Mena-Exklusiv

Warum die Hamas wütend auf den Sudan ist

Von Stefan Frank

Mubarak al Fadil

Die Hamas tobt, nachdem sich Sudans Investitionsminister Mubarak al Fadil al Mahdi für eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel ausgesprochen hat. In einem Interview mit dem sudanesischen Sender Sudania 24 TV sagte Fadil am 20. August, er sehe nichts, was einer Normalisierung im Wege stehe, und betonte, dass dies im Interesse des Sudan sein könne: „Es gibt kein Problem bei der Normalisierung der Beziehungen zu Israel. Die Palästinenser haben ihre Beziehungen zu Israel normalisiert, selbst die Hamas spricht mit Israel. Die Palästinenser erhalten Steuergelder und Elektrizität von Israel. Die Palästinenser setzen sich mit Israel zusammen und reden mit Israel. Sie haben Streitigkeiten, doch sie setzen sich zusammen.“ Im Übrigen trügen die Palästinenser einen Großteil der Verantwortung für ihr Schicksal, sagte Fadil dem Interviewer. „Sie haben ihr Land [an Israelis] verkauft.“

Auch die arabischen Staaten hätten viele Fehler gemacht, führte er aus – etwa 1947 mit ihrer Ablehnung des Teilungsplans der Vereinten Nationen. „Die arabischen Länder haben die palästinensische Sache für ihre eigenen inneren Zwecke benutzt. Die palästinensische Angelegenheit hat die arabische Welt in Schach gehalten, und die arabischen Regimes schlagen einen Vorteil daraus, indem sie ihre eigenen Völker im Namen des Kampfes für Palästina unterdrücken“, so der Minister. Voll des Lobes zeigte er sich angesichts der israelischen Technologie und auch der Demokratie: „Man kann mit den Israelis übereinstimmen oder nicht, doch immerhin haben sie ein demokratisches Regime. Sie klagen Spitzenpolitiker an und schicken sie ins Gefängnis, und bei ihnen herrscht Transparenz.“ „Viele arabische Staaten“ unterhielten „die eine oder andere Form von Beziehungen zu Israel“, fügte er hinzu. Die Palästinenser hätten ja auch nichts davon, wenn arabische Länder keine Beziehungen zu Israel unterhielten.

 

Khartums diplomatische Wende

Derzeit hat der Sudan keine diplomatischen Kontakte zu Israel. Noch vor wenigen Jahren galt das Land, das seit einem Militärputsch im Jahr 1989 von Präsident Omer al-Bashir regiert wird – gegen den der Internationalen Strafgerichtshof (ICC) 2009 Anklage wegen des Völkermords in Darfur erhoben hat –, als einer der engsten Verbündeten des Iran, der das Land zum Schmuggel von Waffen an die Hamas nutzte. Neben der Hamas unterstützte der Sudan auch die libanesische Terrororganisation Hisbollah. 2009, 2012 und 2014 soll die israelische Luftwaffe Medienberichten zufolge Waffenlager im Sudan bombardiert haben, um zu verhindern, dass die Waffen in den Gazastreifen gelangen. Im September 2014 änderte Bashir den außenpolitischen Kurs seines Landes grundlegend. Er schloss iranische Kulturzentren und wies iranische Diplomaten aus; die Anwesenheit von Schiiten im Sudan könne man nicht erlauben, sagte er. Beobachter werteten den Schritt, der für das Regime in Teheran völlig überraschend kam, als Zeichen einer stärkeren Anbindung an Irans Erzfeind Saudi-Arabien, dessen Partei der Sudan in der Folge auch im jemenitischen Bürgerkrieg ergriff. Auch Truppen hat der Sudan in das Land im Süden der arabischen Halbinsel entsandt, die dort gegen die vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen kämpfen. Nach dem Anschlag auf die saudische Botschaft in Teheran im Januar 2016 brach der Sudan die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab.

