Naher Osten: Rigide Sexualmoral von Männern und Frauen geteilt

„[Im gesamten Nahen Osten] dominieren die Männer die Familien, die Parlamente und die politischen Ämter. Chauvinistische Einstellungen finden in Gesetzen ihren Niederschlag, die Frauen zu Bürgern zweiter Klasse machen. Eine neue Studie, die die UNO gemeinsam mit Promundo, einer Gruppe, die sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt, durchgeführt hat, untersucht die Einstellungen arabischer Männer zum Verhältnis von Männern und Frauen. Die Studie ergab, dass 90 Prozent der ägyptischen Männer meinen, sie sollten in allen Familienangelegenheiten das letzte Wort haben, und die Hausarbeit sei vorwiegend die Verantwortung der Frauen.

Soweit, so vorhersehbar. Doch wirft die Studie auch ein Licht auf die Schwierigkeiten der arabischen Männer in den vier Untersuchungsländern (also in Ägypten, im Libanon, in Marokko und den Palästinensergebieten) und darauf, wie diese den Fortschritt hin zu Gleichberechtigung der Geschlechter erschweren. Mindestens zwei Drittel der Männer berichteten, dass sie sich massiv um die Sicherheit und das Wohlbefinden ihrer Familien sorgten. In Ägypten und den Palästinensergebieten gaben die meisten Männer an, sie litten wegen des Mangels an Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten an Stress und Depressionen. Den Frauen gehe es zwar noch schlechter, so die Studie, doch erlebten die Männer die Schwierigkeiten als eine ‚Infragestellung ihrer Maskulinität‘. Daher halten arabische Männer erst recht an ihren patriarchalischen Einstellungen fest.

Außer im Libanon unterscheiden sich die Auffassungen der Geschlechterrollen bei den jungen Männern kaum von jenen der älteren. Dafür mag es verschiedene Gründe geben, doch legt die Studie nahe, dass die Schwierigkeiten der jungen Araber, wenn es an die Arbeitssuche geht oder darum, sich eine Ehe leisten und die Familie unterhalten zu können, womöglich eine negative Reaktion durchsetzungsfähigen Frauen gegenüber produzieren. Der männliche Chauvinismus wird mit anderen Worten durch ein Gefühl nicht der Stärke, sondern der Schwäche genährt. (…) Unter derartigen Umständen sind Gewalt und Übergriffe weit verbreitet. In den vier Untersuchungsländern gaben zwischen zehn und 45 Prozent der Männer, die jemals verheiratet waren, zu, dass sie ihre Frauen geschlagen hätten. Zwischen 31 und 64 Prozent gaben zu, Frauen auf der Straße belästigt zu haben. Weniger als 50 Prozent der marokkanischen Männer meinen, die Vergewaltigung in der Ehe solle strafbar sein. Die meisten erwarten, dass ihre Ehefrauen ihn jederzeit sexuell zur Verfügung stehen. Gut 70 Prozent der ägyptischen Männer befürworten die Verstümmelung weiblicher Genitalien.

Das Gleiche gilt auch für weit mehr als die Hälfte der ägyptischen Frauen. Die arabischen Frauen teilen überhaupt viele der Einstellungen der Männer. In Ägypten und den Palästinensergebieten geben mehr als die Hälfte der Männer und Frauen an, eine Frau, die vergewaltigt werde, sollte ihren Vergewaltiger heiraten. In drei Ländern gaben mehr Frauen als Männer an, dass Frauen, die sich provokant kleideten, es sich selbst zuzuschreiben hätten, wenn sie belästigt würden. Die meisten Frauen erklärten, sie unterstützten das Prinzip der männlichen Vormundschaft.“ (Bericht im Economist: „The sorry state of Arab men“)

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