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„Wir benötigen neue Strategien im antiisraelischen Informationskrieg“

Leo Sucharewicz ist Kommunikationspsychologe und Experte für politische Psychologie, politische PR und Kommunikationsstrategie. Er gründete die „I Like Israel“-Bewegung, den jährlichen Israeltag und die ILI News. 2015 entwickelte er im Auftrag der Jüdischen Gemeinde München ein umfassendes Generalkonzept zur professionellen Bekämpfung der antisemitischen und antiisraelischen Tendenzen in Deutschland. Als Mitbegründer ist Sucharewicz im Vorstand der NGO DEIN – Demokratie und Information e.V. Dort entwickelte er an führender Stelle und als Kurator  die Ausstellung „1948“, die Kernelemente der palästinensischen Propaganda wissenschaftlich entlarvt. Mit ihm sprach Yvette Schwerdt.

Leo Sucharewicz

Yvette Schwerdt (YS): Antisemitismus wird schlimmer, antiisraelische Tendenzen steigen. Nennen Sie uns die Hauptschuldigen. 

Leo Sucharewicz (LS): Radikale Muslime, extreme Neonazis, ewiggestrige Altnazis, radikale Linke – und die im besten Sinn des Wortes gutbürgerliche jüdische Gemeinschaft, vor allem vom deutschsprachigen Raum.

YS: Haben Sie das jetzt wirklich gesagt? Sie finden die jüdische Gemeinschaft zumindest mitschuldig an der Verbreitung des Antisemitismus, der sich heute auch oft als Antizionismus tarnt?

LS: Durchaus. Diese Mitschuld kann man sogar auf eine mathematische Formel bringen. Die jüdischen Institutionen reagieren auf die Bedrohung bisher unwissenschaftlich, unprofessionell und unzureichend.

YS: Diese drei Elemente müssen Sie bitte näher erklären. Fangen wir mit „unwissenschaftlich“ an.

LS: Antisemitismus ist weder mystisch noch schicksalhaft, sondern wissenschaftlich entlarvt. Er besteht zunächst aus toxischen, und verleumderischen Informationen, die produziert werden und sich dann memetisch weiterverbreiten. Manche seit Jahrhunderten.  Die Meme transformieren sich zu Emotionen bis hin zu Wut, Verachtung, Hass und Mordbereitschaft. In den jüdischen Institutionen fehlt zurzeit das integrierte Know-How, um wirkungsvoll dagegen anzukämpfen. 

YS: Konkret: welches Know-How verlangt der Kampf gegen Antisemiten aller Couleur? Was gehört dazu?

LS: Das Spektrum reicht von modernem Informationsmanagement, politischer Psychologie, öffentlicher Meinungsbildung, Persuasionstheorien, Informationsverarbeitung im Gehirn und Kommunikationsstrategie bis hin zur Memetik und zurück zum Klassiker Massenpsychologie, um nur die wichtigsten Komponenten zu nennen. 

YS: Das klingt theoretisch. Wie soll dieses Know-How praktisch in die Gemeinden und Institutionen kommen, die in der Regel von ehrenamtlichen Vorständen geleitet werden? 

LS: Genau das ist unser Problem und berührt das zweite Defizit: die Unprofessionalität. Was wir heute erleben, ist ein regelrechter antisemitischer, häufig antiisraelischer Informationskrieg. Er wird mit wachsender Intensität geführt. Die Gemeinden und andere Institutionen reagieren bisher weitgehend hilflos oder mit Protesten, die politisch-faktisch keine Wirkung mehr zeigen. Ich sage das ohne Vorwurf. Ein Anwalt, Arzt oder Unternehmer, der seine Freizeit für die Arbeit im Gemeindevorstand oder in einem jüdischen Gremium opfert, kann beim besten Willen nicht über die Professionalität verfügen, die der politische Kampf heute mit seiner Medienvielfalt verlangt.

YS: Sind wir also diesem unseligen Trend ausgeliefert?

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LS: Natürlich nicht. Das Know-How ist ja vorhanden, beispielsweise im Team des DEIN Vereins. Dort arbeiten Historiker, Politologen, Medienexperten, Psychologen und Kommunikationsexperten. Dieses Know-How muss systematisch in die Gemeinden gebracht werden. Die IKG München hat hier bereits Vorarbeit geleistet, als sie ein Generalkonzept entwickeln ließ. Darin steht im Detail, was wie getan werden muss, um die wachsende Gefahr abzuwenden.

YS: Trotzdem sprechen sie von einer „unzureichenden“ Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus.

LS: Die jüdischen Gemeinden in Deutschland und anderen europäischen Ländern bieten ihren Mitgliedern ein vorbildliches kulturelles Programm und soziale Leistungen. Der virulente Antisemitismus verlangt aber eine neue Priorität für politisches Engagement. Das betrifft die Verteilung der Budgets und die Inhalte. Wir werden angegriffen. Die Angriffe hören nicht von alleine auf. Der Holocaust-Schutzschirm ist nach 75 Jahren löcherig und besteht nur noch aus Gestänge. Der Begriff „Informationskrieg“ beschreibt unsere Situation zu Recht. In diesem Krieg brauchen wir eine neue Performance.

