Mena-Exklusiv

Von Ilan Halimi bis Sarah Halimi: Frankreichs Schande

Von Alexandra Laignel-Lavastine
Offener Brief an den neuen französischen Innenminister Gérard Collomb.

Schweigemarsch am 9. April 2017 in Paris.

Sehr geehrter Herr Minister,

eine 65-jährige jüdische Frau, eine Ärztin, wurde in ihrem Haus im Schlaf überfallen und mehr als eine Stunde lang grausam gefoltert. Sie lebte in einer bescheidenen Wohnung in der Rue Vaucouleurs im dicht bevölkerten 11. Arrondissement von Paris. Der Mörder, der über den Balkon in ihre Wohnung gelangte, greift sie mit unglaublicher Brutalität an und verursacht dabei mehr als 20 Knochenbrüche an Kopf und Körper. Anschließend wirft er sie, bereits sterbend, aus dem Fenster im dritten Stock. Während der gesamten Zeit unternimmt die Polizei, die mit drei bewaffneten Beamten im Gebäude, direkt vor der Wohnungstür, präsent ist, nichts. Die Nachbarn (mehrere Dutzend) können die Schreie des Opfers hören: auch sie bleiben tatenlos. Die französischen Medien werden alarmiert. Sie stellen keine Fragen und berichten nicht über den Mord.

 

Ihr Name war Sarah. Sarah Halimi.

Diese grausame Szene spielte sich nicht etwa 1942 ab, vor oder nach der „Rafle du Vél‘ d’Hiver‘“, bei der Juden zusammengetrieben wurden, um an die Nazis ausgeliefert zu werden, sondern in der Nacht des 3. April 2017, in einem kleinen Appartement, ganz in der Nähe der Diskothek „Bataclan“, in der ein islamistischer Mörder mehr als 100 Franzosen ermordete. „Allahu Akbar“-Rufe begleiteten die Tat. Am folgenden Sonntag fand ein Schweigemarsch im Viertel statt. Jugendliche aus den benachbarten Vierteln quittierten dies mit Rufen wie: „Tod den Juden“ und „Wir haben Kalaschnikows“.

 

Der Pariser Staatsanwalt warnte unverzüglich davor, voreilige Schlüsse hinsichtlich der Umstände des Verbrechens zu ziehen, bevor die Ergebnisse der Ermittlungen publik gemacht würden. Wer weiß? Eine ältere jüdische Frau, bestialisch abgeschlachtet von einem 27-jährigen Islamisten mit langem Vorstrafenregister (Drogenhandel, Körperverletzung): Es könnte nur ein Streit unter Nachbarn sein … Wäre da nicht die Tatsache, dass der aus Mali stammende Mörder, Kada Taore, das Opfer regelmässig beschimpfte und beleidigte und die Frau Nachbarn berichtet hatte, sie habe Angst vor dem Mann. „Wir befinden uns in einem Krieg“, erklärte der ehemalige Premierminister Manuel Valls, „in dem Muslime sich nicht länger schämen und Juden keine Angst mehr haben.“ Hervorragend.

Herr Minister, Sie haben gerade Ihr Amt in einem Land angetreten, in dem es wieder möglich ist, Juden zu ermorden, ohne dass dies Ihren französischen Mitbürgern und -bürgerinnen großen Kummer entlocken würde. Nebenbei bemerkt: Ihre Amtsvorgänger, sowohl vom linken als auch vom rechten politischen Spektrum, zogen es vor, nicht über das Ende des Besens, mit dem sie das Problem unter den Teppich kehrten, hinauszuschauen. Keiner hat sich dieser Herausforderung gestellt. Werden Sie es tun? Am Sonntag, dem 21. Mai, sagte Sarah Halimis Bruder mit außergewöhnlicher Würde im Fernsehsender i24News: „Ich habe sieben Wochen lang gewartet, bevor ich etwas gesagt habe. Das absolute Schweigen um die Ermordung meiner Schwester ist jedoch untragbar geworden.“

Eine ergreifende Geschichte für die Massen? Nicht einmal das. In der extremen Dekadenz, die heutzutage im Lande Dieudonnés herrscht, des „Komikers“, für den „die Juden Hunde sind“ (das bringt ihm viele Lacher), verdient ein überfahrener Hund offensichtlich mehr Aufmerksamkeit als eine ermordete jüdische Frau.

