Die Hamas scheint vor ihrer Auflösung zu stehen: Eine eliminierte Führungselite, fehlende Finanzmittel und fehlende militärische Kapazitäten sind die neue Realität.
Oded Ailam
Im September erreichte Gaza einen kritischen Wendepunkt, als Hunderttausende Zivilisten sich den Befehlen der Hamas widersetzten und stattdessen den Evakuierungsanweisungen Israels folgten. Dieser Akt des Widerstands signalisierte die Erosion der Kontrolle der Hamas und den Zusammenbruch ihrer einst zentralisierten Macht. Die Führung der Gruppe wurde weitgehend eliminiert, ihre Finanzen haben sich verflüchtigt und ihre militärischen Kapazitäten in verstreute lokale Zellen aufgespalten.
Währenddessen nehmen die sozialen und politischen Veränderungen zu, da wichtige Clans beginnen, die Autorität der Hamas infrage zu stellen. Und auch regional ist die Organisation isoliert: Der Iran ist mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, und Katar sieht sich zunehmender internationaler Kritik ausgesetzt. Die Türkei und Katar unterstützen die Hamas hinter den Kulissen weiterhin, während sie nach außen den Anschein der Zusammenarbeit mit dem Westen wahren. Die größte Krise der Hamas ist nicht mehr militärischer oder wirtschaftlicher Natur, sondern die Tatsache, dass sie zu einem Spielball der regionalen Mächte geworden ist und nicht mehr unabhängig handeln kann.
Israel steht vor einer Gelegenheit, die viele als eine äußerst rare ansehen: die Hamas dauerhaft zu zerschlagen, ihr Wiederaufleben zu verhindern und die Zukunft des Gazastreifens unter neuen regionalen und internationalen Bedingungen neu zu gestalten.
Von der Armee zur Guerilla
Das historische Ereignis vom 15. September 2025, das sich im Gazastreifen abspielte, blieb von den weltweiten Medien fast unbemerkt, doch seine Bedeutung war enorm, da es den Anfang vom Ende der brutalen Herrschaft der Hamas markierte: Zum ersten Mal seit vielen Jahren verweigerten die Bewohner Gazas den in Tunneln versteckten Terroristen die Gefolgschaft.
Stattdessen folgten sie den Evakuierungsanweisungen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), die über Lautsprecher und Online-Kanäle verbreitet wurden. Rund 800.000 Einwohner begaben sich, wie angewiesen, Richtung Süden, obwohl die Hamas versuchte, sie mit Drohungen und Gewalt aufzuhalten. Am Abend dieses Tages, in den zerstörten Vierteln im Norden Gazas, wurde den Führern der Gruppe klar, dass sie die Kontrolle über die Bevölkerung verloren hatten. Es war ein Moment bitterer Erkenntnis.
Seit diesem Tag fungiert die Hamas nicht mehr als einheitliche Militär- oder Regierungsmacht. Was bleibt, ist eine Ansammlung verstreuter, halb unabhängiger Zellen, die sich an die Überreste einer einst organisierten Armee klammern. Die IDF haben die meisten hochrangigen und mittleren Kommandeure der Hamas systematisch eliminiert, sodass die Gruppe nun ohne strategische Führung und Koordination ist.
Die massenhaften öffentlichen Hinrichtungen mutmaßlicher Kollaborateure im vergangenen Oktober, die von der Hamas gefilmt und verbreitet wurden, sollten Macht und Autorität demonstrieren. In Wahrheit offenbarten sie jedoch Angst und inneres Chaos. Es war eine als Stärke getarnte Demonstration der Verzweiflung.
Während die Machtstruktur der Hamas erodiert, zeichnet sich ein ebenso wichtiger sozialer und politischer Wandel ab: Zehn große Clans stellen die Autorität der Hamas vorsichtig, aber zunehmend infrage. Im Stadtteil Shejaiya von Gaza-Stadt ist der Khalas-Clan aktiv geworden. In Rafah hat der Abu-Shabab-Clan Stellung bezogen. Im Norden behauptet sich der Al-Mansi-Clan. Auch Mitglieder der Clans Dughmush, Bakri und Al-Astal haben in unterschiedlichem Ausmaß Widerstand geleistet.
Keiner dieser Clans verfügt über die militärische Stärke, um die Hamas alleine zu stürzen. Doch ihre Existenz als bewaffnete, organisierte Gemeinschaften mit eigenen Interessen und einer eigenen Führung stellt einen ernsthaften Riss im System der Angst und des blinden Gehorsams dar, das die Hamas über Jahre hinweg aufgebaut hat.
Regionale Isolation
Auf regionaler Ebene ist die Hamas so isoliert wie nie zuvor seit ihrer Gründung. Bis Ende 2023 war der Gazastreifen das einzige Gebiet, das von der Muslimbruderschaft regiert wurde und von der Unterstützung des Irans, Katars und anderer Verbündeter profitierte. Diese Ära ist nun vorbei.
Der Iran ist damit beschäftigt, die Hisbollah im Libanon wieder aufzubauen, nachdem sie im Norden schwere Verluste gegen Israel erlitten hat. Katar, lange Zeit der wichtigste Geldgeber und diplomatische Beschützer der Hamas, agiert angesichts der zunehmenden internationalen Vorwürfe der Unterstützung des Terrorismus vorsichtig.