 

Kleriker: Scharia verbietet nicht Beziehungen zu Israel

Dass mit Fadil ein amtierender Minister des Sudan eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel vorschlägt, ist ein Novum. Allerdings hatte sich schon im Februar der Kleriker Jussuf Al-Koda auf einer landesweiten Konferenz, an der mehrere Parteien und das Militär teilnahmen, dafür ausgesprochen; Israel zu boykottieren, bringe niemandem etwas und schade dem Sudan. Später erläuterte er im Staatsfernsehen, dass eine solche Normalisierung durchaus mit dem islamischen Schariarecht vereinbar sei. Auf den Kommentar des Moderators hin, der sagte, Al-Koda könne ja argumentieren, dass dies im sudanesischen Interesse liege, solle aber nicht die Religion benutzen, um dies zu rechtfertigen, entgegnete Al-Koda: „Glauben Sie wirklich, dass Religion nichts mit Interessen zu tun habe? Religion basiert allein auf Interessen.“ Al-Koda wurde in der Folge von radikalen Predigern angefeindet. In einer in einer Moschee in Khartum gehaltenen Freitagspredigt sagte der Imam Mohamed Abul-Karim, die muslimische Feindschaft gegen die „Brüder von Affen und Schweinen“ – eine unter Islamisten gängige Titulierung von Juden – „rührt von ihrem Glauben an Allah her“. Jeder Friedensvertrag mit Israel sei „null und nichtig“, da „der Dschihad eine Pflicht ist“. Abdul-Karim nannte Al-Koda einen „Freimaurer“ und sagte, Juden seien ein „Volk der Täuschung und Korruption“; jüdische Touristen würden „AIDS, Korruption und Drogen“ verbreiten und die „nationale Sicherheit“ gefährden.

 

Israelboykotteure zunehmend isoliert

Ähnlich aufgebracht reagierte die Terrororganisation Hamas auf die jüngsten Äußerungen des sudanesischen Investitionsministers. Diese seien „rassistisch“ und „gegen das palästinensische Volk, die Hamas und unseren tapferen Widerstand“ gerichtet, heißt es in einer Presseerklärung der Hamas, aus der die Website Sudan Tribune zitiert.

Mit derzeit knapp 40 Millionen Einwohnern ist der Sudan einer der bevölkerungsreichsten arabischen Staaten der Welt. Sollte er aus dem Lager der Israelboykotteure ausscheren, würde das diesem zumindest psychologisch einen schweren Schlag versetzen. Es ist anzunehmen, dass andere muslimische Staaten durch das Beispiel ermutigt würden, ebenfalls diplomatische oder sogar freundschaftliche Beziehungen zu Israel zu knüpfen. Wie Mena Watch im Juni berichtete, rücken Israel und zahlreiche afrikanische – auch mehrheitlich muslimische – Staaten näher zusammen. Diesen Trend wird auch Staatschef al-Bashir mitbekommen haben. Da der Sudan keine Demokratie ist, ist es unwahrscheinlich, dass die genannten Kommentare ohne seine Billigung gemacht wurden.

Tatsächlich hat der Sudan ein Interesse an Beziehungen zu Israel, aus mehreren Gründen.

Zum einen leidet der Sudan an Wetterkatastrophen und einer damit einhergehenden Krise der Landwirtschaft. Regenfälle werden unberechenbar und bleiben lange Zeit aus; ein immer häufigeres Auftreten riesiger Sandstürme, die Häuser und Äcker mit dicken Sandflächen bedecken, droht, den gesamten Sudan zu einer unbewohnbaren Wüste zu machen. Eile ist geboten, doch wenn die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, lässt sich die Ausbreitung von Wüsten eindämmen oder sogar rückgängig machen. Und nirgendwo auf Welt weiß man besser, wie man Wüsten wieder grün macht, als in Israel.

Zum anderen wird derzeit in Washington eine Aufhebung der Sanktionen gegen das Land erwogen; dieser Schritt ist aber erst diesen Monat aufgeschoben worden. Da Israel in der amerikanischen Bevölkerung und im US-Kongress sehr beliebt ist, könnte es – so spekuliert man vielleicht in Khartum – dem Sudan nützlich sein, diplomatische Beziehungen mit Jerusalem zu knüpfen. Israel feindselig gegenüberzustehen, lohnt sich heutzutage kaum. Sowohl die Hamas als auch der Terror-Sponsor Katar sind in der Region inzwischen weitgehend isoliert und werden nur noch vom Iran und der Türkei unterstützt. Viele afrikanische Regierungen hingegen haben erkannt, dass Frieden und gute Beziehungen zum jüdischen Staat sich für alle Beteiligten auszahlen. Die Debatte im Sudan ist Teil eines größeren Trends. Israel gewinnt – wie auch die erste Reise eines indischen Ministerpräsidenten nach Israel unlängst eindrucksvoll gezeigt hat – ständig neue Freunde in aller Welt.

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