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Nordisrael nach der Waffenruhe: Zwischen Erleichterung, Wut und Angst

Kiryat Shmone im Norden Israels, im Hintergrund der Berg Hermon. (Ram.eisenberg/CC BY 3.0)
Kiryat Shmone im Norden Israels, im Hintergrund der Berg Hermon. (Ram.eisenberg/CC BY 3.0)

Im Norden Israels fühlen sich viele von der Regierung betrogen, welche die Entwaffnung der Hisbollah versprochen hat.

Von Marc Neugröschel, Jerusalem

Die Einwohner Nordisraels sehen den seit dem Wochenende geltenden Waffenstillstand zwischen Israel und der aus dem Libanon agierenden iranischen Proxy-Miliz Hisbollah mit gemischten Gefühlen: »Wir wissen nicht, ob die Lage nicht bald wieder eskalieren wird. Das belastet die Menschen hier sehr«, sagt Boaz Peri aus dem Kibbutz Malkia am Sonntag gegenüber dem israelischen Fernsehsender Keshet 12. »Ich freue mich so sehr, dass wir nach sieben Wochen endlich wieder an unsere Schule zurückkehren und arbeiten können. Aber mein Gefühl sagt mir, dass wir immer noch nicht sicher sind«, erklärt auch Danielle, Lehrerin für Naturkunde an der Grundschule Lev HaEmek im Kibbutz Neot Mordechai.

Wie viele andere öffentliche Einrichtungen und Betriebe blieben auch die Schulen in den Gemeinden der nordisraelischen Galiläa-Region aufgrund des Dauerbeschusses mit Raketen und Drohnenangriffen durch die Hisbollah seit dem 2. März geschlossen. An diesem Tag trat die Hisbollah an der Seite ihres iranischen Patrons in den Krieg gegen Israel ein. Auch nach dem Waffenstillstand zwischen Teheran und Washington vom 7. April, der zu einer Einstellung der direkten Kampfhandlungen zwischen Israel und dem Iran führte, ging der Beschuss Nordisraels durch die Hisbollah weiter.

»Ich freue mich, dass die Geschäfte in Tel Aviv wieder geöffnet haben und die Menschen dort auch wieder ins Kino gehen können. Aber bei uns ist die Lage nicht gut. Es gibt keinen Moment, in dem keine Explosionen zu hören sind. Die ganze Gegend ist unter Dauerfeuer«, sagte Beni Ben Muvchar, der Vorsitzende des nordisraelischen Regionalrates von Mevo’ot HaHermon, am 10. April gegenüber der israelischen Sendeanstalt Kan über die Situation damals.

Das auf sicherheitspolitische Entwicklungen an Israels Nordgrenze spezialisierte Forschungsinstitut Alma zählte in der Zeit zwischen dem 2. März und dem 13. April 1.310 Hisbollah-Angriffe auf Nordisrael. Das entspricht einem Durchschnitt von dreißig Angriffen pro Tag. Die israelische Armee ging derweil gegen Stellungen der Hisbollah im Libanon vor. Am 14. April begannen in Washington Friedensgespräche zwischen Israel und Libanon. In der Nacht vom 16. auf den 17. April trat dann die Waffenruhe zwischen Israel und der aus dem Libanon operierenden iranischen Proxy-Miliz Hisbollah in Kraft.

Kein Vertrauen in Entspannung

Am Mittwoch sprach sich Israels Außenminister Gideon Saar für eine Intensivierung der Gespräche mit dem Libanon aus. Bei einem Empfang für ausländische Diplomaten anlässlich des israelischen Unabhängigkeitstags forderte er den Libanon dazu auf, gemeinsam mit Israel gegen die Hisbollah vorzugehen: »Die Hisbollah ist ein gemeinsamer Feind Israels und des Libanon. So wie sie Israels Sicherheit bedroht, untergräbt sie die Souveränität des Libanon und gefährdet dessen Zukunft.«

Dass die Bürger Nordisraels der derzeitigen Entspannung nicht wirklich trauen, hat seine Gründe. Seit den 80er-Jahren wurden sie immer wieder Ziel von Angriffen der schiitischen Terrormiliz. Nach der Terroroffensive der Hamas vom 7. Oktober 2023 wurde der Beschuss Nordisraels durch die Hisbollah so intensiv, dass die israelische Regierung die Gemeinden in unmittelbarer Nähe zur libanesischen Grenze evakuierte. Über 60.000 Israelis wurden so zu Binnenflüchtlingen. Viele der Vertriebenen kehrten auch nach Aufhebung der Evakuierungsorder nicht in den Norden zurück.

