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Warum islamische Länder kein Fleisch mehr in Brasilien kaufen wollen

Von Stefan Frank

Diplomaten und Geschäftsleute aus muslimischen Ländern haben angeblich Handelssanktionen gegen Brasilien angedroht, sollte Jair Bolsonaro, der Kandidat der rechtsgerichteten Sozial-Liberalen Partei (PSL), Brasiliens neuer Präsident werden und seine Ankündigung wahrmachen, die brasilianische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen. Das berichtet die zweitgrößte brasilianische Tageszeitung Folha de Sao Paulo.

Bolsonaro, der am 6. September bei einem Messerattentat während eines Wahlkampfauftritts lebensgefährlich verletzt wurde, war am 7. Oktober mit 46 Prozent der Stimmen überraschend deutlich als Sieger aus der ersten Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahlen hervorgegangen. Nun tritt er am 28. Oktober in der Stichwahl gegen Fernando Haddad von der linksgerichteten Arbeiterpartei (PT) an, der 29 Prozent der Stimmen erhalten hatte.

Konkret richten sich die Drohungen aus der islamischen Welt dem Bericht zufolge gegen brasilianische Fleischexporte. Mit einem Volumen von rund 14 Milliarden US-Dollar pro Jahr ist Brasilien der größte Fleischexporteur der Welt. Der Handel mit muslimischen Ländern ist für Brasiliens Fleischwirtschaft von großer Bedeutung; das Land ist nämlich auch der weltgrößte Produzent von nach islamischen Richtlinien – halal – hergestelltem Geflügel und der zweitgrößte Halal-Rindfleischproduzent. Laut Salaam Gateway, einer Website, die auf islamisches Wirtschaften spezialisiert ist, kaufen Länder, die der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC) angehören, jährlich rund 20 Prozent des exportierten brasilianischen Rindfleischs und knapp 40 Prozent des Geflügels auf. Zu den größten Importeuren zählen die Golfstaaten und Ägypten. Die Boykottdrohung könnte Brasiliens Farmern womöglich Kopfzerbrechen bereiten, denn der Sektor hatte erst letztes Jahr mit einem Skandal um die Bestechung von Lebensmittelkontrolleuren zu tun, der zu Exporteinbrüchen führte. „Käme es wirklich zu einem Boykott, wäre das eine Katastrophe für die Fleischwirtschaft, da die brasilianischen Fleischhandelskonzerne sich gerade erst von den jüngsten Turbulenzen erholen“, schreibt Folha de Sao Paulo.

 

„Mein Herz ist grün, gelb, blau und weiß“

Brasilianischer Präsidentenpalast

Bolsonaro betont immer wieder, ein Freund Israels zu sein: „Mein Herz ist grün, gelb, blau und weiß“, sagte er im April 2017 bei einer Rede im Club Hebraica in Rio de Janeiro in Anspielung auf die Landesflaggen Brasiliens und Israels. Brasiliens langjähriger sozialistischer Präsident Lula da Silva hingegen hatte in seiner Amtszeit den Schulterschluss mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad gesucht, die Hamas im Gazastreifen unterstützt und 2010 einen Staat „Palästina“ in den „Grenzen von 1967“ anerkannt. Für den Bau einer pompösen Botschaft im Stil des Jerusalemer Felsendoms hatte er der Palästinensischen Autonomiebehörde ein riesiges Areal in der Nähe des Regierungsviertels geschenkt, was laut einem Bericht der Jerusalem Post in brasilianischen Sicherheitskreisen Besorgnis auslöste, da die Botschaft für Terroranschläge genutzt werden könnte. Bolsonaro will sie im Falle eines Wahlsiegs schließen: „Ist Palästina ein Land? Palästina ist kein Land, also sollte es hier keine Botschaft geben“, sagte er Anfang August und fügte hinzu: „Man verhandelt nicht mit Terroristen.“

Zudem hat er mehrfach angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs die brasilianische Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen zu wollen. Vor 1981 unterhielten zwölf lateinamerikanische Staaten dort Botschaften. Sie wurden im Zuge eines Beschlusses des UN-Sicherheitsrats abgezogen, der alle Staaten zu einem solchen Schritt aufrief, um dagegen zu protestieren, dass Israel im Jerusalem-Gesetz erklärt hatte, die Einheit der Stadt dürfe nicht verletzt werden. Derzeit haben nur zwei Staaten Botschaften in Jerusalem: die USA und Guatemala.

 

Protestantische Christen für Israel

Guatemalas Präsident Jimmy Morales reiste am 15. Mai  nach Jerusalem, um die Botschaft seines Landes einzuweihen. Dass Guatemala Israel unterstütze, habe viel damit zu tun, dass mehr als die Hälfte der 16,5 Millionen Einwohner Evangelikale seien, unter ihnen Morales und die Außenministerin Sandra Jovel, sagte Mattanya Cohen, Israels Botschafter für Guatemala und Honduras der Jerusalem Post. Auch in Brasilien sind es vor allem die protestantischen Christen – sie machen derzeit 22 Prozent der Bevölkerung aus –, die Israel unterstützen. Bei dem seit 1993 jährlich stattfindenden „Marsch für Jesus“ – einer der größten religiösen Veranstaltungen des Landes – bezeugten im Juni in Sao Paolo geschätzte zwei Millionen Teilnehmer eines Festumzugs dem jüdischen Staat ihre Unterstützung. Wie die israelische Nachrichtenseite Times of Israel berichtete, waren zum ersten Mal in fast 20 Jahren jüdische Vertreter zu der Veranstaltung eingeladen, unter ihnen der israelische Konsul Dori Goren und die Präsidentin des örtlichen Zweigs der jüdischen Organisation B’nai B’rith, Zelia Sliozbergas. Der Konsul erhielt Applaus, als er sagte, er rechne damit, dass die brasilianische Botschaft bald nach Jerusalem umziehen werde.

Unterdessen stellt sich die Frage, wie ernst die Drohung muslimischer Staaten ist, brasilianische Fleischexporte zu boykottieren, sollte Brasilien seine Botschaft nach Jerusalem verlegen. Hoffnung schöpfen können die brasilianischen Hühner- und Rinderzüchter aus der Statistik der US Meat Export Federation. In den ersten acht Monaten nach der Erklärung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen, stiegen die amerikanischen Fleischexporte in die Region „Naher Osten“ gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 21 Prozent.

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