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Zukunftsstadt »Neom«: Mohammed bin Salmans glitzernde Wüstenträume

Neom, die futuristische Stadt, die am Roten Meer gebaut werden soll, ist Teil der »Vision 2030«, für die auf dem Plakat geworben wird. (© imago images/Hans Lucas)
Neom, die futuristische Stadt, die am Roten Meer gebaut werden soll, ist Teil der »Vision 2030«, für die auf dem Plakat geworben wird. (© imago images/Hans Lucas)

Neom, das Lieblingsprojekt von Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, soll eine futuristisch anmutende Stadt an der Küste des Roten Meers werden.

Im Frühjahr 2016 stellte der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS) die »Vision 2030« vor, einen ambitionierten Plan, die Wirtschaft des Königreichs zu diversifizieren, um die starke Abhängigkeit des Landes vom Erdöl zu reduzieren. Der Plan sieht die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen genauso vor wie die Steigerung der Erwerbstätigkeit von Frauen, eine allgemein bessere Ausbildung junger Saudis und vermehrter Infrastrukturprojekte. Finanziert werden sollten die Reformen im Wesentlichen durch einen Börsengang des saudischen Ölkonzerns Aramco, des größten Ölförderunternehmens der Welt.

Rund eineinhalb Jahre später präsentierte der Kronprinz im Ritz-Carlton Hotel in Riad – dem Hotel, in dem er später im Zuge einer »Antikorruptionskampagne« wichtige Mitglieder der wirtschaftlichen Elite des Landes und sogar des Königshauses inhaftieren ließ – sein Lieblingsprojekt im Rahmen der »Vision 2030«: Neom, eine futuristisch anmutende Stadt, die an der bislang nur spärlich besiedelten Küste des Roten Meers im Nordwesten Saudi-Arabiens gebaut werden soll.

Projekt der Superlative

Über eine Million Menschen soll dereinst in dem rund 460 Kilometer langen Küstenstreifen leben und arbeiten, in einer grünen Stadt, deren Strombedarf ausschließlich mit erneuerbaren Energien gedeckt werden soll. Statt Autos soll es vollautomatische, unterirdisch verlaufende Beförderungssysteme geben, der Weg zur Arbeit teilweise in Schwimmkanälen bewerkstelligt werden, und im Hinterland der Küste ist gar ein Skigebiet geplant.

Gemäß der Webseite der »Vision 2030« werde Neom

»in einer Weise geplant, gebaut und unabhängig verwaltet, die frei von veralteten wirtschaftlichen und ökologischen Infrastrukturen ist, die andere Länder in der Welt einschränken«.

Laut ihrer offiziellen Webseite ist die Stadt

»ein Versuch, etwas zu tun, was noch nie zuvor getan wurde, und er kommt zu einer Zeit, in der die Welt frisches Denken und neue Lösungen braucht. Kurz gesagt, NEOM wird ein Zielort sein, ein Zuhause für Menschen, die große Träume haben und am Aufbau eines neuen Modells für nachhaltiges Leben, Arbeiten und Wohlstand mitwirken wollen.«

Anders gesagt: Buchstäblich alles an Neom ist gigantomanisch.

Schein und Realität

Einem ausführlichen Bericht von Bloomberg zufolge hat sich in den fünf Jahren seit Kronprinz Mohammeds Ankündigung allerdings gezeigt, dass der Versuch, futuristische Vorstellungen aus Science-Fiction-Geschichten in der realen Welt wahr zu machen, eine kaum zu bewältigende Aufgabe darstellt:

»Das Projekt wird von Rückschlägen geplagt, die oft auf die Schwierigkeit zurückzuführen sind, die grandiosen, sich ständig ändernden Ideen von MbS umzusetzen – und einem Prinzen, der die Inhaftierung vieler seiner eigenen Familienmitglieder beaufsichtigt hat, zu sagen, dass seine Wünsche nicht erfüllt werden können.«

Nicht alles an Neom sei bloß die Ausgeburt des Größenwahns eines superreichen Autokraten, einige der anvisierten Unterfangen sind im Sinne der angestrebten Diversifizierung Saudi-Arabiens durchaus sinnvoll. Doch der Großteil der fantastischen Visionen, die in Neom verwirklicht werden sollen, wird wohl nie über das Planungsstadium hinauskommen.

Lukratives Geschäft mit dunklen Seiten

Dabei ist Neom für die Architekten, Ingenieure, Designer, Künstler und sonstigen Visionäre, die sich in den Planungen austoben können, ein überaus lohnendes Geschäft – sie arbeiten in der Regel nicht lange in oder für Neom und machen in der Zeit, bis ihre Projekte wieder in der Schublade verschwinden, gutes Geld.

Die Lebensrealität derjenigen, die jetzt schon in Neom leben und arbeiten, hat im Gegensatz zu den furiosen Plänen nur wenig mit einem Science-Fiction-Paradies zu tun. Die rund 2.000 Beschäftigten leben in einem aus dem Boden gestampften Wohnkomplex aus gleichförmigen Häusern, von denen jedes anhand einer Serie von Buchstaben und Zahlen unterscheidbar ist. Gegessen wird in einer zentralen Halle, unterwegs ist man mit Elektrorollern. Bewacht wird das Areal mit Checkpoints, privaten Sicherheitsleuten und chinesischer Überwachungstechnologie. »Die Gesamtästhetik«, bemerkt die Bloomberg-Reportage, »könnte man als Mischung aus einem Google-Campus und einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe beschreiben«.

Mit den wenigen Menschen, die bisher schon in der Gegend am Roten Meer gelebt haben, kommen die Neom-Mitarbeiter kaum in Kontakt – sie wurden mit Geldzahlungen zum Fortgehen motiviert, oder, wenn das nicht ausreichte, auch schon mit Gewalt vertrieben. Für einen Bewohner, der nicht Platz machen wollte, endete die Auseinandersetzung tödlich:

»Mitte April 2020 kamen schwer bewaffnete Polizisten zu seinem Haus und es kam zu einer Schießerei. Am Ende war Al Huwaity tot und zwei Beamte waren verletzt. Die Regierung behauptete, er habe Waffen in seinem Haus gehabt und das Feuer eröffnet, nachdem er der Aufforderung nicht Folge geleistet hatte, sich zu ergeben.«

Ungewisse Zukunft

Wie Neom einmal wirklich aussehen wird, kann momentan niemand sagen. Vieles ist völlig unrealistisch, aber niemand sollte die Ambitionen von Mohammed bin Salman, der treibenden Kraft hinter dem Projekt, unterschätzen. Als De-facto-Herrscher Saudi-Arabiens kann er über ein Vermögen verfügen, das einige der reichsten Menschen der Welt vor Neid erblassen lassen würde. Und bisher macht es nicht den Anschein, als ob MbS bereit wäre, sich bei der Umsetzung seiner oft als »visionär« bezeichneten Ziele von der Realität dreinreden zu lassen.

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