Latest News

Mordversuch gegen Hamas-Kritiker in Berlin

Hudhaifa Al-Mashhadani in einer Klasse, der von ihm geleiteten Ibn Khaldun Schule für Arabisch
Hudhaifa Al-Mashhadani in einer Klasse, der von ihm geleiteten Ibn Khaldun Schule für Arabisch (© Imago Images / Funke Foto Services)

In Berlin entgeht ein israelfreundlicher Schulleiter nur knapp einem tödlichen Überfall. Seit Oktober wurden vier mutmaßliche Hamas-Mitglieder in Deutschland festgenommen.

Am vergangenen Freitag ist Hudhaifa al-Mashhadani, Rektor der Deutsch-Arabischen Sprachschule Ibn Khaldun und Generalsekretär des Deutsch-Arabischen Rates, in der Berliner U-Bahn-Station Rathaus Neukölln nur knapp dem Tod entkommen, als er sich erfolgreich gegen den Versuch eines Angreifers wehren konnte, der ihn vor eine einfahrende Zuggarnitur stoßen wollte.

Bevor der Angreifer flüchtete, schlug er sein Opfer mehrmals auf Kopf und Schultern. Dann drohte er al-Mashhadani mit einer Geste quer über die Kehle noch einmal explizit mit dem Tod und suggerierte mit einem Fingerzeig auf seine Augen, sein Opfer weiterhin im Auge behalten zu wollen.

Angesichts des Opfers könnte man meinen, der Angriff sei das Werk von Neonazis gewesen, die damit einen antimuslimischen, rassistischen Anschlag verübt hätten; wäre da nicht ein gewisses Detail. So hatte der Tatverdächtige zwar ein »europäisches Aussehen« mit schwarzem Haar und schwarzem Schnurrbart gehabt und einen schwarzen Mantel getragen, heißt es in der Täterbeschreibung – dazu aber auch eine rote Kufiya, das sogenannte Palästinensertuch.

Tuchfühlung mit der Hamas

Hudhaifa al-Mashhadani ist ein unerbittlicher Kritiker islamistischer Netzwerke. Seit Langem engagiert er sich für den Austausch mit Israel, arrangiert Synagogenbesuche, klärt über den Holocaust auf und organisiert Projekte gegen religiöse Radikalisierung. Und genau dieses couragierte Engagement ist den Extremen ein Dorn im Auge.

»Nimm den Verräter und Kollaborateur ins Visier der Kanone«, stand bereits im Januar dieses Jahres auf der Tür seines Vereins; al-Mashhadanis Name war in roter Farbe durchgestrichen, daneben prangte ein rotes Dreieck und der Spruch »Ehre dem Widerstand«. Die Schule, an der rund 700 Kinder ausgebildet werden, steht mittlerweile unter Polizeischutz. »Ich bin auf der Feindesliste der Hamas«, erklärte al-Mashhadani.

Mittlerweile laufen die Ermittlungen durch den Staatsschutz bezüglich der aktuellen Attacke auf dem Bahnsteig, wobei der dringende Verdacht eines politisch motivierten Attentats im Raum steht.

Dass die Kufiya des Tatverdächtigen rot und nicht schwarz gewesen sei, ist insofern interessant, als das ikonische schwarz-weiße Muster weltweit als Symbol palästinensischer Identität fungiert, die rote hingegen, auch Shemagh genannt, traditionell eher von Beduinen und Haschimiten sowie in den Golf-Staaten getragen wird.

In der jüngsten Vergangenheit sie ist nicht nur im Gazastreifen, sondern auch bei den Befürwortern der Hamas weltweit populär geworden. So wird sie zum Beispiel von marxistischen palästinensischen Gruppen wie der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) getragen, und zwar ausdrücklich als Symbol des Widerstands. Auch Linke mit »europäischem Aussehen« bzw. westliche Anhänger der propalästinensischen Bewegung bedienen sich ostentativ der roten Kufiyas als einer gewollten politischen Aussage, ist die rote Farbe des Tuchs im Kontext mit der palästinensischen Causa doch mit einer Dringlichkeit und dem Ausdruck eines höheren Grads an revolutionärem Geist verbunden.

Diese sichtbare Radikalisierung in der Öffentlichkeit ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Sie ist ein alarmierendes Indiz für die Normalisierung radikaler Ideologien, die in Deutschland Fuß gefasst haben.

