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Vom Jubelperser zum Prügeltürken: 50 Jahre uralter Naher Osten

Von Oliver M. Piecha

Sie hielten die sprichwörtlichen Baulatten in ihren Händen, mit denen sie auf Demonstranten einschlugen, manche benutzten auch Totschläger; und ihr Beruf war so dunkel wie ihre Anzüge: Jubelperser, Mitglieder des furchtbaren Savak, des iranischen Geheimdienstes. Sie sollten glückliche staatstreue Iraner spielen, die ihrem Herrscher zujubeln und zugleich Proteste unterbinden. „Jubelperser“, dieser Begriff fand in der Folge Eingang in den Duden und die Presse machte aus ihnen umgehend den „Prügelperser“.

Es war Anfang Juni 1967, der persische Schah Rezah Pahlavi besuchte Westberlin und die gegen ihn demonstrierenden Studenten und Exiliraner hatten nichts zu lachen. Die Polizei schaute zu, wie die Schläger des Schahs an der Deutschen Oper in Charlottenburg ihre Auffassung von Meinungsfreiheit demonstrierten. Als sie endlich eingriff, ging sie ebenfalls gegen die Demonstranten vor. Reza Pahlevi und seine Frau Farah Diba waren schließlich das große Glamourpaar der westdeutschen Presse, und an demonstrierende Studenten und Iraner war man in diesem Nachkriegsdeutschland noch lange nicht gewöhnt. Später am Abend wurde ein Student erschossen – Benno Ohnesorg –, dass der Schütze, ein Westberliner Polizist im Sold der Stasi stand, sollte erst Jahrzehnte später herauskommen. Ein politischer Nullpunkt für die junge BRD: Die sozusagen offizielle Geschichte des gesellschaftlichen Umbruches von 1968 nahm  hier ihren Ausgang – mit diesen Schüssen und den Jubel- und Prügelpersern aus Nahost.

Fast genau 50 Jahre später, Ende Mai 2017, steht in Washington DC ein schwarzer Mercedes mit offenen Türen in der Auffahrt einer Villa. Es ist die Residenz des türkischen Botschafters. Im Wagen sitzt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Auf der Straße skandieren Demonstranten Parolen gegen ihn. Er gibt aus dem Wagen offensichtlich eine Anweisung, ein verkabelter Leibwächter, der an der Wagentür steht, fragt kurz nach, sagt etwas zum nächsten türkischen Sicherheitsbeamten, der eilt die Auffahrt hinab, Sekunden später beginnen auf der Straße die Anzugträger mit ihren umgehängten Sicherheitsausweisen  auf die Demonstranten einzuschlagen und zu treten bis es den amerikanischen Polizisten gelingt, die Gruppen zu trennen. Zwölf Menschen werden verletzt. Später wird die staatliche türkische Presseagentur melden, die amerikanische Polizei habe der türkischen Forderung, gegen die Demonstranten vorzugehen, keine Beachtung geschenkt. Sicherheitsleute Erdogans sowie türkische Bürger hätten eingegriffen und die Demonstranten auseinandergetrieben.

Ein schrecklicher Verdacht drängt sich auf: Hat sich denn wirklich gar nichts geändert?  Gar nichts Neues unter der brennenden imperialistischen Sonne des Orients? Oder hat sich doch etwas geändert in 50 Jahren? Jedenfalls nicht der alte Nahe Osten: Ein Potentat erträgt keinen Protest gegen sich und lässt von seinen Schlägern die Straße leerprügeln. So waren sie und so sind sie, die großen Führer aus Nahost. 5o Jahre und kaum ein Unterschied, dort der Schah, der so gerne die Pracht des alten persischen Großreichs reinszenierte, und hier der Präsident, der sich endlich die übliche Nahostpräsidialdiktatur zurecht geschnitzt hat und Sultan spielt. Nur dass dort, wo der Schah noch Glamour ausstrahlte, bei Erdogan nurmehr ein kleinbürgerlicher, rachsüchtiger Zug zum Tragen kommt.

Die großen Nahostführer haben an Aura eingebüßt. Erdogan ist kein Gewinner. Als er in Washington aus dem Wagen steigt und auf die Straße blickt, wo eben noch die letzten seiner Schläger zu Gange sind, hat er es zwar wieder einmal geschafft und für Ruhe gesorgt, aber er sieht mürrisch aus. Seinen großen Kampf mag er gewonnen haben, dem  Sultanspräsidentum steht nichts mehr im Weg, doch ist sein Zenit längst überschritten. Er wird keine Dekade bekommen, in der er sich als großer Führer wird feiern lassen können, er ist nur noch ein Getriebener.

Und als solcher durchaus tragisch, immerhin hat die AKP nach der Jahrtausendwende eine tatsächlich völlig herunterruinierte Türkei praktisch runderneuert – und wäre Erdogan vor den Gezipark-Protesten freiwillig abgetreten, man hätte ihm wohl ganz ohne Zwang Denkmäler neben denen von Atatürk gebaut. Aber so unerbittlich ist dieser alte Nahe Osten immer gewesen, den er nun repräsentiert: Auch dem Sultan bleibt nichts übrig, als seine Jubeltürken ausschwärmen und Prügel austeilen zu lassen. Doch über das Ende muss sich keiner eine Illusion machen. Er wohl auch nicht, auch daher wird dieser Mißmut kommen, den er ausstrahlt.

Eines hat sich aber doch geändert in 50 Jahren: Wo sich der alte Nahe Osten noch einmal mit einer Farce selbst beweist, hat sich der Westen verändert. Zwei von Erdogans Prügeltürken wurden festgenommen und der Senator John McCain forderte umgehend die Ausweisung des türkischen Botschafters. Gerade John McCain, der gegen Obama als Präsident kandidierte und eine Hassfigur derjenigen im Westen ist, die auch so etwas wie den alten Nahen Osten repräsentieren. Der über 80jährige McCain hat mit seiner klaren Linie im Nahen Osten und in Syrien, aber auch bezüglich seiner Integrität in Sachen Foltertabu und gegenüber dem Format Donald Trump gezeigt, dass sich der „Westen“ sehr wohl wandeln kann. Im Gegensatz zum alten Nahen Osten mit seiner ewigen Wiederkunft des Gleichen.

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