Ich weiß, Herr Minister, dass Sie tief in Ihrem Innern meine Analyse teilen. Ich erinnere mich, dass wir in den frühen 1990er-Jahren, kurz nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, zusammen nach Rumänien fuhren, um für die Demokratie zu werben – die normalerweise nicht mit Antisemitismus vereinbar ist. Damals waren wir beide besorgt zu sehen, wie sich bestimmte osteuropäische Eliten mit ihrer alten anti-jüdischen Leidenschaft wiedervereinten. Hier jedoch kommt die Judenfeindlichkeit, die auf den Straßen Europas erneut Blut fließen lässt, nicht mehr von der extremen Rechten: Sie kommt von Muslimen.

Das ist noch viel beschämender! Ich kann nur hoffen, dass Sie trotz dieses Wandels der Judenfeindlichkeit die Überzeugungen, die Sie einst hatten, dazu verwenden, um Frankreich aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Wie William Goldnadel, einer der Anwälte der Familie Halimi, feststellte: „Wenn der Mörder blondes Haar und blaue Augen gehabt hätte, wäre ganz Frankreich auf die Straßen gegangen. Er ist aber ein Islamist und deshalb steckt ganz Frankreich den Kopf in den Sand.

Sarah Lucy Halimi

Daher war die Erwähnung dieses Mordes während der Präsidentschaftswahl tabu. Französische Journalisten – die sich doch so sehr für den Fall „Théo“ interessiert hatten, in dem ein Kleinkrimineller, der behauptet hatte, er sei von der Polizei misshandelt worden, Krankenhausbesuch von Präsident Hollande erhalten hatte – hielten sich mit nie dagewesener Einigkeit an die Anweisungen der Staatsanwaltschaft, den Fall zu vertuschen. Abgesehen von der jüdischen Presse berichtete nur eine texanische Zeitung darüber. Der Polizeibericht wurde gerade erst veröffentlicht und die Anwälte gaben eine Pressekonferenz, bei der sie ihr Erstaunen über die umfassende Vertuschung der Angelegenheit zum Ausdruck brachten. Tatsächlich bestätigt die Anfrage das, was wir bereits wussten – und noch viel mehr. Sarah Halimis Mörder schlachtete sie ab, während er Suren aus dem Koran rezitierte und sie „Satan“ nannte (ein Nachbar hat mehrere Minuten Audiomaterial aufgezeichnet). Nachdem er sein Opfer in Anwesenheit der drei Polizeibeamten getötet hatte (sie warteten auf zusätzliche Verstärkung durch die Polizei), begann der Mörder erneut zu beten. Er wurde schließlich um 5:35 Uhr morgens verhaftet. Sarah Halimi lag tot auf dem Gehweg.

Das alles ist wirklich entsetzlich. Und, trotz aller Beweise und Motive, trösten wir uns mit der beschwichtigenden Aussage, dass dieser Mörder ebenso wie der Mann, der auf der Promenade des Anglais in Nizza 86 Menschen mit seinem LKW tötete, „verrückt“ war. Aus diesem Grund wurde er auch nicht ins Gefängnis geschickt, sondern vielmehr in eine psychiatrische Anstalt, wo er noch immer auf Kosten der Allgemeinheit behandelt wird. Puh, jetzt können wir endlich aufatmen!

Ilan Halimi

Wie Sie sich vielleicht erinnern, Herr Minister, hat diese Leugnung der Wahrheit in Frankreich schon einmal für Tote gesorgt. Denken Sie nur an die 23 Tage zurück, als im Jahr 2006 der junge Ilan Halimi von der selbsternannten „Gang der Barbaren“ entführt, gefoltert und schließlich ermordet wurde. Die französische Polizei war bei der ganzen Sache keine Hilfe. Sie wies jeden Gedanken zurück, dass Antisemitismus in der Angelegenheit eine Rolle spielen könnte, und zog es stattdessen vor, an dem absurden Gedanken festzuhalten, die Tat sei das Ergebnis eines Kriegs zwischen rivalisierenden Banden.

