Vor dem Hintergrund der Schwächung des Irans beginnt sich im Nahen Osten eine neue sunnitische Koalition zu bilden, in deren Mittelpunkt die Türkei steht.
Yoni Ben Menachem
Hochrangige Beamte in Jerusalem äußerten in jüngerer Vergangenheit Besorgnis über die wachsende regionale und internationale Bedeutung Ankaras, das durch die Unterstützung von US-Präsident Donald Trump gestärkt wird, sowie über das offensichtliche Bestreben der Türkei, sich als nuklear bewaffnete Regionalmacht zu positionieren, wobei sie die Anzeichen der Erosion des iranischen Regimes und seiner Macht ausnutzen möchte.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach bereits 2019 öffentlich über die Möglichkeit von Atomwaffen. Bei einer Kundgebung seiner regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) in Sivas am 4. September desselben Jahres erklärte er, die Türkei habe Ambitionen, Atomwaffen zu erwerben: »Wir können eine Situation nicht akzeptieren, in der Großmächte Atomwaffen besitzen, während der Türkei solche Fähigkeiten verwehrt bleiben.« Dabei verwies er explizit auf Israel und argumentierte, dass dessen Besitz solcher Waffen es vor Druck von außen schütze und Gegner abschrecke.
Am 9. Februar 2026 wiederholte der türkische Außenminister Hakan Fidan diese Linie in einem Interview mit CNN und erklärte, die Türkei prüfe die weiterreichenden strategischen Auswirkungen eines Eintretens in den regionalen Wettlauf um Atomwaffen. Fidan bekräftigte zwar, dass die Türkei derzeit kein aktives Atomwaffenprogramm habe und weiterhin Unterzeichner des Nichtverbreitungsvertrags sei, bezeichnete die nukleare Fähigkeit jedoch als eine wichtige strategische Frage, die in »größerem Zusammenhang« geprüft werden müsse.
Derzeit konzentriert sich die Türkei auf den Bau des ersten von drei geplanten zivilen Kernkraftwerken.
Diplomatische Einkreisung
Zugleich argumentieren israelische Sicherheitsbeamte, dass Erdogan zügig daran arbeite, Israel diplomatisch einzukreisen. Diesen Einschätzungen zufolge arbeitet Ankara daran, die sunnitische Welt zu konsolidieren und ehemalige arabische Rivalen, darunter Ägypten, zu Partnern in einem breiteren Bündnis zu machen, das die regionale Dynamik gegen Israel umlenken könnte. Das Ziel sei es, den seit dem 7. Oktober 2023 stark geschwächten iranischen »Feuerring« durch eine einheitliche sunnitische diplomatische Mauer um Israel zu ersetzen, um so dessen Handlungsfähigkeit einzuschränken und es politisch zu isolieren.
In Afrika soll Erdogan in einen von israelischen Beamten als »Schattenkrieg« bezeichneten strategischen Wettstreit verwickelt sein, der sich von Libyen über den Sudan bis nach Somalia erstreckt. Die Türkei, Ägypten und Saudi-Arabien sind Berichten zufolge alarmiert über die Anerkennung Somalilands durch Israel und koordinieren ihre Bemühungen, um Israels strategische Handlungsfreiheit im Bereich des Roten Meeres einzuschränken.
Hochrangige Verteidigungsexperten weisen darauf hin, dass ein Großteil des Nahen Ostens die Schwächung des Irans mittlerweile als unumkehrbaren Prozess betrachtet. Als Reaktion formiert sich eine breite sunnitische Achse neu, um das entstehende Vakuum zwischen dem Roten Meer und dem Persischen Golf zu füllen. Israel sieht sich somit mit einem komplexeren Umfeld konfrontiert, in dem es mehreren sunnitischen Staaten gegenübersteht, von denen einige offen feindselig sind, allen voran die Türkei. In einer solchen Konstellation könnte es für Israel zunehmend schwieriger werden, seine militärische Überlegenheit in unmittelbare strategische Vorteile umzuwandeln.
Während Teheran sich weiterhin zu weigern scheint, den Forderungen von US-Präsident Donald Trump in Bezug auf sein Atomprogramm, sein Raketenprojekt und seine regionalen Stellvertretermilizen nachzugeben, hat sich die regionale Stellung des Irans seit dem zwölftägigen Krieg im Juni letzten Jahres erheblich verschlechtert. Seine Machtzentren in Syrien, im Libanon und im Gazastreifen wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Gleichzeitig kämpft die Islamische Republik mit einer massiven Wirtschaftskrise, die durch Wasser- und Nahrungsmittelknappheit noch verschärft wird. Parallel halten die USA weiterhin Sanktionen aufrecht und verstärken damit den systemischen Druck auf das Regime.
