Mena-Exklusiv

Vergewaltigungsvorwürfe und eine „zionistische Verschwörung“

Von Alexander Gruber

Wenn in Fällen sexueller Gewalt die Mauer des Schweigens einmal gebrochen ist, trauen sich oftmals auch weitere Betroffene, mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Das zeigt sich gerade nicht nur am Beispiel des Filmproduzenten Harvey Weinstein, sondern auch bei einem anderen Prominenten: dem islamistischen Vorzeige-Intellektuellen Tariq Ramadan. Nachdem Henda Ayari – eine ehemalige Anhängerin der Muslimbruderschaft, die mittlerweile eine Hilfsorganisation für von islamistischer Unterdrückung und Gewalt betroffene Frauen leitet – Ramadan in der Vorwoche beschuldigte, sie 2012 während einer Islamkonferenz vergewaltigt zu haben, werden nun weitere Vorwürfe gegen den prominenten Präsidenten des European Muslim Network laut. Am Donnerstag folgte eine zweite Anzeige wegen einer bereits 2009 erfolgten Vergewaltigung.

Darüber hinaus gab Henda Ayaris Anwalt bekannt, dass ihm Aussagen anderer Frauen vorlägen, die ebenfalls darüber nachdächten, Ramadan wegen sexueller Belästigung oder Nötigung anzuzeigen. Und Ende letzter Woche erstattete schließlich eine dritte Frau Anzeige wegen Vergewaltigung gegen den Islamgelehrten, der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna ist und einen Lehrauftrag für Islamwissenschaft an der Universität Oxford besitzt.

„Yasmina (dies ist nicht ihr wirklicher Name) sprach mit der französischen Tageszeitung Le Parisien. Sie erklärte, der muslimische Professor aus der Schweiz habe ihr 2012 gedroht, sie zu vergewaltigen. Die Frau hatte den örtlichen Medien bereits 2013 über den Vorfall berichtet. ‚Anfangs beriet er mich über seine Webseite in religiösen Angelegenheiten, dann bat er um ein Bild von mir, damit er wisse, mit wem er sich unterhalte. Er fand mich schön, und von da an wurde der Verkehr zwischen uns pornografisch’, berichtete sie Le Parisien. ‚Zwei Jahre später bestellte er mich in ein Hotel am Stadtrand und drohte, mich mit dem Material zu kompromittieren’, fügte sie hinzu.“

Ramadan, der die Steinigung von Ehebrecherinnen nicht ablehnen möchte, weil sie nun einmal zum Islam gehöre, weswegen er als Einzelner das nicht kritisieren könne, ist nicht nur einer der einflussreichsten islamischen Gelehrten Europas, der bei seinen Anhänger geradezu den Ruhm eines Pop-Stars genießt. Der selbsternannte „Reformsalafist“ gilt auch als anerkannter Experte für islamische Ethik und gehörte als solcher mehreren Gremien des Europaparlaments ebenso an wie der „Gruppe der Weisen für den Dialog der Völker“ bei der EU-Kommission. Während Ramadan und sein Anwalt nach anfänglicher Leugnung aller Beschuldigungen mittlerweile schweigen, tun seine Anhänger, worauf sich Islamisten in Bedrängnis am besten verstehen: Sie ergehen sich in antisemitischen Verschwörungstheorien und bezeichnen die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe als „internationale zionistische Verschwörung“, die den Namen ihres Idols beschmutzen solle.

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