Vor dem Krieg verfügte die Hamas über ein Jahresbudget von etwa 2,2 Milliarden Euro. Etwa 62 Prozent davon stammten aus Steuern, die der Bevölkerung auferlegt wurden, während der Rest aus dem Iran, aus Katar, von der Palästinensischen Autonomiebehörde, der UNRWA und globalen Geschäftsunternehmen stammte. Dieses Geld gibt es nicht mehr. Heute ist die Hauptfinanzierungsquelle der Hamas der offene Diebstahl von humanitären Hilfsgütern, die für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen bestimmt ist. Die Organisation stiehlt Lebensmittel und Medikamente von ihrer eigenen Bevölkerung, um ihre Kämpfer zu bezahlen und das zu erhalten, was von ihrem Regime übriggeblieben ist.
Doppeltes Spiel
Zwei wichtige Akteure, die Türkei und Katar, manipulieren die Situation weiterhin aus dem Hintergrund heraus. Beide Länder sind langjährige Unterstützer der Muslimbruderschaft und spielen ein vorsichtiges und zynisches doppeltes Spiel. Nach außen hin präsentieren sie sich als moderat und kooperativ gegenüber dem Westen. Die Türkei ist NATO-Mitglied; Katar beherbergt amerikanische Militärstützpunkte. Beide Länder haben sogar mitgewirkt, die Hamas zu überzeugen, bestimmte Vorschläge von US-Präsident Donald Trump in Betracht zu ziehen. Hinter den Kulissen schützen und unterstützen sie jedoch weiterhin die Hamas: In der Türkei unterhält die Hamas offiziell Büros und Kommandozentralen, während Katar die obersten Führungsmitglieder in Doha beherbergt.
Bald könnten die beiden Staaten auch wieder ihre direkte Finanzierung aufnehmen, ist doch ihr gemeinsames Ziel, die Hamas als vorgeblich politische Bewegung und legitime Partei mit ausreichender militärischer Stärke zu erhalten, um unter türkischer und katarischer Schirmherrschaft Einfluss auf die zukünftige Regierung des Gazastreifens zu nehmen.
Dies ist ein kalkulierter Versuch, eine terroristische Organisation als politischen Akteur neu zu positionieren, ihr internationales Image aufzupolieren und ihr unter dem Deckmantel der Legitimität zu ermöglichen, Israel weiterhin zu bedrohen. Für Israel stellt dies eine ernsthafte Herausforderung dar, insbesondere wenn es darum geht, die Vereinigten Staaten von der Gefahr dieses Ansatzes zu überzeugen.
Passender Moment
Doch warum verstößt die Hamas weiterhin gegen das Waffenstillstandsabkommen? Die Antwort ist einfach und aufschlussreich: Diese Verstöße werden nicht mehr von einer Kommandozentrale angeordnet, vielmehr handelt es sich um vereinzelte Aktionen lokaler Kommandeure, die ihren Anhängern und sich selbst beweisen wollen, dass sie noch Macht und Bedeutung haben. Es gibt keinen einheitlichen Militärrat oder strategischen Befehl mehr. Was bleibt, ist Schwerfälligkeit und ein chaotisches Muster von Gewalt, das eher aus Gewohnheit als aus Strategie heraus entsteht. Jeder Verstoß schwächt die Hamas nur noch weiter und gibt Israel mehr moralische, rechtliche und operative Legitimität, um mit militärischer Gewalt zu reagieren.
Die größte Schwäche der Hamas ist, wie gesagt, nicht militärischer oder finanzieller, sondern psychologischer Natur. Die Organisation kann nicht akzeptieren, dass sie in der Region kein unabhängiger Akteur mehr ist. Sie ist zu einem Spielball geworden, den andere, insbesondere die Türkei und Katar, für ihre eigenen Interessen nutzen.
Israel steht nun vor einem entscheidenden Moment. Es muss die Regeln für die Zukunft festlegen anstatt darauf zu warten, dass internationale Mächte, die oft mit den Realitäten der Region nicht vertraut sind, künstliche Beschränkungen auferlegen. Wenn Israel zurücksteckt und sich mit einem Teilerfolg zufriedengibt, verliert es die Möglichkeit, die strategische Realität der Nachkriegszeit mitzugestalten.
Dies ist eine seltene strategische Chance für Israel. Die Hamas ist so schwach wie nie zuvor seit ihrer Gründung. Ihre Führung wurde eliminiert oder in den Untergrund getrieben. Ihre militärische Macht ist erschöpft, ihre Finanzen sind aufgebraucht und ihre Unterstützung durch die Zivilbevölkerung schwindet rapide. Jetzt ist es an der Zeit, die Überreste ihres Terrornetzwerks zu zerschlagen, die Türkei und Katar aus dem Spiel zu nehmen und sich die Unterstützung der USA zu sichern, um zu verhindern, dass die Hamas jemals wieder aufgebaut wird.
Auf den üblichen Zyklus diplomatischer Verhandlungen zu warten, würde bedeuten, diese Gelegenheit zu verpassen und in einen Zustand permanenter Bedrohung zurückzukehren. Israel kann dafür sorgen, dass das letzte Kapitel der Herrschaft der Hamas im Gazastreifen auch wirklich das letzte ist. Wenn dieser Vorhang einmal gefallen ist, sollte er nie wieder aufgehen.
Oded Ailam ist ehemaliger Leiter der Abteilung für Terrorismusbekämpfung des Mossad und derzeit Forscher am Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)






