Mena-Exklusiv

Zwanghafte Dämonisierung Israels

Von Stefan Frank und Alex Feuerherdt

Der Karikaturist Horst Haitzinger hat erneut eine Karikatur veröffentlicht, die sich einer antisemitischen Bildsprache bedient. Zudem enthält sie Anspielungen auf die Shoa, die gegen Israel gewendet werden.

Juden mit Gift in Verbindung zu bringen – sei es im wörtlichen Sinn (wie bei den „Brunnenvergiftern“) oder im übertragenen (Juden „vergiften“ die Gesellschaft, die Kultur, die internationalen Beziehungen usw.) –, ist das antisemitische Klischee schlechthin. In Martin Luthers Hetzschrift „Von den Juden und ihren Lügen“ – die nicht sehr umfangreich ist – tauchen die Wörter „Gift“ und „giftig“ nicht weniger als achtmal auf. Adolf Hitler bezeichnete die Juden in „Mein Kampf“ als das „Völkergift“. Und Ernst Hiemers Buch „Der Giftpilz“ aus dem Jahr 1938, das von Julius Streicher verlegt wurde und eine Auflage von 60.000 Exemplaren erreichte, war eines der berüchtigtsten antisemitischen Kinderbücher der Nationalsozialisten.

Auch der populäre Karikaturist Horst Haitzinger verwendet die Bildsprache des klassischen Antisemitismus. Kürzlich hat er einen Cartoon gezeichnet, der unter anderem in der Nordwest-Zeitung und der Badischen Zeitung erschienen ist. Er zeigt den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, der gemeinsam mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump Unkrautvernichtungsmittel aus einem Tanklastwagen auf ein Pflänzchen spritzt, das die Zweistaatenlösung symbolisieren soll. Netanjahu werden dabei die Worte: „Ist ja brutal, wie das Zeug hier wuchert!“ in den Mund gelegt. Gemeinsam mit Trump, so sieht es Haitzinger, zerstört er also mit einer großen Menge Gift die gerade erst im Blühen begriffene Hoffnung der Palästinenser auf einen eigenen Staat und damit die Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten.

Diese Karikatur hätte ohne jede Veränderung im Stürmer erscheinen können, wie etwa die nebenstehende Zeichnung zeigt. Diese stammt nämlich aus dem Stürmer. Das bedeutet nicht, dass Haitzinger plagiiert und sich die Stürmer-Karikatur als Vorbild genommen hätte; er würde wahrscheinlich sagen, er kenne sie gar nicht. Das mag sein oder ist sogar wahrscheinlich, macht es aber keinen Deut besser. Denn was sagt es über einen heutigen Zeichner aus, wenn er auf just die gleichen Ideen kommt wie seinerzeit die Stürmer-Karikaturisten? Einiges. Er spricht, wenn es um Juden geht, dieselbe Sprache wie sie und teilt mit ihnen mutmaßlich eine Reihe von Anschauungen.


Kultureller Code im kollektiven Gedächtnis

Juden und Gift, das passt auch für Haitzinger gut zusammen. Schon 2013 hatte er einen Cartoon gezeichnet, der zeigt, wie Netanjahu telefonisch Ungeziefervernichtungsmittel bestellt, um damit den Frieden – symbolisiert durch ein Zwitterwesen aus Taube und Schnecke – zu vergiften, bevor er im Zuge der Atomverhandlungen zwischen den fünf Vetomächten plus Deutschland und dem Iran zum Tragen kommen kann.

Zunächst einmal ist die Zeichnung sachlich falsch, denn Netanjahu wollte keineswegs ein Abkommen torpedieren. Er hatte lediglich dazu aufgerufen, die Sanktionen nicht zu lockern, ohne dass der Iran wesentliche Zugeständnisse in der Frage der Urananreicherung und Plutoniumherstellung macht. Das ist für Israel bekanntlich eine existenzielle Frage, nachdem die Verantwortlichen des iranischen Regimes ungezählte Male deutlich gemacht hatten, dass sie den jüdischen Staat am liebsten von der Landkarte getilgt sähen.

Aber die Karikatur ist nicht nur falsch, sondern auch antisemitisch, denn sie stellt einen Sachverhalt nicht bloß verkehrt dar, sondern verzerrt ihn auch noch bösartig. Sie macht den israelischen Premierminister für etwas verantwortlich, das gar nicht in seiner Macht lag, schließlich saß die israelische Regierung in Genf nicht mit am Verhandlungstisch. Sie unterstellt ihm, nicht nur diese Verhandlungen sabotieren, sondern gleich den Frieden als solchen vergiften zu wollen – wobei auch noch unklar bleibt, über welche dunklen Kanäle Netanjahu die vernichtenden Substanzen bezieht.

