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München 1972: Neues Licht auf die Forderungen der Terroristen

Schauplatz der Geiselnahme: München, Olmpisches Dorf, Connollystraße 31 (© imago images/Rolf Poss)
Schauplatz der Geiselnahme: München, Olmpisches Dorf, Connollystraße 31 (© imago images/Rolf Poss)

Waren die deutschen Behörden beim Anschlag auf die israelische Mannschaft in München 1972 wirklich so machtlos, wie sie stets behaupteten?

München, 5. September 1972: Früh am Morgen verschafft sich ein palästinensisches Terrorkommando Zutritt zur Unterkunft der israelischen Olympiamannschaft in der Connollystraße Nr. 31 im Olympischen Dorf. Aus einem Fenster wirft der Anführer der Terroristen einige Blätter Papier hinaus, auf denen die Forderungen des »Schwarzen September«, der sich zu dem Angriff bekennt, verzeichnet sind.

Laut den deutschen Behörden handelt es sich um eine Liste von mehr als zweihundert Namen, alle von inhaftierten arabischen Terroristen, deren Freilassung gefordert wird. Der deutschen Regierung, so die offizielle Version der Geschichte, sind die Hände gebunden: Die Häftlinge befänden sich alle in israelischen Gefängnissen, doch Israel lehne es ab, den Forderungen des Terrorkommandos nachzukommen. »Die wiederholte Frage, ob die Terroristen irgendwelche Forderungen an deutsche Stellen hätten«, ist in einem Bericht der bayerischen und bundesdeutschen Sicherheitsbehörden zu lesen, »wird immer wieder mit dem Hinweis verneint, es gehe nur um arabische Häftlinge in israelischer Hand«.

Wie die Geschichte ausgegangen ist, dürfte bekannt sein: Während eines Befreiungsversuchs am Militärflughafen Fürstenfeldbruck ermorden die Terroristen alle in ihrer Hand befindlichen israelischen Geiseln, und auch ein deutscher Polizeibeamter wird bei dem Schusswechsel getötet.

Obwohl in den vergangenen fünf Jahrzehnten viel über den Terroranschlag von München geschrieben worden ist, herrscht bezüglich der konkreten Forderungen der Terroristen noch immer erstaunliche Unklarheit. Dieser Ansicht sind jedenfalls die Historiker Anna Greithanner, Dominik Aufleger und Robert Wolff. Im Zuge ihrer Recherchen sind sie im Münchener Staatsarchiv auf eine Kopie des Erpresserbriefes gestoßen – und mussten zu ihrer Überraschung feststellen, dass vieles von dem, was seitdem darüber behauptet wurde, schlicht unzutreffend ist.

Die Liste

Das fängt schon bei der Frage an, wie viele Namen denn nun eigentlich auf der Liste der Terroristen zu finden waren. Mehr als zweihundert, hieß es damals vonseiten der Behörden, und diese Zahl wurde lange Zeit auch in der Forschung übernommen. Ende der 1990er Jahre schrieb einer der Drahtzieher des Anschlags, der enge Arafat-Vertraute Abu Daoud, in seiner Autobiografie von 236 freizulassenden Gefangenen, die auf der Liste verzeichnet gewesen seien. Seitdem wurde diese Angabe (plus/minus ein oder zwei Namen) als gesichert angesehen und wird so auch in der neuesten Veröffentlichung zum Thema wiedergegeben.

Eine einfache Zählung der Namen in dem Dokument im Münchener Staatsarchiv zeigte den Historikern aber, dass auch diese Zahl falsch ist: Tatsächlich sind auf der dreiseitigen, größtenteils maschinengeschriebenen Liste 328 Namen verzeichnet.

Doch nicht nur die Zahlenangaben waren bisher unzutreffend, auch die konkreten Namen beinhalten einige Überraschungen. Einerseits beinhaltet die Liste keineswegs nur die Namen arabischer Terroristen, wie die deutschen Behörden damals behaupteten, sondern zumindest auch den des Japaners Kōzō Okamoto, der als Mitglied der Terrororganisation Japanische Rote Armee an dem Anschlag auf den israelischen Flughafen Lod am 30. Mai 1972 beteiligt war. (Die diesjährige documenta würdigte die Terrorgruppe mit einem Filmbeitrag über die »weitestgehend übersehene und nicht dokumentierte antiimperialistische Solidarität zwischen Japan und Palästina«.)

