Daniel Gerlach insinuiert in den ARD-Tagesthemen, würden die USA sich nicht einmischen und gebe es nur ein bisschen mehr Dialog, dann könnte das iranische Regime geordnet und friedlich abtreten.
Nachdem die USA den Kommandeur der Quds-Truppen genannten Auslandseinheit des Korps der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC), Qasem Soleimani, am 3. Januar 2020 durch einen Luftangriff in Bagdad getötet hatten, veröffentlichte der Zeichner AF Branco eine Karikatur, auf der zweimal der Oberste Führer der Islamischen Republik, Ayatollah Ali Khamenei, zu sehen ist: einmal »vor« und einmal »nach der Tötung von Soleimani«, wie der dazugehörige Text erklärt. Auf beiden Bildern erhebt Khamenei seine Faust und ruft »Tod für Amerika und Israel!«
In dieser äußerst kurzen Darstellung bringt die Karikatur treffend auf den Punkt, dass der Kampf gegen den »großen Satan« USA und den »kleinen Satan« Israel zur Staatsräson der Islamischen Republik gehört, in der Khamenei zwar als Oberster Führer fungiert, als solcher aber nur ein Statthalter für das verfassungsmäßige Staatsoberhaupt ist: den als Mahdi verehrten verborgenen zwölften Imam, der als eine Art schiitische Messiasfigur die Rechtsgläubigen dereinst in die große Schlacht zwischen Recht und Unrecht führen soll.
Es ist also die Ideologie der Islamischen Republik und ihres Revolutionsexports, welche die USA und Israel nicht nur als »Erzfeinde« bestimmt, sondern auch alle Unbill dieser Welt sowie alle Probleme des Regimes in verschwörungstheoretischer Manier auf die bloße Existenz der beiden als Verkörperungen des Teufels angesehenen Staaten zurückführt, die ja nicht umsonst als »großer« und »kleiner Satan« bezeichnet werden.

Keinen Begriff
Zu deutschen Nahost-Experten scheint diese ideologische Verfasstheit des iranischen Regimes jedoch noch nicht durchgedrungen zu sein, sodass sie in schlechter Tradition stets die reale Politik Israels oder der USA als Grund für die Ablehnung sehen wollen, die ihnen vonseiten der Mullahs entgegenschlägt.
So zuletzt auch wieder Daniel Gerlach in den ARD-Tagesthemen: Als betrachtete die Islamische Republik nicht jeden Protest gegen ihre Herrschaft als letztlich amerikanische und zionistische Machenschaft, als hätte es nicht seit dem zwölftägigen Krieg im vergangenen Juni bereits in steigender Intensität Jagd auf »Verräter«, »Spione« und »Verschwörer« gemacht, erklärte Gerlach dort dem deutschen Fernsehpublikum, warum die USA den gerade stattfindenden Protesten gegen das iranische Regime keinesfalls zur Hilfe kommen dürften.
Dass US-Präsident Donald Trump den Protestierenden zuletzt erneut Unterstützung zugesichert habe, hält Gerlach für problematisch, fassten die Tagesthemen seine Aussagen zusammen. Zwar sei die versprochene amerikanische Unterstützung »von einigen« der Demonstranten positiv aufgenommen worden, Trumps Worte aber gäben »natürlich auch dem Regime Argumente in die Hände, um diesen Protest wirklich wie einen bewaffneten Aufstand, einen Anti-Terror-Kampf zu behandeln. Das Regime bezeichnete schon früher Anhänger der Protestbewegung als vom Ausland gesteuerte Kräfte, aber diesmal scheint es sich tatsächlich sehr, sehr bedroht zu fühlen.«
Wo war der »Nahostexperte« Daniel Gerlach im Jahr 2019, möchte man fragen, als es im Iran zu Protesten wegen Benzinpreiserhöhungen kam, das Regime die Demonstranten beschuldigte, sich gemeinsam mit dem sunnitischen Saudi-Arabien, den USA und Israel gegen die Islamische Republik verschworen zu haben und bei der Niederschlagung der Proteste mindestens 1.500 Iraner ermordete, wobei manche Quellen von bis zu 3.000 Toten sprechen?
Wie sieht es mit dem Jahr 2022/23 aus, als nach dem Tod der wegen ungenügender Verschleierung in Polizeigewahrsam genommenen Jina Mahsa Amini monatelange Proteste – ohne US-Unterstützung – stattfanden, die vom Regime ebenfalls brutal niedergeschlagen wurden, was zu Hunderten Toten durch die Sicherheitskräfte führte, während Schätzungen auch hier von einer eigentlich weitaus höheren Opferzahl ausgehen?
Wenn Daniel Gerlach sich gegen eine internationale Unterstützung der aktuellen Proteste wendet, fällt er damit nicht nur den iranischen Demonstranten in den Rücken, vielmehr scheint er auch keinen Begriff vom Wesen der Islamischen Republik zu haben, wenn er insinuiert, das Regime bräuchte externe Gründe, um die regimefeindlichen Demonstranten als »Aufständische« und »Verschwörer« zu betrachten, die »Korruption auf Erden« und »Krieg gegen Gott« betrieben und dementsprechend repressiv zu behandeln seien.
Das wird nicht zuletzt an der Aussage deutlich, mit der die Tagestehmen Gerlach unmittelbar im Anschluss zitierten: »In der derzeitigen Situation glaube ich, das Wichtigste und das Beste wäre, dass dieses Regime die Macht abgibt und dass es einen geordneten, friedlichen Übergang gibt … Es gibt nur derzeit zwischen der Regierung und der Protestbewegung keinerlei Kommunikation.«
Wunsch und Realität
Ein theokratisches System, das sich als Statthalter der göttlichen Ordnung auf Erden und es als seine ureigenste Aufgabe ansieht, diese Ordnung auch weltweit durchzusetzen, soll in Gerlachs Vorstellung also einfach zum Wohl seiner Bevölkerung friedlich abtreten, wenn es nur genügend Kommunikation zwischen dieser unzufriedenen Bevölkerung und dem letztlich doch um sie besorgten Regime gäbe – und sich die USA nicht ungebührlicher Weise einmischten.
Diese sich in Gerlachs ARD-Interview manifestierenden Vorstellungen stellen so etwas wie deutsche »Nahost-Expertise« in a nutshell dar: Die eigenen Wünsche und Befindlichkeiten werden als Realität ausgegeben, und wenn die Realität vor Ort diesen Wünsche und Befindlichkeiten nicht entspricht und sich nicht weiter um sie kümmert, gibt man den USA – und gerne auch Israel – die Schuld dafür, indem man sie für die Gewalt im Nahen Osten verantwortlich macht.






