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Mirna Funks »Balagan«: Der Riss der Welt

Mit »Balagan « hat Mirna Funk ihren dritten Roman vorgelegt
Mit »Balagan « hat Mirna Funk ihren dritten Roman vorgelegt (© Imago Images / Funke Foto Services)

Mirna Funks dritter Roman hält, was der Titel verspricht. Balagan, Chaos. Innen und außen. Früher und heute. Im Anderen und im Selbst. Politisch und familiär. Oszillierend zwischen den Erfahrungen, die jüdisches Leben heute bedeuten. Festgehalten in der Geschichte einer Emanzipation. Und obwohl (oder gerade, weil) man auf eine prosaische Ordnung hin fiebert, oft vergeblich, will man nicht anders, als ganz in der Erzählung aufzugehen.

Jenny V. Möhlmann

Berlin und Tel Aviv – zwei Schauplätze, die für jüdisches Leben im 21. Jahrhundert emblematisch sind und dabei gegensätzlicher kaum sein könnten. Die eine Stadt lässt die Bedrohung jüdischen Lebens sehenden Auges zu – wie man an den hasserfüllten Demonstrationen seit dem 7. Oktober 2023 beobachten kann –, die andere steht permanenter Bedrohung von außen gegenüber. Der Leser macht das schnell fest an Mirna Funks minutiös geschilderter Hauptfigur, Amira Altmann, deren Zerrissenheit unmittelbar merklich ist. Zwischen ihren Wurzeln in Berlin und einer Möglichkeit in Tel Aviv. Zwischen »Free Palestine«-Graffiti und »Free-Them-Now«-Transparenten, zwischen Hamas-Sympathien und Bangen um die Geiseln.

Beim Lesen denkt man vielleicht an Siegfried Kracauers Satz »der Riss der Welt geht auch durch mich«, an die persönlich spürbare Verdinglichung eines vermeintlich humanistischen Diskurses, in dem es längst nicht mehr um die Menschen geht, sondern um Distinktion, die im politischen Fahrwasser des gesellschaftlichen Common Sense eigentlich keine ist, sondern nur Ausdruck dessen, was ohnehin die meisten denken.

Und dann ist da Amiras Familie mit jüdischer Identität und jüdischer Geschichte. Aber auch mit den leidlichen Konflikten jeder anderen x-beliebigen Familie: Zuneigung, Antipathie, unausgesprochene und ausgesprochene Geheimnisse, Neid, Unverständnis, der Wunsch nach tiefer Verbindung, dem Wissen, dass sie nicht existiert. Im Zentrum steht Amiras Beziehung zum Großvater, wie ein Band, wie ein Band, das sie überhaupt bei der Familie hält, nach dem Freitod ihres Vaters am Tag ihrer Einschulung und dem neuen fernen Leben ihrer Mutter, ausgewandert nach Israel an Amiras 18. Geburtstag.

Mitten in dieser familiären Konstellation blitzt eine Figur auf: Alice, queer-feministische Cousine der Protagonistin. Sie verkörpert jenen Mechanismus, den Kurt Lewin in den 1940er-Jahren in seiner psychologischen Theorie des jüdischen Selbsthasses beschreibt: Die Tendenz marginalisierter Gruppen, die Abwertung durch die Mehrheitsgesellschaft zu internalisieren. Mit Kuffiya um den Hals und antizionistischem Diskussionsstoff im Gepäck trägt sie eine nur schwer aushaltbare Spannung in die auf den ersten Seiten geschilderte Familienzusammenkunft.

Innen und Außen

Aus dem engen Kreis der Familie führt die Erzählung bald ins unkalkulierbare Außen, denn was Alice im Privaten verkörpert, findet im öffentlichen Leben seine strukturelle Entsprechung. Ein Außen als Kunstszene, in die Amira eintritt, nachdem sie nach dem Ableben ihres Großvaters die verschollen geglaubte Familien-Kunstsammlung erbt. Was ihr dann bevorsteht, ist antisemitische Cancel-Culture, einem uralten Muster folgend, nun aber im Gewand des postkolonialen Diskurses.

Funk zeigt, wie Kulturinstitutionen in diesem Klima zu Kampfzonen geworden sind: Eine Galerie im Roman ist nicht länger nur Ausstellungsraum, sondern ein Ort, der jüdische Gegenwart zur Provokation erklärt. Außerhalb des Romans wurde die Berlinale 2026 zum Schauplatz für Kunstschaffende, Drohungen auszusprechen und die Bühne mit dem immergleichen Narrativ vom Völkermord zu okkupieren. Und egal, wie sehr sich deutsche Journalisten oder Parteipolitiker anschließend darüber echauffieren: Dass dieser Habitus sich mit bürokratischen Förderlogiken und dem Konsensbedürfnis der Kunstszene verbündet, macht ihn besonders wirksam.

Der Antizionismus, der sich seit dem 7. Oktober 2023 auch im Kulturbetrieb offen etabliert hat, unterscheidet sich vom klassischen Antisemitismus oft nur durch seine Sprache. Wer Israel delegitimiert, muss keine Juden mehr nennen – und kann sich weiterhin ungestört und selbstgerecht im Spiegel als Humanist betrachten.

Ausladungen jüdischer Künstlerinnen, Förderentzug für israelische Kulturinstitutionen, elitäre Solidaritätsbekundungen, die treffsicher genau dort enden, wo es um jüdisches Leid geht – all das ist kein Randphänomen mehr, sondern Konsens in Teilen einer Szene, die sich selbst als progressiv begreift. Funk lässt ihre Figuren diesen Widerspruch mit schonungslos ehrlicher Sprache durchleben, ohne ihn aufzulösen – und trifft damit den im Kern maroden Zustand einer Gesellschaft, die viele Worte über Antisemitismus verliert und ihn im selben Satz kulturfähig macht.

Mirna Funks »Balagan«: Der Riss der Welt

Mirna Funks neuer Roman Balagan ist bei dtv erschienen.

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