aber gibt es die Tendenz, selbst in diesen Fällen lieber von »palästinensischen Attentätern« zu sprechen. »Terrorist« ist ein unschöner Begriff, weil er abwertend ist, Menschen verurteilt und die so Bezeichneten kränken könnte.

»Der Überfall auf die israelische Mannschaft durch palästinensische Attentäter während der Olympischen Spiele 1972 in München jährt sich zum 45. Mal«, schrieb der Bayerische Rundfunk (BR) lieber in einem Beitrag 2017. (Die Website des Duden Verlags bezeichnet die Kombination von »Attentäter« und »palästinensisch« als »typische Verbindung«.) Erst im April übrigens hatte der BR einen Terroranschlag in Tel Aviv allen Ernstes als »Kneipenschießerei« bezeichnet.

Tell me, without telling me …

Die Redaktion der ARD-Website tagesschau.de und ihr Autor, BR-Journalist Tim Aßmann vom ARD-Studio Tel Aviv, haben nun das Kunststück fertiggebracht, einen Beitrag über die Angehörigen der Opfer des Olympia-Massakers von München zu veröffentlichen, ohne irgendwelche Verantwortlichen zu erwähnen. Man erfährt, wer die Opfer,nicht aber, wer die Täter waren. Zwar berichtet der Text sehr wohl von einem »Anschlag«, ja, sogar von einem »Blutbad«, das es damals in München gegeben habe. Urheber der Tat nennt der Autor aber keine. Das klingt dann so:

»Ankie Spitzer war 26, frisch verheiratet, junge Mutter und glücklich – als der Anschlag von München ihr Leben für immer veränderte. Ihr Mann Andre, ein Fechter, war einer der elf israelischen Sportler, die brutal ermordet wurden.«

Von wem, erfährt der Leser nicht. In Aßmanns Beitrag geht es darum, wie die verschiedenen Bundesregierungen sich über die Jahre weigerten, eine Schuld des deutschen Staates anzuerkennen und Entschädigungen zu zahlen, weswegen die Angehörigen der Ermordeten auf einen Besuch der geplanten Gedenkfeier verzichten wollen. Ein wichtiges Thema.

Ziemlich ironisch ist aber, dass Tim Aßmann in einem Text, in dem darum geht, dass jemand Verantwortung übernehmen und sich entschuldigen soll, die Urheber des Massakers verschwinden lässt, sie unsichtbar macht. Dazu gehört schon einige Anstrengung. Es erinnert an das Spiel »Tell me, without telling me«. Sag mir, dass palästinensische Terroristen israelische Sportler ermordet haben, ohne folgende Wörter zu benutzen: Palästinenser, palästinensisch, Araber, arabisch, Terroristen, Terrorismus, Terrororganisation, Terror, Fedajin, PLO, Fatah, Schwarzer September, Geiselnehmer, Entführer, Kidnapper, Täter, Attentäter, Mörder.

Bayerischer Rundfunk antwortet nicht

Der Artikel erschien am 1. Juni 2022 auf der Website tagesschau.de. Am selben Tag wandte ich mich per E-Mail an die Pressestelle des Bayerischen Rundfunks:

»Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich bin freier Journalist, u. a. für die auf den Nahen Osten und Nordafrika spezialisierte Website Mena-Watch (Wien) und die Jüdische Rundschau (Berlin). Ich habe eine Frage an Ihren Mitarbeiter Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv.

In seinem heute auf tagesschau.de erschienenen Beitrag »Boykott der Gedenkfeier zu Olympia 1972: ›Kein Grund, Danke zu sagen‹« berichtet Herr Aßmann darüber, dass die Angehörigen der Opfer des Anschlags bei den Olympischen Spielen 1972 in München nicht zur Gedenkfeier angesichts des 50. Jahrestages kommen wollten.

In dem ganzen, fast 800 Wörter langen Text wird indessen nirgends erwähnt, wer die Urheber jenes Anschlags waren:

– Von ›Opfern‹ ist die Rede. Gab es auch Täter?– Der Ehemann von Ankie Spitzer, erfahren wir, wurde ›brutal ermordet‹.Von wem?

– ›Bei der Geiselnahme von München‹, schreibt Aßmann weiter, ›führen die Spuren ins Libyen des damaligen Herrschers und Terror-Unterstützers Gaddafi‹. War Gaddafi am Ende allein verantwortlich und hat den Anschlag auch selbst ausgeführt?

– Von einer ›Mitverantwortung‹ der deutschen Behörden ist die Rede. Wer waren die Hauptverantwortlichen?

– Die Geiselnahme, heißt es, ›endete in einem Blutbad‹. Wer waren die Geiselnehmer? Wer richtete das Blutbad an?

Wird Herr Aßmann diese Informationen nachtragen?«

Eine Antwort des BR blieb bisher aus, auch auf Nachfrage ist keine zu erhalten. Totale Funkstille. Die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt scheint es nicht für nötig zu halten, Fragen von Journalisten zu ihren Beiträgen zu beantworten.

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