Mena-Exklusiv

Vor 40 Jahren – Botschaftsbesetzung in Teheran. Wie der Krieg gegen den Westen begann (Teil I)

 

Von Matthias Küntzel

Khomeinis ausdrückliche Zustimmung zur Geiselnahme in der US-Botschaft machte schon 1979 klar, dass dem Westen mit dem Islamismus ein anderer Gegner als die Sowjetunion erwachsen war.

Am Vormittag des 4. November 1979 brachen 400 mit Schlagstöcken und Ketten bewaffnete Khomeini-Anhänger das Tor zur amerikanischen Botschaft in Teheran auf, stürmten das Gelände und nahmen alle 66 anwesenden Botschaftsmitarbeiter als Geiseln. Die Geiselhaft, die damals keiner der mit Scheinerschießungen und Schlägen traktierten Amerikaner zu überleben glaubte, dauerte 444 Nächte und Tage. Im Januar 1981 ließ man die Gefangenen frei.

Mehr als eine Botschaftsbesetzung

Besetzung der US-Botschaft in Teheran (Quelle: Government of Islamic Republic, Public Domain)

Vordergründig diente die Geiselnahme dem Ziel, die Auslieferung des Schah zu erzwingen, der sich vorübergehend in den USA in ärztlicher Behandlung befand. Dem Revolutionsführer ging es jedoch um mehr. Die Botschaftsbesetzung laufe, so Khomeini in einer Rundfunkansprache von November 1979, auf einen „Krieg zwischen Muslimen und Heiden“ hinaus. „Die Muslime müssen sich erheben in diesem Kampf, der eher ein Kampf zwischen den Ungläubigen und dem Islam als zwischen Iran und Amerika ist, zwischen allen Ungläubigen und den Muslimen. Die Muslime müssen sich erheben und in diesem Kampf triumphieren.“[1]

Die Botschaftsbesetzung als Auftakt eines großen religiösen Kriegs: Es war eben diese Zielsetzung, die die Wahl des Mittels erklärt. Eine Geiselnahme von Botschaftsangehörigen hatte es in der neueren Geschichte der Diplomatie bis dahin nicht gegeben. Es war selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges undenkbar, dass der Kreml die amerikanische Botschaft in Moskau überfällt und deren Mitarbeiter als Geiseln nimmt, wäre dies doch einer Kriegserklärung nicht nur an die USA, sondern an die Adresse der gesamten zivilisierten Welt gleichgekommen. Das freie Geleit des Gesandten ist seit alters her die Grundvoraussetzung für internationale Zusammenarbeit. Wer hiergegen verstößt, setzt Krieg an die Stelle von Diplomatie und Chaos an die Stelle des internationalen Rechts.

Insofern machte Khomeinis ausdrückliche Zustimmung zur Geiselnahme schon 1979 klar, dass dem Westen mit dem Islamismus ein anderer Gegner als die Sowjetunion erwachsen war, ein Gegner, der das nach 1945 geschaffene System der internationalen Beziehungen nicht nur nicht anerkennt, sondern als „jüdisch-christliche Verschwörung“ (Khomeini) bekämpft.

„James-Bond-Digitaluhren“

Im Februar 1979 hatte die von Khomeini angeführte iranische Revolution die Flucht des Schah und dessen Odyssee über Marokko, Ägypten, die Bahamas, Mexiko bis nach Panama erzwungen. Ende Oktober 1979 erteilten die USA dem schwer krebskranken Schah ein zeitlich befristetes Aufenthaltsvisum, verbunden mit der Erlaubnis, sich am New Yorker Cornell Medical Center untersuchen zu lassen. Mitte Dezember wurde Reza Palehvi zurück nach Panama verlegt; Ende Juli 1980 starb er in Kairo.

US-Präsident Jimmy Carter hatte im Oktober 1979 den Schah längst abgeschrieben und hoffnungsfrohe Signale der Kooperationsbereitschaft an das neue Regime ausgesendet. Die Besetzer aber sahen in der Einladung des Schah den letzten Beweis für die Putschpläne der USA. Sie waren davon überzeugt, mit der amerikanischen Botschaft ein Umsturzzentrum und ein Spionagenest von Orwell’scher Dimension ausgehoben zu haben. Hierbei spielte nicht nur die Erinnerung an den 1953 von der CIA unterstützten Sturz des iranischen Nationalisten Mossadeq eine Rolle, sondern, mehr noch, die obsessive Vorstellung, wonach die USA allmächtig und für jedes Übel der Welt verantwortlich seien.