Hier taucht es erneut auf, das alte antisemitische Klischee vom Juden als im Verborgenen wirkenden Giftmischer und Saboteur, der an allem schuld ist und die Völker gegeneinander in den Krieg hetzt. Es ist ein Klischee, das sich als kultureller Code im kollektiven Gedächtnis festgesetzt hat und dort deshalb immer wieder abgerufen werden kann. Dass der Cartoon auch noch an einem 9. November erschien, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, setzte dem Ganzen die Krone auf.

Deidre Berger, die Direktorin des American Jewish Committee Berlin, sagte seinerzeit, Haitzinger mangele es an „Bewusstsein dafür, wie gefährlich antisemitische Stereotypen sind. Die Sensibilität für antisemitische Bildsprache muss Teil der journalistischen Aus- und Fortbildung werden.“ Von mangelndem Bewusstsein kann heute gewiss nicht mehr die Rede sein. Haitzinger wurde damals auf den antisemitischen Gehalt seiner Zeichnung hingewiesen; wenn er heute eine weitere Karikatur im Stürmer-Stil veröffentlicht, dann nicht deshalb, weil er es nicht besser wüsste, sondern weil er es so wollte.


Anspielungen auf die Shoa

Friedenstauben fanden übrigens auch in Stürmer-Karikaturen immer wieder Verwendung, beispielsweise in der nebenstehenden. Dies ist jedoch kein Kennzeichen einer friedliebenden Gesinnung, sondern vielmehr des Hasses: Es ist ein Stilmittel von Leuten, die Juden als Störenfriede und Kriegstreiber darstellen wollen – klassische antisemitische Zuschreibungen. (Die Bilder der Judenfeindschaft sind immer die gleichen: Auch der Karikaturist „Luff“ hatte Netanjahu 2013 in der Stuttgarter Zeitung als Friedenstaubenvergifter dargestellt).

Betrachtet man heute, nach Auschwitz, Haitzingers Karikatur, dann kann man, wenn man auch nur ein bisschen über den Ablauf der Vernichtung der Juden Bescheid weiß, kaum umhin, in Haitzingers Bild Anspielungen auf die Shoa zu entdecken. Das Unkrautvernichtungsmittel kommt aus einem Lkw-Tank, auf dem ein Totenkopf abgebildet ist. Wer ein wenig Sensibilität beim Erkennen von Bildsprache hat, der muss an Zyklon B denken – es kam aus Kanistern mit Totenkopf – und an die Lastwagen, die zuerst bei der Vergasung von Juden eingesetzt wurden, bevor die Gaskammern gebaut wurden.

Nun mag mancher einwenden: Was soll denn, bitteschön, an einem Lkw schlimm sein? Unkrautvernichtungsmittel, na und? Ist ein Totenkopf nicht nur ein Totenkopf? Solche Kommentare kommen sowohl von guten, wohlmeinenden, ansonsten vernünftigen Leuten als auch von solchen, die einige Übung darin haben, bei der Beurteilung antisemitischer Äußerungen stets nach solchen Deutungen zu suchen, die den Urheber entlasten: Kein Antisemitismus, nirgends, nur lauter Missverstandene.


Zwanghafte Dämonisierung

Es ist ja auch im Allgemeinen richtig, seine Mitmenschen nicht mit einem zu strengen Maß zu messen. Doch wenn wir es mit einer Zeichnung im Stürmer-Stil zu tun haben, die aus der Feder von jemandem kommt, der dafür bereits berüchtigt ist, muss man schon etwas genauer hinschauen. Im Wissen, wer Haitzinger ist, und angesichts der Gesamtheit der Darstellung spricht einiges für die Annahme, dass die Holocaustsymbolik von Haitzinger mindestens billigend in Kauf genommen wird, nach der allzu gut bekannten Devise: Die Juden haben aus Auschwitz nichts gelernt und benehmen sich wie die Nazis. Diese Anschuldigung muss von Antisemiten zwanghaft wieder und wieder erhoben werden, eben weil sie so absurd ist: Sie wollen und müssen Juden immer das schlimmstmögliche Verbrechen zum Vorwurf machen, nicht irgendeines. Einst war dies der Gottesmord, heute ist es der Völkermord.

Selbst wenn Haitzinger diese Symbolik nicht bewusst sein sollte, teilt er doch die zugrunde liegende Denkungsart, der zufolge die Juden das absolut Böse sind: Dass es keine „Zweistaatenlösung“ gibt, liegt einzig und allein an ihnen; sie betreiben Sabotage, und wenn sie etwas (in den Augen Haitzingers) moralisch Schlechtes tun, dann nicht etwa aus einer Not oder sonstigen Umständen heraus, für die man Entschuldigungen finden könnte. Nein, sie wählen absichtlich das Böse – weil sie von Natur aus böse sind, das ist ihre Art. Für diese Einstellung gibt es einen Fachbegriff: Antisemitismus.

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