Selbst nachdem der Anführer der Mörder, ein gewisser Youssof Fofana (mit Hilfe des Mossads) an der Elfenbeinküste gefasst werden konnte, war der Leiter der Polizei des Strafgerichts nicht bereit zuzugeben, dass in diesem Fall Antisemitismus eine Rolle gespielt haben könnte. Es gab und gibt in Frankreich keinen Antisemitismus – das darf einfach nicht sein. Erst bei der Gerichtsverhandlung wurde Antisemitismus schließlich als erschwerender Umstand angeführt.

Jetzt, zehn Jahre später, befinden wir uns wieder in der gleichen Lage. Bei beiden Halimis stehen wir vor einem Fall wie aus dem Lehrbuch, bei dem jene, die in die Tiefen des kollektiven Unbewussten und dessen Pathologie hinabtauchen, Stoff zum Nachdenken finden können. Zwei zu Tode gefolterte Juden in Fällen, die hätten vermieden werden können. Ja, das ist inakzeptabel, und es ist zu Ihrem Problem geworden. Es ist inakzeptabel für die Juden, aber das sollte es auch für Nicht-Juden sein. Zumindest in jeder normalen Demokratie. Die Rückkehr des Antisemitismus ist immer ein Anzeichen für die moralische Gesundheit oder die Versäumnisse einer Gesellschaft. Was erleben wir heute, im Jahr 2017? Sanktionierten Hass und ungezügelte Umsetzung in Aktionen bei den einen. Vorsätzliche Blindheit und stillschweigende Zustimmung – still geduldet oder lautstark geäußert – bei den anderen. Und zu guter Letzt, völlige Gleichgültigkeit bei nahezu allen weiteren.

Ja, dies war kein politisch korrekter Mörder. Ebenso wenig war es das Opfer. Ist Ihnen das aufgefallen, Herr Minister? Solange unsere hiesigen Barbaren nur Juden töteten – 2003 Sebastien Salem, 2006 Ilan Halimi, 2012 die Kinder in Toulouse, 2014 ein jüdisches Paar in Brüssel, 2015 ein paar Leute beim Einkaufen an der Porte de Vincennes – war es keine große Sache: Lasst uns kein großes Aufhebens darum machen.

Letzten Endes müssen sie alle irgendwie ein bisschen „schuldig“ sein, immerhin sagen das die Leute schon seit zweitausend Jahren. Gewiss waren auch einige „arabische“ Soldaten (wie die beiden, die Mohamed Merah in Montauban tötete, bevor er vier Tage später in Toulouse französische Juden ermordete) sowie diese „islamophoben“ Journalisten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo unter den Opfern, die es irgendwie selbst herausgefordert hatten. Lasst uns keinen Aufstand deswegen machen. Aber in der Diskothek Bataclan handelte es sich um „unschuldige Franzosen“, um Raymond Barres unglücklichen Ausrutscher nach dem antisemitischen Attentat in der Rue de Copernic im Jahr 1980 zu zitieren: Nun, das war zu viel! Das war inakzeptabel. „Warum wir? Warum Frankreich? Warum werden Unschuldige ermordet?“

Nach der Ermordung der Karikaturisten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, der Jugendlichen bei einem Konzert, zweier Polizeibeamten, Frauen und Kindern bei den Unabhängigkeitsfeiern sowie eines Priesters während des Gottesdiensts, unterzeichneten am 31. Juli 2016 100 intellektuelle französische Muslime einen Brief, in dem sie ihre französischen Glaubensbrüder dazu aufriefen, mit sich ins Gericht zu gehen. Ja, dieser Brief ließ keines dieser Dramen aus, die sich in Frankreich ereignet hatten … außer: jeden einzelnen Anschlag auf Juden, bei dem einzelne oder mehrere Personen ermordet wurden, einige darunter Kinder. Bestimmt war das nur ein Versehen. Empörung? Einwände? So gut wie keine.

Um es mit einem alten Sprichwort der Linken zu sagen: Wenn Sie sich lieber „mit den Dschihadisten irren als mit den Realisten recht behalten“, was wollen Sie dann gegen die Gleichgültigkeit unternehmen, Herr Minister? Wie werden Sie uns aus dieser schrecklichen Apathie wachrütteln? Dieses Mal wird es nicht ausreichen, die „neo-reaktionären“ Panikmacher abzuwinken und nur darauf zu warten, dass das Feuer von alleine erlischt. Unsere politisch korrekten Journalisten und Intellektuellen sind mittlerweile Experten darin geworden. Wir werden nicht durch Wunschdenken und das Zitieren des abgenutzten Katechismus, nach dem das Böse nie aus dem Lager des Guten erwachsen kann, aus dieser Sache herauskommen. Werden Sie mit Ihrem neuen Mandat der Untätigkeit ein Ende setzen?

