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Teheran: Alles bestens im Foltergefängnis Evin

Von Thomas von der Osten-Sacken

Vorab: Es stimmt keineswegs, wie oft behauptet, in Teheran registriere man nicht, wenn im Westen Kritik an Menschenrechtsverletzungen im Iran geübt wird. Ganz im Gegenteil nimmt das Regime sehr genau wahr, ob man in Europa oder den USA etwa verfolgt, wie Menschen in iranischen Gefängnissen misshandelt und gefoltert werden. Jeder Protest hat also durchaus Wirkung, weswegen man auch nicht müde werden sollte, die Verhältnisse im Iran anzuprangern.

Für iranische Ohren klingt „Evin“ so bedrohlich wie einst „Abu Ghraib“ für irakische. Die Berichte über systematische Misshandlungen, Folter, Vergewaltigungen und andere Gräueltaten, die in diesem Teheraner Gefängnis begangen wurden und werden füllen hunderte von Seiten. Wikipedia fasst sie so zusammen:

„Das Gefängnis darf von außen und innen nicht fotografiert werden; Aufnahmen sind daher selten. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde wegen Aufnahmen vor diesem Gefängnis zu Tode gefoltert. Marina Nemat saß über zwei Jahre im Evin-Gefängnis. Sie beschreibt ihre Erlebnisse in einer Biographie, die seit Juli 2007 auch auf Deutsch vorliegt. Von ihren Zellengenossinnen im Trakt 246 soll keine die Haftzeit überlebt haben. Während der Haftzeit von Nemat war nach ihren Angaben der Trakt, der in Schah-Zeiten mit 50 Personen belegt war, mit 650 Frauen belegt.

Für seine Einzelzellen in der Größe 1 x 2 m berüchtigt ist der Trakt 209, der dem Geheimdienst untersteht und politischen Gefangenen vorbehalten ist. Folter und sexueller Missbrauch (u. a. harte Gegenstände in das Rektum oder in die Vagina zu schieben), um die Gefangenen zu Geständnissen zu zwingen, sind im Evin-Gefängnis eine gängige Praxis. ‚Gefangene wurden monatelang in kleine Särge mit den Maßen 50 x 80 x 140 cm gesteckt. 1984 waren 30 Gefangene in solchen Särgen. Manche wurden verrückt‘, so Abbas Amirentezam, stellvertretender Premierminister unter Mehdi Bāzargān, 27 Jahre im Evin-Gefängnis inhaftiert.

Roxana Saberi beschreibt darüber hinaus die ‚Weiße Folter‘, eine Kombination aus Manipulation, Einschüchterung, Isolation […], die zu falschen Geständnissen oder Verleumdung von Freunden und Kollegen führt.“

So ist es keineswegs selbstverständlich, dass nun das Regime die Tore dieses berüchtigten Gefängnisses für eine „Guided Tour“ ausländischen Diplomaten öffnet, um dort eine kleine Propagandashow abzuziehen:

„Die iranische Justiz hat Dutzende ausländische Botschafter, die in Teheran residieren, auf einer Tour durch das Evin-Gefängnis geführt, um Vorwürfe gegen iranische Gefängnisse als falsch und politisch motiviert zurückzuweisen.“

Denn nur darum ging es, keineswegs wollte das Regime etwa demonstrieren, dass es nach internationaler Kritik die Haftbedingungen nun geändert habe:

„Die Tour zielte darauf ab, den ausländischen Botschaftern zu zeigen, dass von bestimmten Ländern gezeichnete Image iranischer Gefängnisse falsch und nicht zutreffend ist. Der Iran will, dass die ausländischen Vertreter das Gefängnis persönlich besuchen und selbst ein faires Urteil darüber fällen, wie die Islamische Republik sich gegenüber ihren Gefangenen verhält.

Während der Tour wurden die Botschafter über die kulturellen Aktivitäten im Evin-Gefängnis sowie über die berufsausbildenden Kurse informiert, die Gefangene besuchen können, darunter Haareschneiden, Auto-Reparatur, Computerkurse, Nähen, Zimmermannshandwerk und Pilz-Zucht.“

Alle Anschuldigungen also „Fake News“ von interessierter Seite? Bislang hat keine iranische Menschenrechtsorganisation berichtet, dass sich die Lage im Evin-Gefängnis irgendwie verbessert habe. In einem im Mai 2017 aus ihrer Zelle geschmuggelten Brief von Maryam Akbari Monfared etwa schrieb diese politische Gefangene:

„Ich bin seit acht Jahren im Gefängnis der Mullahs und habe an jedem einzelnen Tag beobachtet, wie Frauen gefoltert werden. Nachdem ich das gesehen habe, sage ich mit aller Kraft, dass dieses fundamentalistische Regime nicht reformiert werden kann.“

Und das soll sich über Nacht geändert haben? In der Islamischen Republik Iran? Eher spricht der Besichtigungstrip dafür, dass für die ausländischen Besucher zynisch ein potemkinsches Dorf errichtet wurde. Kaum verlässt die Delegation den Ort, tritt wieder der nur allzu bekannte, brutale Alltag ein.

Und wie sollen die Botschafter, die diesem Spektakel beigewohnt haben, nun reagieren? Erklären, dass es in Evin ja doch ganz zivilisiert zugeht, damit der nächste Bericht über Folter und Vergewaltigungen von Gefangenen wie „Fake News“ erscheint und umgehend mit Verweis auf die Besichtigung vom Regime denunziert werden kann? Oder sollen sie mit abwägender Miene von gewissen Fortschritten sprechen, die sie gesehen hätten?

Es stimmt, man nimmt in Teheran Kritik an Menschenrechtsverletzungen sehr wohl wahr, man weiß ihr allerdings auch geschickt zu begegnen.

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