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»Nach dem Hamas-Terrorangriff wurde der Judenhass zu einer normalisierten Realität«

Jörg Rensmann im MENA-Talk: »Nach dem Hamas-Terrorangriff wurde der Judenhass zu einer normalisierten Realität«

Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht Jörg Rensmann, Leiter der RIAS-Meldestelle NRW, über den aktuellen Jahresbericht zu judenfeindlichen Vorfällen in Nordrhein-Westfalen. Das Gespräch beleuchtet die Auswirkungen des 7. Oktober auf das gesellschaftliche Klima, Erscheinungsformen des Antisemitismus sowie die Frage, warum unabhängige Dokumentationsstellen für den Schutz jüdischen Lebens unverzichtbar sind.

Jasmin Arémi (JA): Herr Rensmann, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) NRW hat den Jahresbericht für 2025 vorgelegt. Es wurden 1.102 antisemitische Vorfälle dokumentiert – das ist ein Höchststand. Was ist für Sie die zentrale Botschaft dieses Berichts?

Jörg Rensmann (JR): Es ist so, dass wir keinerlei Entwarnung geben können. Die Anzahl antisemitischer Vorfälle bleibt in unserem bevölkerungsreichsten Bundesland ganzjährig auf einem sehr hohen Niveau. Statistisch gesehen vergeht kein Tag, an dem es nicht zu drei antisemitischen Vorfällen kommt. Antisemitismus ist also nach wie vor eine akute Bedrohung für Jüdinnen und Juden sowie für die Demokratie in der Bundesrepublik.

Diana Matut, die Direktorin der Alten Synagoge in Essen, hat in ihrem Vorwort formuliert: »Nach dem Massenexodus französischer Jüdinnen und Juden der letzten Jahrzehnte stellt sich die Frage: Wird es in Deutschland genauso kommen? Wird das, was vertrauensvoll begann, ein Gastspiel werden?« Das ist die zentrale Frage, die unser Bericht nahelegt.

Drei Vorfälle pro Tag

JA: Was sagt der Anstieg konkret über die Lage in Nordrhein-Westfalen aus?

JR: Seit Jahren ist Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen ein wachsendes, aber keineswegs abstraktes Phänomen. Wir beobachten das nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des genozidalen Angriffs einer vernichtungsantisemitischen Terrororganisation auf Israel. Seitdem fungiert die Projektionsfläche Israel jedoch verstärkt als Gelegenheit, sich antisemitisch zu äußern. Der arabisch-israelische beziehungsweise palästinensisch-israelische Konflikt liefert dabei den Anlass, Antisemitismus offen oder kodiert zu artikulieren. Er ist nicht die Ursache antisemitischer Ressentiments, sondern deren Ausdrucksform. Antisemitische Äußerungen und die Rechtfertigung antisemitischen Terrors gab es bereits am 7. Oktober selbst, noch vor militärischen Maßnahmen der IDF im Gazastreifen.

JA: RIAS NRW dokumentiert seit 2022 antisemitische Vorfälle. Damals lag der Schnitt bei etwa fünf Vorfällen pro Woche. Wie hat sich die Entwicklung seitdem verändert?

JR: Heute registrieren wir im Durchschnitt drei antisemitische Vorfälle pro Tag. Die Dunkelzieffe ist darin noch gar nicht enthalten. Vieles bleibt unsichtbar, weil Betroffene aus Scham schweigen. Außerdem sehen wir, dass sich Motive des israelbezogenen Antisemitismus mit Formen eines Post-Shoah-Antisemitismus verbinden. Dabei handelt es sich um einen Antisemitismus, der die Präzedenzlosigkeit der Shoah leugnet oder relativiert. Erinnerungsabwehr und die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus sind dabei zentrale Muster der Delegitimierung Israels.

JA: Sie sprechen von einer Zunahme gewalttätiger und bedrohlicher Vorfälle. Woran lässt sich das konkret festmachen?

JR: Viele dieser Angriffe finden im öffentlichen Raum statt, besonders gegen Menschen, die an israelsolidarischen oder antisemitismuskritischen Veranstaltungen teilnehmen. Im Oktober 2025 wurde etwa ein Fotojournalist bei einer israelfeindlichen Kundgebung angegriffen. Der Täter beleidigte ihn antisemitisch und schlug ihm gegen die Schläfe. Der Betroffene erlitt eine Gehirnerschütterung und eine Hüftprellung. Ein Polizeibeamter beobachtete den Angriff, Anzeige wurde erstattet.

Insgesamt kam es in zwölf Fällen zu körperlichen Angriffen auf offener Straße, sechs davon an Bildungseinrichtungen. Weitere Angriffe wurden im öffentlichen Nahverkehr, im Wohnumfeld und in Grünanlagen registriert.

JA: Tritt Antisemitismus heute enthemmter auf? Kann man von einer Normalisierung sprechen?

JR: Ja, eindeutig. Antisemitismus tritt heute deutlich enthemmter auf, und man kann von einer gewissen Normalisierung sprechen. Das zeigen internationale Studien ebenso wie die Einschätzungen des Zentralrats der Juden in Deutschland. Antisemitismus war hierzulande nie verschwunden, doch heute begegnet er uns häufig in der Form des Antizionismus. Diese Form wird gesellschaftlich oft eher akzeptiert und ermöglicht es, antisemitische Inhalte zu verbreiten, die sonst auf größere Ablehnung stoßen würden. Was jedoch klar sein sollte: Ein Angriff auf eine Synagoge bleibt antisemitisch, unabhängig davon, mit welchen politischen Argumenten er begründet wird.