Wie Sie sehr gut wissen: Wenn wir damit fortfahren, das Kind nicht beim Namen zu nennen, zu verharmlosen („isolierte Taten“ und „Einzeltäter“), zu beschönigen („die verlorenen Kinder des Dschihad“), zu entschuldigen, zu trivialisieren und, wenn alles andere fehlschlägt, es als Psychose abzutun – dann wird uns das geradewegs in den Abgrund stürzen.

In der Tat sind unsere inneren Feinde weder Verrückte noch Nihilisten. Es sind Islamisten. Und die Tastsache, dass sie das säkulare Frankreich mindestens ebenso sehr hassen wie die Juden, versetzt uns alle in dasselbe Boot. Wir zählen darauf, dass Sie es laut und deutlich aussprechen, dass Sie sich trauen, den Feind beim Namen zu nennen und dass Sie damit aufhören, zu noch mehr Verwirrung in den Köpfen und Unglück in der Welt beizutragen.

 

 

Das wird einigen Mut erfordern, denn Sie werden sich möglicherweise Feinde in Ihrem eigenen politischen Lager machen. Das ist aber immer noch besser, als in die Geschichte als Vertreter dessen einzugehen, was Jacques Julliard, die Ikone der Zweiten Linken, „Kollaborateure“ nennt. Als Vertreter derjenigen, in deren Augen „es akzeptabel ist, davon auszugehen, dass diese [dschihadistischen] Verbrechen keine Verbrechen, sondern Konsequenzen sind [von Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, Rassismus].” Als Vertreter derjenigen, bei denen politische Korrektheit Hand in Hand mit politischer Missachtung geht.

Es wird von Ihnen, Herr Minister, erwartet, dass Sie die Stimme eines erwachten Frankreichs verkörpern, eines Frankreichs, das nicht länger den anti-jüdischen Hass idealisiert, der die Köpfe so vieler junger französischer Moslems vergiftet.

Der Historiker Georges Bensoussan, Autor von A Submissive France (in französischer Sprache erschienen unter dem Titel: „Une France soumise‘, Fayard 2017) sagte es offen ins Mikrofon von Alain Finkielkraut in einer Sendung des Radiosenders France Culture. Aus diesem Grund wurde in diesem Winter eine aufwändige Klage gegen ihn eingereicht. Die Begründung: „Anstiftung zum Rassenhass“. Sollen wir ein defektes Thermometer verwenden, um uns davon zu überzeugen, dass der Patient geheilt ist? Seit dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo sind wir sehr geübt in der Kunst, uns selbst etwas vorzumachen – wenn wir uns damals weigerten, das Offensichtliche zu sehen, weigern wir uns nun, das zu glauben, von dem wir wissen, dass es die Wahrheit ist.

Denn Ihnen ist die Tatsache sehr wohl bekannt, dass alle Meinungsumfragen in den letzten drei Jahren gezeigt haben, dass anti-jüdische Stereotypen tiefer denn je in drei Teilen der französischen Bevölkerung verankert sind: bei denen, die sich als Unterstützer des Front National verstehen, in der extremen Linken und bei Muslimen. Und ganz bestimmt werden Sie zustimmen, dass in diesem Fall der Verzicht auf eine grundlegende Klarheit keine schlüssige Politik ermöglichen kann. Denn wenn das Problem nicht eindeutig identifiziert wird, besteht keine Aussicht auf eine Lösung. Auf Ihren Schultern lastet eine schwere Bürde. Ihre Ehre steht auf dem Spiel – und ebenso die von Frankreich.

Alexandra Laignel-Lavastine hat einen Doktortitel in Philosophie und ist Historikerin, Journalistin und Autorin. Der vorliegende Text wurde von André Unterberger und Richard Landes aus dem Französischen übertragen. Die französische Originalfassung wurde in der Zeitschrift Atlantico veröffentlicht und ist auch in der französischen und der englischen Ausgabe der Times of Israel verfügbar.

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