Mena-Exklusiv

Wie die UNESCO die Geschichte ausradiert

Von Yair Lapid

Bob Dylan, der gerade den Literaturnobelpreis 2016 erhalten hat, schrieb einst einen wundervollen Song mit dem Titel „Forever Young“. Er beginnt mit den Worten: „Möge Gott dich stets segnen und behüten, mögen all deine Wünsche in Erfüllung gehen.“ Laut eigenen Angaben entnahm Dylan diese wundervollen Zeilen einem uralten jüdischen Gebet, das erstmals im 4. Buch Mose, Kapitel 6, Vers 24 erwähnt wird. Dieses Gebet ist der erste überhaupt je entdeckte Text aus der Heiligen Schrift. Man fand ihn eingeritzt in Silbertafeln aus der Zeit des Ersten Tempels. Fundort war eine Höhle in Jerusalem und der Text war in althebräischer Schrift verfasst. Wissenschaftler datierten die Schriften auf etwa 600 v. d. Z.

Bereits damals war Jerusalem eine pulsierende jüdische Metropole, in der das Leben, Handel und Geschäfte, Gebete und selbst Streitigkeiten in hebräischer Sprache stattfanden. Hebräisch war auch 600 Jahre später die Sprache Jesu, als er auf dem Rücken eines Esels in Jerusalem einzog. Vielleicht ist auch das der Grund, warum der jüngste Beschluss der UNESCO derart beleidigend und unerhört ist: Er leugnet die Verbindung zwischen Jerusalem und den Juden (und dem Judentum). Seitens der UNESCO gab es keinerlei Bemühungen, diesen Entschluss zu erklären, stattdessen entschied sie eigenmächtig, dass der Tempelberg und der angrenzende Platz an der Westmauer den Palästinensern gehörten. Dabei verwenden sie ausschließlich die arabischen Namen der beiden Orte (ungeachtet der Tatsache, dass die Al-Aqsa-Moschee ungefähr 1.300 Jahre später auf den Ruinen des jüdischen Tempels errichtet wurde).

Die UNESCO hat sich entschieden, die Geschichte, so wie sie wirklich war, einfach auszulöschen – und zwar aus politischen Gründen. Im gleichen Atemzug hat sie ihre eigene Integrität, ihre Ziele und jedes möglicherweise noch vorhandene Vertrauen und allen Respekt gegenüber der Organisation zunichte gemacht. Noch beschämender ist, dass demokratische Nationen mit einem Sinn für Geschichte – Länder wie Italien, Frankreich und Spanien – sich bei diesem Beschluss ihrer Stimme enthalten haben. Sind Europas Christen wirklich bereit, schweigend zuzusehen, wie 3.000 Jahre jüdischer Geschichte und 2.000 Jahre christlicher Geschichte einfach ausgelöscht werden? Ich bin mir bewusst, dass sich das anhört, als ob ich es absichtlich ins absurde Extrem treibe. Aber warum ist es absurd, wenn es um Europa geht; nicht jedoch, wenn jemand versucht, nicht nur Israels Gegenwart, sondern sogar seine Vergangenheit zu leugnen?

Diese Resolution ist so extrem und die Motive dahinter so abstoßend, dass sie sogar innerhalb der UNESCO Unbehagen verursachten. Der Vorsitzende des Exekutivrats der UNESCO entschuldigte sich dafür und sagte hinsichtlich der jüdischen Verbindung zu Jerusalem, dass er „sich derer durchaus bewusst“ sei „und sie persönlich nie leugnen“ würde. Die Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokova, distanzierte sich von dem Beschluss und erklärte „Jerusalem ist die Stadt König Davids“. Ich ziehe vor beiden meinen Hut für ihre Ehrlichkeit. Dennoch unterstreicht das nur den Wahnsinn: Zwei führende Mitglieder der UNESCO müssen öffentlich die Wahrheit dessen bekennen, was in der Bibel und den Geschichtsbüchern geschrieben steht, weil die Organisation, der sie vorstehen, das Gegenteil behauptet.

un-hrc-cartoonÜberrascht hat mich das allerdings nicht. Denn die krankhafte Fixierung einiger UN-Organisationen auf Israel ist kein Geheimnis. Im zurückliegenden Jahrzehnt hat der UN-Menschenrechtsrat 61 Resolutionen verabschiedet, in denen weltweit Menschenrechtsverletzungen angeprangert wurden: von den 400.000 Ermordeten in Syrien über Afghanistan bis hin zum Irak und in anderen Krisengebieten in der ganzen Welt. Im gleichen Zeitraum erließ die Organisation 67 Resolutionen gegen Israel. Das ist kein Druckfehler. Der UN-Menschenrechtsrat hat Israel, ein demokratisches Land, das internationales Recht wahrt und die Rechte von Minderheiten schützt, verurteilt – und zwar häufiger als den gesamten Rest der Welt.

