Mena-Exklusiv

Wenn Tariq Ramadan seine Haltung zu Genitalverstümmelung ändert

Von Thomas von der Osten-Sacken

Tariq Ramadan

Genitalverstümmelung (FGM) habe nichts mit Religion zu tun, alle Religionen lehnten diese Praxis ab. Das war jahrelang das Mantra, das zu hören bekam, wer darauf verwies, dass nicht wenige muslimische Kleriker diese Praxis verteidigten oder gar dazu aufriefen, Mädchen zu beschneiden. Und erst jüngst erklärte der Imam in der US-amerikanischen Moschee in Virginia:

„FGM kann ein effektives Mittel sein, um die Promiskuität von Mädchen zu verhindern. … Ohne FGM ‚kann sich Hypersexualität in der gesamten Gesellschaft ausbreiten, und eine Frau ist dann nicht mehr mit einer oder zwei oder drei Personen zufrieden’, erklärte der Imam am Dar al-Hijrah Islamic Center Shaker Elsayed am 19. Mai im Rahmen eines Vortrags mit dem Titel ‚Grundlagen der glücklichen Familie’. Nur die Spitze der Klitoris solle entfernt werden, sagte er, sonst werde ‚das Geschlechtsleben des Kindes im Erwachsenenalter ernsthaft beeinträchtigt. Darum wird Alkhikah im Westen als sexuelle Verstümmelung eingestuft…’“

Seit in den USA zwei Ärzte unter Anklage stehen, weil sie an mehreren Mädchen diese Operation durchgeführt hatten und sich ihre Verteidigung auf ein „religiöses Recht“ berufen will, nimmt auch in den USA die Diskussion um Islam und FGM Fahrt auf. Ausgerechnet Tariq Ramadan, der sich selbst als „Reformsalafist“ bezeichnet und als Vordenker der Muslimbrüder gilt, hat sich nun zu Wort gemeldet:

„Obwohl ich gegen diese Praktiken bin, weil ich nicht glaube, dass sie auf einer korrekten Auslegung des Islam beruhen, ist unbestreitbar, dass sie von manchen muslimischen Gelehrten (selbst manchen heutigen) gutgeheißen wurde. Wir sollten uns also um Klarheit bemühen und die Frage auf eine klare, weise und gelehrige Weise klären. Außerdem ging es mir um die Art, in der wir reagieren, wenn bösartige islamophobe Organisationen wie MEMRI Menschen und Amtsträger in der muslimischen Community angreifen. Dann müssen wir weise sein und selbst entscheiden, wie wir uns mit diesen Fragen auseinandersetzen wollen und wo unsere Prioritäten liegen. Statt Leute zu entlarven, sollten wir eine offene Diskussion untereinander führen, selbst wenn sie erhitzt, schwierig und kompromisslos sein muss.“

Mit diesen Äußerungen widerlegt Ramadan dankenswerterweise die Behauptung, FGM habe mit Religion nichts zu tun. Nur solle die Debatte, wie sich muslimische Kleriker und Theologen zu FGM positionieren, eben nicht etwa öffentlich geführt werden, sondern in Form einer „internen Debatte“. Die allerdings hätte man längst führen können, niemand hat Tariq Ramadan und seine Kollegen je daran gehindert. Dass sie es nun tun, liegt einzig und allein an genau jener öffentlichen Debatte, auf die zu reagieren sie sich nun gezwungen sehen.

Tariq Ramadan allerdings erklärte selbst noch vor einigen Jahren, dass FGM nicht nur nichts mit dem Islam zu tun habe, sondern der „islamischen Lehre“ sogar diametral entgegenstehe. Ob er ohne die „islamophoben Agenturen“ wohl auch zu einem solchen Sinneswandel gekommen wäre?

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