Wir haben vergessen, dass der Holocaust nicht mit dem Holocaust begonnen hat, sondern mit einer jahrelangen antisemitischen Propaganda. Wir übersehen, dass es auch in der Information Naturgesetze gibt. Wer einer Verleumdung nicht widerspricht, stimmt zu. Es wird Zeit, dass wir unser Image nicht unseren Feinden überlassen, sondern selbst bestimmen. Es wird Zeit, dass wir antisemitischen Elementen energisch widersprechen und sie rechtlich, politisch und informationspolitisch bekämpfen. Welchen Platz wir in der Gesellschaft einnehmen, sollten wir selbst entscheiden. Mit einem geduldeten kulturellen Reservat am Rande dürfen wir uns nicht abfinden.

MW: Was müsste also geschehen? Haben Sie dazu auch eine Formel?

LS: In der Tat: Diese Formel ist aber etwas länger und lautet: Ausbildung, Politik als neue Bedeutung in der Gemeindearbeit, multipliziert mit Engagement, dynamisiert mit einem Mentalitätswechsel, High-Performance im Informationskrieg, Koordination und Kooperation und ausreichende Budgets.

YS: Klingt bestenfalls mittelfristig machbar. Was bringen aber die nächsten Jahre?

LS: Einen Wettlauf. Der antisemitische und antiisraelische Megatrend wird stärker; wir werden stärker. Immer mehr Gemeinden und Gemeindemitglieder sehen, dass Verdrängen gefährlich ist, dass Appelle an die Politik nicht ausreichen und dass Klagen sinnlos sind. Immer mehr proisraelische NGOs erkennen, dass isoliertes Engagement wenig, aber koordinierte Aktionen viel bewirken. Wir erleben einen beachtlichen Zulauf an Gemeindemitgliedern, die sich engagieren wollen. 

YS: Wer wird Ihrer Meinung nach den Wettlauf gewinnen?

LS: Das Hauptproblem besteht in unserer kulturellen Matrix. Wir erziehen unsere Kinder liebevoll und bildungsorientiert, aber bringen ihnen nicht bei, dass und wie sie sich individuell und kollektiv verteidigen müssen. Wir haben keine inhärente, ausgeprägte Kultur des Kämpfens. Wenn wir dieses Grundproblem überwinden, stehen unsere Chancen in demokratischen Ländern gut.

YS: Zu wenig Kampfgeist muss man in der israelischen Gesellschaft nicht befürchten. Wie aber sehen Sie die Rolle Israels? Wie kann, wie soll Israel dem weltweit wachsenden Antisemitismus  entgegentreten?

LS: Wir sollten von Israel nicht zu viel erwarten. Das Land hat genug mit seinen Nachbarn, BDS und der UNO zu tun. Aber unsere Arbeit hier wäre erfolgreicher, wenn wir zumindest in Israel Ansprechpartner für Informationen und Materialien hätten. In Israel ist beides im Überfluss vorhanden. Wir recherchieren mit unnötigem Aufwand und hohen Streuverlusten.

YS: Gibt es Ansätze, die Resultate zeitigen?

 LS: Das ist die gute Nachricht: Es gibt sie. In der Münchner Gemeinde, etwa, wurde erkannt, welcher Change Process verlangt wird. So konnten wir unter anderem die Ausstellung 1948 entwickeln. Innerhalb eines Jahres kamen ca. 100.000 Besucher an über 60 Standorten in ganz Deutschland. Bis Ende 2020 erwarten wir 300.000 Besucher. Die Wirkung auf die Besucher wird von uns systematisch evaluiert. Über 90% geben positives Feedback und dürften weitgehend immun bleiben gegen antisemitische und antiisraelische Propaganda. Mehr noch: Nach jeder Ausstellung melden sich Besucher, die sich engagieren wollen.

Noch ein Aspekt ist bedeutend: Dutzende Gemeindemitglieder beteiligten sich an der Vorbereitung, andere unterstützten das Projekt finanziell. Wir haben in München gezeigt, dass Erfolg mit einer kollektiven Anstrengung möglich ist. Und in der Pipeline warten  noch mehr Projekte.

YS: Waren die meisten Besucher nicht ohnehin israelfreundlich?

LS: Durchaus nicht. Es kamen kritische Schulklassen und Studentengruppen, bei denen wir einen eindeutigen Vorher-Nachher Effekt feststellen konnten. Aber egal um welche Anfangshaltung es sich handelt: Die Ausstellung vermittelt Wissen und Fakten, mit denen die palästinensische Propaganda widerlegt wird. Den Wenigsten war beispielsweise vor dem Ausstellungsbesuch bekannt, wie massiv die Nazis seinerzeit den arabischen Terror gegen jüdische Farmer und Städte unterstützten.

YS: Herr Sucharewicz, wir bedanken uns für das Gespräch.

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