Auch andere UN-Organisationen haben bei diesem Wahnsinn mitgemacht. So verabschiedete beispielsweise die UN-Generalversammlung im Jahr 2014 insgesamt 24 Missbilligungserklärungen, von denen sich allein 20 gegen Israel richteten, während nur eine einzige Syrien zum Inhalt hatte. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) prangerte in ihrem jüngsten Bericht nur ein einziges Land an – Israel. Die Kritik konzentrierte sich auf das, was die Weltgesundheitsorganisation als die „israelische Besatzung der Golanhöhen“ bezeichnete. Sie erwähnte allerdings nicht die Tatsache, dass auf der anderen Seite der Golanhöhen, in Syrien, zehntausende Kinder ermordet werden, und dass die einzige Involvierung Israels in Gesundheitsprobleme darin besteht, dass wir verletzte Kinder aus Syrien zur Behandlung in unsere Krankenhäuser bringen.

Ich könnte noch weitere Beispiele anführen, aber ich denke, der Punkt ist klar. Die Tatsachen sind den verschiedenen UN-Organisationen offensichtlich egal. Sagt man ihnen aber nun, dass die einzig logische Erklärung dafür Antisemitismus ist, dann zeigen sie sich schockiert und sagen, es sei empörend, dass die Israelis dieses Argument immer wieder vorbringen. Wirklich?

Haben Sie eine andere Erklärung für diese obsessive Fokussierung auf eine Nation, eine Gruppe, einen Konflikt? Haben Sie eine andere Erklärung dafür, dass das einzige Land im Nahen Osten, das Religionsfreiheit für alle garantiert (oder fällt Ihnen noch ein anderes ein?) dasjenige ist, das Tag für Tag angegriffen wird? Haben Sie eine andere Erklärung dafür, dass die UNESCO die Tatsache schlichtweg ignoriert, dass Israel – also der jüdische Staat – den Juden untersagt, auf dem Tempelberg zu beten, nur um das Feingefühl der Moslems nicht zu verletzen? Haben Sie eine andere Erklärung dafür, dass in der Resolution verurteilt wird, dass die Juden, die den Tempelberg besuchen, „politisch rechts“ stehen, was eine eklatante Einmischung in die interne israelische Politik darstellt? Was geht es die UNESCO an, von welcher Seite der politischen Landkarte diese Menschen stammen? Wer hat diesen Satz in den Beschluss eingefügt?

JerusalemAbgesehen jedoch von der Tatsache, dass die Resolution skandalös ist – sie ist auch gefährlich. Die Tempelberg ist der sensibelste Ort im Nahen Osten, vielleicht sogar in der ganzen Welt. Die Terrorwelle gegen Israel im vergangenen Jahr brach aufgrund von Verschwörungstheorien aus, die von islamistischen Fundamentalisten verbreitet wurden und denen zufolge Israel angeblich den Status Quo auf dem Tempelberg verändern wollte. Israel stellte fest und erklärte, dass wir keinerlei Absicht haben, den Status Quo zu verändern oder in die Rechte von Muslimen einzugreifen. In Israel bin ich Mitglied der Regierungsopposition, aber eines kann ich bezeugen und das ist, dass unsere Regierung die Wahrheit sagt und auch dazu steht, trotz aller Schwierigkeiten.

Wenn junge Palästinenser, die ohnehin schon durch die Aufhetzung gegen Israel angeheizt sind, einen Entschluss wie diesen von der UNESCO lesen, gelangen sie zu der Überzeugung, dass die Verschwörungstheorien wahr sind. Der nächste Schritt ist, dass sie sich ein Messer, eine Pistole oder einen Molotowcocktail nehmen und einen Terroranschlag verüben. Es werden also Menschen sterben. Unschuldige Menschen, die nichts Unrechtes getan haben, werden sterben. Das ist es nämlich, was für gewöhnlich passiert, wenn verantwortungslose Organisationen in komplexe Situationen involviert sind, die sie nicht verstehen. Wenn der Exekutivrat der UNESCO dafür stimmt, diese Resolution zu ratifizieren, sollten die Länder, die sich zuvor der Stimme enthalten haben, ihre ehrliche Stimme abgeben und Stellung beziehen. Sie können sich für die Geschichte, Tatsachen und die Wahrheit einsetzen oder sie können zugeben, dass sie ein Problem mit den Juden haben – was nur eine weitere Erinnerung daran ist, warum unser Volk ein starkes und freies Land braucht.

Auf Englisch zuerst erschienen bei The Times of Israel. Knesset-Mitglied Yair Lapid ist Vorsitzender der Oppositionspartei Jesch Atid, ehemaliger Finanzminister und Mitglied des Sicherheitskabinetts; aktuell hat er einen Sitz im Knesset-Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und Verteidigung.

 

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