Israelische Medien berichten regelmäßig über die daraus resultierenden Existenznöte der Gemeinden im Norden. Die Nachrichtenplattform Walla schrieb im Dezember 2025 über eine Erhebung des Zentrums für regionale Studien der Hochschule Tel Hai, des Regionalverbandes Ostgaliläa sowie der Bloomberg-Initiative, wonach 84 Prozent der Unternehmen im östlichen Galiläa durch den Krieg wirtschaftlich geschädigt wurden. 69 Prozent erwägen eine Schließung oder einen Wegzug aus der Region. Als Hauptgründe nannten die Befragten Verluste beziehungsweise unzureichende Rentabilität (64 Prozent) sowie Schwierigkeiten, in der Region Kunden zu gewinnen oder zu halten (31 Prozent).

Doch nach Angaben der israelischen Armee seien immerhin über 70 Prozent der Binnenflüchtlinge aus dem Norden bis zum Sommer 2025 wieder in ihre Häuser zurückgekehrt. Sie wurden nun erneut Opfer der Hisbollah-Angriffe. »Anderthalb Jahre lang war ich von zuhause vertrieben und habe meine Sachen in Plastiktüten von Hotel zu Hotel geschleppt. Warum habt ihr uns zurückgeholt, wenn ihr die Bedrohung nicht beseitigt habt?«, fragt Eran Vigdorvicz aus Kiriyat Shmone in der Galiläa-Region in Richtung der israelischen Regierung (Glick VeTamar am 10. April). Den Politikern wirft er vor, die Region zu vernachlässigen.

»Fühlen uns betrogen«

Der Journalist Menachem Horowitz gehört zu den prominenten Bürgern Kiryat Shmones. Bei Keshet 12 sagte er am Sonntag: »Man hat den Menschen Ruhe und Frieden versprochen. Deshalb sind viele tatsächlich zurückgekehrt. Meine Nachbarn haben für viel Geld neue Häuser gekauft, nachdem die Regierung öffentlich erklärt hatte, dass der Norden wieder sicher sei. Sie fühlen sich betrogen.«

Der Bürgermeister Kiryat Shmones, Avichai Stern, beklagt gegenüber Keshet 12 außerdem, dass 4.700 Wohneinheiten und viele öffentliche Gebäude in seiner Stadt gar keine Schutzräume haben. Das 1999 bei einem Hisbollah-Angriff zerstörte Rathaus der Stadt sei niemals wieder instand gesetzt worden.

Die kriegsbedingten sicherheitspolitischen Beschränkungen des Heimatschutzes der israelischen Armee wurden am Sonntag auch für Kiriyat Shmone aufgehoben. Dennoch blieben Schulen und öffentliche Einrichtungen dort weiterhin geschlossen. Die Verwaltung streikte, um gegen die Missstände in der Stadt und das, was als ihre Vernachlässigung durch die israelische Regierung wahrgenommen wird, zu protestieren. Bürger und Verwaltungsmitarbeiter der Stadt fuhren nach Jerusalem, um dort vor dem Büro des israelischen Premierministers und vor der amerikanischen Botschaft zu demonstrieren.

Bürgermeister Stern glaubt, dass die aktuelle Waffenstillstandsvereinbarung ein diplomatisches Zugeständnis Israels an die USA im Kontext des Irankrieges sei, welches auf Kosten der Einwohner Nordisraels gehe. Denn es würde die israelische Armee daran hindern, die Hisbollah konsequent zu zerschlagen. »Ich bin sehr wütend. Man hat uns versprochen, die Hisbollah zu entwaffnen. Wir Einwohner des Nordens haben ein Recht darauf, dass die Bedrohung durch die Hisbollah ein für alle Mal beseitigt wird«, so Stern.

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