Es ist diese Ausgangslage, in der sich eine Koalition sunnitischer Staaten, darunter Saudi-Arabien, die Türkei, Ägypten, Katar und Pakistan, zu bilden beginnt. Einige dieser Staaten sind durch militärische Kooperationsrahmen miteinander verbunden. Sie koordinieren ihre Interessen, um eine erneute Festigung der iranischen Position zu verhindern und ihren Einfluss in wichtigen Regionen wie Syrien, dem Libanon und dem Roten Meer auszuweiten.
Saudi-Arabien auf Distanz
Hochrangige israelische Diplomaten äußern wachsende Besorgnis über diese sich abzeichnende Koalition, obwohl mehrere ihrer Mitgliedstaaten enge Beziehungen zu Washington unterhalten. Israel musste zur Kenntnis nehmen, dass die Aussicht auf eine Normalisierung der Beziehungen zu Saudi-Arabien schwindet. Riad, das zuvor ernsthaft einen Beitritt zu den Abraham-Abkommen geprüft hatte, nimmt seit Kurzem eine kritischere und rigorosere Haltung gegenüber Israel ein, insbesondere angesichts des Kriegs im Gazastreifen und der Weigerung Israels, sich zur Gründung eines palästinensischen Staates zu verpflichten.
In den letzten Wochen ist Saudi-Arabien auch in einen beispiellosen und öffentlichen Konflikt mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) über die Entwicklungen im Süden Jemens geraten. Abu Dhabi war der Vorreiter der Normalisierung der Beziehungen zu Israel, doch dieser Schritt ist in der arabischen Welt zunehmend unpopulär geworden. Die Distanzierung Saudi-Arabiens von Israel hat die VAE weiter ins Abseits gebracht, während Riad sich als wichtigste Anlaufstelle im sunnitischen Raum positioniert hat.
Angesichts des ungelösten Konflikts im Gazastreifen, der Stagnation auf der palästinensischen politischen Ebene und der israelischen Politik im Westjordanland wird die Integration Israels in einen breiten regionalen Rahmen immer komplizierter. Die VAE, Israels sichtbarster arabischer Partner, spüren im Zuge dessen eine gewisse Isolation innerhalb der arabischen Welt. Der Nahe Osten tritt in eine Phase strategischer Umgestaltung ein, in der die Islamische Republik Iran zwar noch ein zentraler Akteur bleibt, aber nicht mehr die einzige Kraft ist, welche die Regeln des regionalen Spiels bestimmt. An ihrer Stelle konsolidiert sich eine sunnitische Koalition, die eine neue regionale Ordnung gestalten will.
Hochrangige Sicherheitsbeamte warnen, dass Israel gezwungen wäre, sowohl seine Militärdoktrin als auch seine Handlungsfreiheit zu überdenken, sollten Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei gemeinsam agieren. Israels Schritte könnten eine andere strategische Bedeutung erhalten, wenn es mit drei koordinierten sunnitischen Mächten konfrontiert wäre. Selbst wenn dieses Bündnis nicht offiziell gegen Israel gerichtet ist, schränkt allein seine Existenz den diplomatischen und militärischen Spielraum ein, an den sich Israel gewöhnt hat.
Atommacht Pakistan
Die Rolle Pakistans ist in diesem Zusammenhang besonders bedeutend. Als Atommacht, die Saudi-Arabien formelle Sicherheitsgarantien gegeben hat, verändert Islamabad das regionale Gleichgewicht der Abhängigkeiten. Anstatt sich Israel anzunähern, um ein gemeinsames Verteidigungsbündnis gegen den Iran aufzubauen, kann sich Riad auf eine interne sunnitische Machtstruktur innerhalb seines eigenen strategischen Einflussbereichs verlassen. Dies verringert den Anreiz für Saudi-Arabien, die Beziehungsnormalisierung mit Israel voranzutreiben und könnte die diplomatischen Prozesse erschweren, die im vergangenen Jahr Gestalt angenommen hatten.
Diese Entwicklungen bringen Israel auch auf einen Kurs zunehmender Rivalität mit der Türkei, die sich anschickt, eine führende Kraft in der entstehenden regionalen Architektur zu werden. Ankara, das die Achse der Muslimbruderschaft anführt, könnte dieses Bündnis nutzen, um seinen Einfluss in der sunnitischen Welt und in der palästinensischen Arena zu verstärken, wodurch Israels Handlungsspielraum gegenüber den Golfstaaten eingeschränkt und die strategische Kluft zwischen Jerusalem und Ankara vergrößert würde.
Yoni Ben Menachem, Kommentator für arabische Angelegenheiten und Diplomatie bei Israel Radio and Television, ist leitender Nahostanalyst für das Jerusalem Center und war Generaldirektor und Chefredakteur der Israel Broadcasting Authority. (Der Text erschien auf Englisch zuerst bei Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)