Dass die Behauptungen der Sicherheitsbehörden falsch waren, wusste die Süddeutsche Zeitung bereits am Tag der Geiselnahme, da sie schon damals über Okamotos Inkludierung auf der Liste berichtete.

Andererseits ist seit einiger Zeit auch die Rede davon, dass sich mit Ulrike Meinhof und Andreas Baader auch zwei deutsche Terroristen auf der Liste der Freizulassenden von München befunden hätten. Wie die drei Historiker anhand des Dokuments feststellten, ist auch diese Behauptung teilweise falsch: Der Name von Ulrike Meinhof findet sich tatsächlich auf der Liste, der von Andreas Baader hingegen nicht. Die auf ihn bezogenen Behauptungen dürften auf Recherchen zurückzuführen sein, die sich auf eine andere Liste gestützt und diese irrtümlich für die Namensliste von München gehalten haben.

Partei im Konflikt

Der Name Meinhof in dem Schreiben der Terroristen wirft freilich einige Fragen über das Verhalten der deutschen Behörden in München auf, die stets nur von »arabischen Häftlingen in israelischer Hand« sprachen. Sie konnten den Namen Meinhof nicht übersehen haben, stand er doch gleich auf Seite eins des Erpresserbriefs, noch dazu in Großbuchstaben und von den übrigen Namen deutlich ab- und damit hervorgehoben. Der Befund ist klar: Die Erwähnung von Meinhof wurde nicht übersehen, sondern absichtlich verschwiegen.

Mehrere Gründe dürften dafür ausschlaggebend gewesen sein. Die drei Historiker vermuten, dass die westdeutschen Behörden ihre Nennung verheimlichten, um der RAF, nur wenige Monaten nach deren blutiger »Mai-Offensive«, in der Öffentlichkeit keine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Die Erwähnung Meinhofs hätte darüber hinaus das Narrativ durchkreuzt, wonach der Anschlag gewissermaßen ein ausländisches Ereignis sei, das sich nur leider, zufällig gewissermaßen, auf deutschem Boden abspielte.

Wie geschildert, hatten sich die deutschen Behörden stets auf das Argument zurückgezogen, sie hätten wegen der israelischen Weigerung, inhaftierte Terroristen freizulassen, keinerlei Verhandlungsspielraum gehabt. Doch Ulrike Meinhof saß nicht in einem israelischen Gefängnis ein, sondern in einem deutschen. »Meinhofs Name macht die Bundesrepublik zu einer Partei in diesem Konflikt«, sagt Dominik Aufleger gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

»Die Entscheidung, auf die Forderungen der Geiselnehmer einzugehen oder nicht, war damit eben nicht nur eine israelische, wie jahrzehntelang dargestellt wurde«, ergänzt seine Kollegin Anna Greithanner. Daher stelle sich die Frage, »ob man von der deutschen Seite tatsächlich alle Verhandlungslösungen ausgeschöpft habe«. Hätten die Deutschen beispielsweise nicht die Freilassung Meinhofs im Gegenzug für die Freilassung israelischer Geiseln anbieten können?

Neue Fragen

Für die Historiker stellen sich durch ihren Fund neue Aufgaben – und neue Fragen. Noch sind nicht alle 328 Namen eindeutig identifiziert, was zum Teil mit deren ungewöhnlichen Schreibweisen zu tun hat. Bei Meinhof, die unter dem Namen »ULRIKA MEINHOF« zu finden ist, war das kein Problem; andere Namen stellen die Forscher vor größere Schwierigkeiten.

Unklar ist auch, wie die Namensliste zustande kam. Die drei Historiker vermuten, dass es im Grunde dieselbe Liste ist, mit der Geiselnehmer wenige Monate vor dem Anschlag von München bei der Sabena-Entführung versucht hatten, Gesinnungsgenossen freizupressen, ergänzt gewissermaßen um die Namen weiterer Terroristen, die in der Zwischenzeit inhaftiert worden waren.

Für Deutschland wäre es darüber hinaus höchst an der Zeit, sich im Hinblick auf die Ereignisse von München nichts mehr vorzumachen und sich nicht weiterhin vor dem Übernehmen der eigenen Verantwortung zu drücken. Vielleicht kann das 50. Gedenkjahr Anstoß dafür sein.

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