Der mutmaßliche Mordversuch an Hudhaifa al-Mashhadani legt mit brutaler Klarheit offen, dass Deutschland zunehmend als Rückzugsraum, Logistikdrehscheibe und Operationsgebiet jener Kräfte dient, die ihre Ideologie nicht nur predigen, sondern exekutieren wollen. Dies beweisen verschiedene Ermittlungswellen, welche die Tiefe islamistischer Netzwerke in Europa freilegten.

Die erste dieser Wellen brandete zwei Monate nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 auf: Am 14. Dezember ließ die Bundesanwaltschaft vier mutmaßliche Mitglieder der Organisation festnehmen. Drei von ihnen – Abdelhamid Al A., Mohamed B. und Ibrahim El-R. – wurden in Berlin gestellt, der vierte, Nazih R., in Rotterdam. Angeblich hätten die Männer versucht, Waffen aus einem Erddepot zu holen, um sie bei Anschlägen auf israelische bzw. jüdische Einrichtungen zu verwenden. Laut Bundesanwaltschaft hätten sich die Festgenommenen schon an Auslandsoperationen beteiligt, und zwar als Kommandos im Auftrag der al-Kassam-Brigaden der Hamas.

Die jüngste Welle folgte erst vor einigen Wochen. Am 1. Oktober wurden in Berlin die mutmaßlichen Hamas-Mitglieder Abed Al G., Wael F. M. und Ahmad I. gefasst. Erneut zeigte sich die europäische Dimension, als am 6. November in London ein weiterer Verdächtiger festgenommen wurde. Auch diese Gruppe habe versucht, Waffen für antisemitische Terroranschläge in der Bundesrepublik zu beschaffen.

Asymmetrie der Empörung

Positiv aufhorchen lässt, dass der Fall al-Mashhadani sofort einen Schulterschluss der Solidarität hervorgebracht hat. Der Kreis der sich öffentlich äußernden Verbündeten ist zwar klein, aber das Signal ist klar. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner verurteilte die Tat »aufs Schärfste«. Online betonten die Ibn-Khaldun-Schule, der Deutsch-Arabische Rat und mehrere arabische, kurdische und jüdische Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung ihre Unterstützung für den Schulleiter. »Meine Solidarität«, versicherte auch Karoline Preisler, frisch ausgezeichnet mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage des Zentralrats der Juden und der Sonderauszeichnung des Wiener Arik-Brauer-Publizistikpreises 2025.

Die Lage ist dennoch so brisant geworden, dass die schiere Solidaritätsbekundung mit Opfern des islamistischen Terrors konkrete Risiken mit sich zieht. Menschen, die wie Karoline Preisler völlig zu Recht geehrt werden, können eigentlich auf Personen- und Objektschutz nicht mehr verzichten. So die bittere Wahrheit: Eine Gesellschaft, die Mut ehrt, weil sie die Sicherheit immer weniger garantieren kann.

Während sich die Free-Palestine-Bewegung als Opfer angeblicher Polizeigewalt inszeniert und linke Leitmedien gefühlt bei jeglicher kritischen Nachfrage routiniert das Alarmwort »Islamophobie« ausspielen, wächst ein Klima, in dem nicht die Gefährder, sondern die Gefahrenmelder in die Defensive geraten. Islamistische Anschläge werden von der sich progressiv gebenden Presse häufig als isolierte Einzelfälle betrachtet und möglichst prompt zu den Akten gelegt. Muslimisch klingende Namen von Tatverdächtigen zu nennen, gilt als migrantenfeindlich bzw. rassistisch. Diese verkürzte Sicht verkennt, dass der islamistische Terror auch und gerade Muslime bedroht.

Umso anerkennungswerter ist deshalb das Engagement von Hudhaifa al-Mashhadani. Der renommierte Professor zeigt, dass Diversität nicht auf Kosten der Demokratie gehen muss. Die Toleranz gegenüber Terrorverherrlichung hingegen gefährdet die Vielfalt und zerstört jene Brücken, die Männer wie er unter Einsatz ihres Lebens errichten. Menschen, die Spannungen entschärfen, Vertrauen stiften, Dialogräume öffnen, werden so zur Zielscheibe jener, die vom Zerfall des Gemeinsamen profitieren.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!