„Es gab keine unschuldigen Erklärungen“, berichtete später einer der Geiseln. Jede noch so harmlose Information eines Botschaftsangehörigen erhielt im Kontext jener dämonisierenden Weltsicht ihren düster-konspirativen Sinn und selbst den Digitaluhren und Kugelschreibern der Botschaftsmitarbeiter wurden Eigenschaften zugeschrieben, wie man sie sonst nur aus James-Bond-Filmen kennt.

Zur „Allmacht“ der CIA

 Selten freilich war der Kontrast zwischen Zuschreibung und Realität grotesker als Ende der Siebzigerjahre in Teheran. Zum Zeitpunkt der Botschaftsbesetzung verfügte die Iran-Abteilung der CIA über vier Amerikaner, von denen keiner Farsi sprach. Auch in den Jahren zuvor hatte die CIA im Iran nicht aktiv spioniert. So meldete sie noch im August 1978 – sechs Monate vor der Revolution! – dass der Iran „weder in einem revolutionären, noch in einem prärevolutionären Zustand“ sei. Stur tat man die Geheimdienstberichte aus Frankreich und aus Israel, die den absehbaren Sturz des Schah korrekt prognostizierten, als „alarmistisch“ ab.[2]

Diese Neigung zum „wishful thinking“, setzte sich nach der Revolution von Februar 1979 fort. Während Teheran die USA zunehmend durch die Brille seiner paranoiden Wahnvorstellungen betrachtete und lautstark als Feind Nr. 1 dämonisierte, verstopfte sich Washington die Ohren und setzte eine rosarote Brille auf. „Wir kommen auch mit Khomeini gut klar!“ – so lautete im Sommer 1979 die Devise.

Besonders das akademische Milieu verehrte ihn als eine Art Sozialreformer in Priesterkluft. Doch auch der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Andrew Young, bezeichnete den Revolutionsführer „als eine Art Heiligen“ während ihn Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski als eine Barriere gegen die Sowjetunion empfahl. Geschäftsleute wurden aufgefordert, im Iran zu investieren, Kongressmitgliedern wurde nahegelegt, sich mit kritischen Kommentaren über die Lage im Iran zurückzuhalten und kritische Journalisten, die dem Trend nicht folgen mochten, an den Pranger gestellt, wie die folgende von Michael Ledeen und William Lewis 1981 aufgezeichnete Episode illustriert:

„Als drei amerikanische Zeitschriften ausführliche Auszüge aus Khomeini-Texten veröffentlichten, reagierten das State Department und die CIA außerordentlich verstimmt und bestürzt. Die Artikel wiesen nach, dass Khomeinis Bücher ihn als eine radikal antiwestliche, antiamerikanische, antizionistische und antisemitische Person präsentieren, als eine absolut unattraktive Alternative zum Schah.

Doch selbst noch im Februar 1979, als Khomeini sein Pariser Exil verließ und im Triumph nach Teheran zurückkehrte, erklärte [der Iran-Verantwortliche im State Department] Henry Precht, (…) dass die Zeitungsberichte äußerst irreführend seien. Er ging so weit, den Kolumnisten der Washington Post, Stephen Rosenfeld, zu beschuldigen, bewusst Auszüge aus einem Buch [Khomeinis] zu verbreiten, das nach Prechts Überzeugung bestenfalls eine von Studenten erstellte Notizsammlung oder schlimmstenfalls eine Fälschung war. Precht war alles andere als ein Einzelfall; die Überzeugung, dass Khomeinis Bücher entweder Fälschungen seien oder übertrieben oder missverstanden würden, war weit verbreitet.“[3]

So verteidigten das State Department und die CIA ihr Trugbild von Khomeini gegen alle Anfechtungen der Realität. Bemerkenswerterweise wandte sich später die CIA mit der Bitte an Rosenfeld, ihr die Ausgabe des von ihm zitierten Buches auszuleihen, da es bei der Agency nicht vorhanden sei. Soviel vom allwissendsten und gefährlichsten Geheimdienst der allwissendsten und gefährlichsten Regierung der Welt.

Wie reagierte Washington auf die Geiselnahme?