JA: Was bedeutet diese Entwicklung konkret für jüdische Menschen in Nordrhein-Westfalen?

JR: Das Sicherheitsgefühl spielt eine zentrale Rolle, weil Antisemitismus für viele Jüdinnen und Juden längst Teil des Alltags geworden ist. Viele überlegen sehr genau, ob sie Veranstaltungen besuchen oder lieber darauf verzichten. Das schränkt die gesellschaftliche Teilhabe zum Teil erheblich ein. Eine Befragung der Synagogengemeinde Köln zeigt etwa, dass mehr als dreißig Prozent der Mitglieder aus Sicherheitsgründen nicht mehr an Gemeindeveranstaltungen teilnehmen. Jüdisches Leben zieht sich dadurch stärker ins Private zurück. Besorgniserregend ist, dass Angriffe im direkten Wohnumfeld stattfinden.

Enorme Belastung

JA: Viele kennen RIAS NRW als Meldestelle. Was passiert konkret, wenn ein Vorfall gemeldet wird?

JR: Meldungen erreichen uns auf unterschiedlichen Wegen, also online, per E-Mail oder telefonisch. Wir versuchen dann, schnell zu reagieren. Im nächsten Schritt prüfen und verifizieren wir den Vorfall anhand wissenschaftsbasierter Kriterien. Für die Betroffenen ist es besonders wichtig, ernst genommen zu werden. Deshalb begegnen wir jeder Meldung mit Empathie und Sensibilität. Wenn gewünscht, vermitteln wir außerdem an Beratungsstellen weiter, etwa für psychologische oder juristische Unterstützung. Das geschieht stets in enger Abstimmung mit den Betroffenen.

JA: Warum reichen polizeiliche Statistiken allein nicht aus, um Antisemitismus abzubilden?

JR: Weil wir auch Vorfälle dokumentieren, die unterhalb der Strafbarkeitsgrenze liegen. Zudem wenden sich viele Betroffene nicht an die Polizei. RIAS bietet hier ein niedrigschwelliges zivilgesellschaftliches Meldeangebot. Die polizeiliche und die zivilgesellschaftliche Perspektive ergänzen sich. Beide sind notwendig, um ein möglichst vollständiges Lagebild antisemitischer Vorfälle zu erhalten.

JA: Was bedeutet es für Betroffene, wenn Antisemitismus im Alltag oder im eigenen Wohnumfeld auftritt?

JR: Für die Betroffenen bedeutet das eine enorme Belastung. Sie erleben Unsicherheit, ziehen sich zurück und fühlen sich oft allein gelassen. Nicht selten leiden darunter auch private Beziehungen oder sie zerbrechen ganz, weil Jüdinnen und Juden als Stellvertreter Israels wahrgenommen werden. Dahinter steht ein klassisches antisemitisches Motiv.

JA: 140 Vorfälle wurden allein an Bildungseinrichtungen in NRW dokumentiert. Was sagt das über Schulen und Hochschulen aus?

JR: Für viele Jüdinnen und Juden sind Schulen und Hochschulen längst keine selbstverständlich sicheren Orte mehr. Antisemitismus begegnet ihnen dort zunehmend auch im akademischen Umfeld. Und oft aus Positionen heraus, denen besondere Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird. Hinzu kommt die zunehmende Präsenz von BDS-Kampagnen an Hochschulen.

JA: Was müsste sich politisch und praktisch ändern?

JR: Der erste Schritt ist, Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen erkennen zu können und ihm entschieden zu widersprechen. Dafür braucht es verbindliche Bildungsangebote, insbesondere in der Lehramtsausbildung. Hochschulen sollten außerdem Antisemitismusbeauftragte benennen und sich klar zur IHRA-Definition bekennen. Die IHRA-Definition ist bereits anerkannt. Die häufig geäußerte Kritik, sie schränke legitime Kritik an israelischer Regierungspolitik ein, hält einer sachlichen Prüfung nicht stand.

JA: Welche Erscheinungsformen von Antisemitismus treten derzeit besonders häufig auf?

JR: Besonders häufig begegnen wir israelbezogenem Antisemitismus, oft verbunden mit post-shoah-antisemitischen Denkmustern. Hinzu kommen Formen der Ausgrenzung, bei denen Jüdinnen und Juden als Fremde markiert werden, sowie moderne Verschwörungserzählungen über angebliche jüdische Macht und Einflussnahme. Antisemitismus wirkt dabei als Bindeglied zu anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Kein Minderheitenproblem

JA: Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit die Zahlen nicht weiter steigen?

JR: Antisemitismus darf nicht als Problem einer Minderheit verstanden werden, sondern als Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Es braucht eine klare Haltung, entschiedenen Widerspruch und umfassende Bildungsarbeit. Gleichzeitig müssen die Bedeutung der Shoah und die Rolle Israels als Schutzraum für Jüdinnen und Juden stärker vermittelt werden.

JA: Was nehmen Sie persönlich aus dem Jahresbericht 2025 mit?

JR: Die bestehenden Netzwerke gegen Antisemitismus müssen weiter gestärkt und enger miteinander verzahnt werden. Das Engagement gegen Antisemitismus braucht mehr Sichtbarkeit, mehr Koordination und mehr Entschlossenheit.

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