Mena-Exklusiv

Terror damals und heute: Was ist neu am islamistischen Morden?

Von Florian Markl

Doppeldeckerbus nach dem Selbstmordanschlag in London am 7. Juli 2005

Im Kurier-Interview spricht die Autorin Eva Rossmann über die Motivation zu ihrem neuen Roman „Patrioten“:

„Ich wollte auch noch davon erzählen, wie schnell wir selbst anfangen, allen möglichen Unsinn zu glauben. Zum Beispiel die beunruhigende große Terrorgefahr durch Islamisten, und dass sie auch noch durch die Kriegsflüchtlinge gestiegen ist: Wahr ist, dass es in den 1970ern deutlich mehr Terroranschläge in Europa gegeben hat – von rechts und links übrigens.“

Was islamistischen Terror betrifft, folgt Rossmann hier einem merkwürdigen Trend: Je öfter „Allahu Akbar“ brüllende Mörder blutig zuschlagen, umso stärker ausgeprägt scheint das Bedürfnis, die aktuelle Gefährdung zu relativieren. Dabei müsste gerade der historische Vergleich, wenn er denn ernst gemeint wäre, deutlich machen, worin die neuen Dimensionen des islamistischen Terrors bestehen. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, dank seiner langjährigen Forschungs- und Publikationstätigkeit einer der fachkundigsten Experten über den linksextremen Terror in der BRD, hebt zu Beginn seines gerade erschienenen Buches „Die blinden Flecken der RAF“ einige der wichtigen Unterschiede hervor.


Der Umschlag von Quantität in Qualität

Als „geradezu gigantisch“ bezeichnet Kraushaar den Unterschied der Opferzahlen:

„Bei einem einzigen Anschlag im Irak, Afghanistan oder Pakistan werden häufig mehr Menschen ermordet als von der RAF in ihrer beinahe drei Jahrzehnte andauernden Existenz insgesamt.“ Die „Opferzahl der Anschläge vom 11. September 2001, bei denen rund 3000 Menschen ihr Leben verloren haben, (hat) mit einem einzigen Schlag die von mehreren Jahrzehnten Terrorismus in den Schatten zu stellen vermocht“.

Werfen wir einen Blick auf die konkreten Zahlen. In all den Jahren ihres Bestehens ermordete die Rote Armee Fraktion insgesamt 34 Menschen. Im Vergleich dazu kamen bei den Attentaten von Madrid (11. März 2004) 191 Menschen ums Leben, über 2000 wurden verletzt. Bei den Selbstmordanschlägen in London (7. Juli 2007) wurden 52 Menschen getötet und über 700 verletzt. Bei den Attentaten in Paris (13. November 2015) kamen 130 Menschen ums Leben und über 350 wurden verletzt. (Allein das Blutbad im Bataclan forderte 90 Menschenleben – fast drei Mal so viele wie die RAF in mehr als zwei Jahrzehnten.) Beim Anschlag in Nizza (14. Juli 2016) wurden mindestens 86 Menschen getötet und über 400 verletzt. Völlig zu Recht spricht Kraushaar angesichts dieser Zahlen von der „massenmörderischen Dimension des islamisch geprägten Terrorismus“.


Es kann jeden treffen

Die enormen Opferzahlen verweisen auf einen zweiten wichtigen Unterschied zwischen dem Terrorismus vergangener Jahrzehnte und dem islamistischen Terror: die Beliebigkeit der Opfer. Für den politischen (Links-)Terrorismus früherer Jahre ist

„die spezifische Auswahl derer, gegen die sich die Attacken richteten, charakteristisch gewesen. Als integraler Bestandteil seiner Rechtfertigungsformen galt, dass keine ‚Unschuldigen‘ getroffen werden durften. Anschlagsziele waren US-amerikanische Militärs, Angehörige von Polizei und Justiz, hochrangige Repräsentanten des als feindlich definierten Systems aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Finanzen. Die Auswahl erfolgte also entlang einer ideologisch weitgehend vordefinierten Linie. (…) Zu den Charakteristika des islamischen Terrorismus zählt hingegen, dass die Opferziele immer wahlloser ausgefallen sind. Inzwischen geht es um die völlige Entgrenzung in der Wahl der Adressaten.“

Anders formuliert bedeutet das für Kraushaar, dass man früher zwar nicht wusste, wann und gegen wen genau die RAF oder die italienischen Roten Brigaden losschlagen werden, dass die Sicherheitsbehörden aber recht genaue Kenntnis über den Kreis der gefährdeten Personen besaßen. Die Attacken der heutigen Dschihadisten sind dagegen weitgehend unkalkulierbar geworden. Ihnen geht es vor allem darum, „möglichst viele Menschen, egal ob Christen oder Muslime, Einheimische oder Touristen, in den Tod zu reißen.“


Massenmord als Zweck

Die RAF, so kann man von Kraushaar ausgehend konstatieren, wäre nie auf die Idee gekommen, in ihrem Kampf gegen das ‚Schweinesystem‘ Selbstmordattentäter loszuschicken, um den Frankfurter Berufsverkehr zu attackieren. Und auch wenn linke Terroristen Flugzeuge entführten und damit das Leben Unschuldiger in Gefahr brachten, war die Ermordung der Entführten nicht Sinn und Zweck des Unterfangens, sondern Folge des Scheiterns der Terroristen. Ganz anders bei den islamistischen Attentätern von heute: Als Mohammed Atta American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm des World Trade Centers steuerte, war der Tod der entführten Passagiere aus seiner Sicht Voraussetzung des Erfolgs der Operation.

Auch wenn, wie Rossmann hervorhebt, die Zahl der Terroranschläge im Vergleich zu den 1970er-Jahren zurückgegangen sein mag, sagt dies nichts über die neue Qualität des islamistischen Terrors und die von ihm ausgehende Bedrohung aus. Die massenmörderische Dimension der dschihadistischen Attentate, die Beliebigkeit der Opfer und der Anschlagsziele sowie die explizite Tötungsintention machen sie für jeden Bürger zu einer weit größeren Gefahr, als die Terroristen vergangener Jahrzehnte je eine darstellten. Wer das als „Unsinn“ abtut, muss sich dem Verdacht aussetzen, die überaus reale Bedrohungslage zu verkennen oder die Gefahr des islamistischen Terrors zu verleugnen. Der Vergleich von damals und heute ist in der Tat instruktiv – seine Lehren stehen aber in deutlichem Widerspruch zu Rossmanns Abwiegelungsversuch.

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