Zwei US-Geiseln (Quelle: Unknown, Public Domain)

Für die USA war die Geiselnahme ein Schock. Gleichwohl versuchte Washington zu beschwichtigen. In einem ersten Schritt schickte US-Präsident Carter mit Ramsey Clark und William Miller zwei Männer nach Teheran, die als hartnäckige Gegner der amerikanischen Schahpolitik bekannt waren. In ihrem Gepäck befand sich ein von Präsident Carter unterzeichneter und an Khomeini adressierter Brief.

Dieser enthielt zunächst die Versicherung, dass der Schah sich nur für die Dauer seiner Erkrankung in den USA aufhalte sowie das Angebot, iranischen Stellen einen Zugang zu den Ärzten des Schahs zu verschaffen. Zweitens erkannte Carter die Unabhängigkeit und die territoriale Integrität Irans ausdrücklich an und zeigte sich zur Wiederaufnahme der Lieferung militärischer Hilfsgüter bereit. Drittens bat er in freundlichen Worten („Ich bitte Sie, alle Amerikaner unverletzt freizulassen.“) um die Beendigung des Geiseldramas und plädierte für den Beginn eines Dialogs:

„Ich habe beide Männer [Miller und Clark] gebeten, sich mit Ihnen zu treffen und von Ihnen Ihre Perspektive hinsichtlich der Ereignisse im Iran sowie der Probleme, die zwischen unseren Ländern aufgetaucht sind, zu erfahren. Das amerikanische Volk wünscht sich Beziehungen zum Iran, die auf Gleichheit, gegenseitigem Respekt und Freundschaft basieren.“[4]

So also sah die erste Kontaktaufnahme des amerikanischen Präsidenten mit dem Führer der ersten islamischen Revolution aus. Niemand wird den Tonfall dieses Schreibens als provokant bezeichnen können, zumal vor dem Hintergrund eines Gewaltaktes, der unter anderen Umständen als Kriegserklärung bewertet und beantwortet worden wäre.

Wie reagierte der Iran auf Washingtons Goodwill-Geste?

Carters Goodwill-Geste scheiterte jedoch schon im Ansatz. Khomeini verweigerte William Miller und Ramsey Clark die Einreise in den Iran. Auch der amerikanische Maßnahmenkatalog, der nun folgte − Ausweisung einiger iranischer Diplomaten sowie aller illegal in die USA eingereisten Iranerinnen und Iraner, Aussetzung der Öleinfuhren aus Iran, Einfrieren des in amerikanischen Banken gelagerten iranischen Vermögens – machte keinen Eindruck auf Teheran.

Als nächstes ließ sich Präsident Carter über französische Mittelsmänner auf langwierige Verhandlungen mit dem iranischen Präsidenten Abolhassan Bani-Sadr und dessen Außenminister Sadeq Ghotbzadeh ein – zwei wichtige, aber im Vergleich zu Khomeini machtlose Politiker. Nun begann ein eigentümliches Prozedere, das Mark Bowden in seinem 700-seitigen Standardwerk über die Botschaftsbesetzung so beschreibt:

„Carter beißt sich an einem Vorschlag fest, den ein hohes iranisches Regierungsmitglied unterbreitet hat und willigt in kleine, aber demütigende Zugeständnisse ein, bevor Khomeini dem Ganzen in letzter Minute einen Strich durch die Rechnung macht.“[5]

Erst am 7. April 1980 – am 154. Tag der Geiselnahme! – brach Carter die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab und bereitete Wirtschaftssanktionen vor. Zogen Deutschland und die Europäische Gemeinschaft hierbei mit? Mehr davon in Teil II.

Anmerkungen:

[1] Chomeini spricht von „Krieg zwischen Muslims und Heiden“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 24. November 1979.

[2] Michael Ledeen & William Lewis, Debacle. The American Failure in Iran, New York, 1981, S. 132 und 126.

[3] Ledeen, a.a.O., S. 129f. Es handelte sich bei dem Buch, das Precht für eine Fälschung hielt, um Khomeinis 1970 erschienenes Hauptwerk „Der islamische Staat“.

[4] Mark Bowden, Guests of the Ayatollah. The First Battle In America’s War With Militant Islam, New York 2006, S. 125. Hier ist der Wortlaut des Briefes auszugsweise dokumentiert.

[5] Bowden, a.a.O., S. 401.

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