Mena-Exklusiv

Saudi Arabien und die Emirate: Im Jemen hört die Freundschaft auf

 

Von Oliver M. Piecha

Luftschlag im Jemen (Quelle: Almigdad Mojalli/VOA, Public Domain)

Die jüngste Meldung, die aus dem so unübersichtlichen wie wenig beachteten Krieg im Jemen in die internationale Presse drang, war bezeichnend für die Perspektivlosigkeit dieses Konfliktes: Wieder einmal hatte die saudische Luftwaffe ein vorgeblich militärisches Ziel im Nordjemen bombardiert, und wieder einmal war die offene Frage, was genau eigentlich getroffen worden war, und wieviel Zivilisten im Zweifel getötet worden waren.

Während die Saudis behaupteten, ein Raketenlager der aufständischen Houthis getroffen zu haben, sprachen diese davon, der Luftschlag hätte ein Gefängnis getroffen und über 100 Insassen getötet. Angaben des Roten Kreuzes sprechen tatsächlich eher für diese Version.

Das ist die eine Seite dieses Konfliktes; die saudische Luftwaffe bombardiert nun schon seit Jahren ohne erkennbare Folgen das von den Houthis kontrollierte Gebiet, während die Frontlinien vergleichsweise statisch bleiben. Zwar haben die Truppen der international anerkannten jemenitischen Regierung unter Abed Rabbo Mansur Hadi, die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten finanziert und angeführt werden, im letzten Jahr die Houthis  aus weiten Teilen der nordjemenitischen Küste vertrieben und sind bis zur zentralen Hafenstadt Hodeidah gekommen, doch ein Vorstoß in Richtung der Hauptstadt Sanaa, oder gar in das Kerngebiet der Houthibewegung scheint völlig illusorisch.

Militärisches Patt

Militärisch ist der Konflikt nicht zu lösen, obwohl Saudi-Arabien und die Emirate Zugang zu Hightechwaffen aus dem Westen haben, und mit ihrem Geld sudanesisches Militär im Jemen kämpfen lassen, während die Houthis bei schwierigen Versorgungswegen nur auf Unterstützung aus dem Iran bauen können.

Doch trotz aller Ressourcen, die die Golfmonarchien für diesen Krieg einsetzen können, hat sich seit ihrem offiziellen Eingreifen 2015 die Lage für die Houthis militärisch nicht dramatisch verschlechtert. Mittlerweile scheint fast das Gegenteil der Fall, denn auf dem Gebiet der Raketen und Drohnentechnik haben sie ungeahnte Fortschritte gemacht. Spektakuläre Angriffe hunderte von Kilometern jenseits der jemenitischen Grenze haben saudische Flughäfen und Ölförderanlagen getroffen. Nun haben die Houthis wohl auch eine Drohne des US-Militärs abgeschossen.

Zwar pinseln die Houthis auf ihr modernes Kriegsgerät demonstrativ „Made in Yemen“ und geben den Modellen eigenen Namen, aber man kann unschwer die iranischen Modelle erkennen. Wenn es darum gegangen sein sollte, die Houthis zu besiegen, den Iran zurückzuschlagen und den Jemen gänzlich in den eigenen Machtbereich einzuverleiben, dann ist die Intervention im Jemen, vom saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman als Prestigeprojekt zu Beginn seiner Machtübernahme begonnen, rundum gescheitert.

Übrig bleibt ein nachhaltig zerrüttetes Land, das nach Ansicht der UN den mittlerweile größten humanitären Katastrophenfall der Welt darstellt. Allerdings ist das ein perfektes Terrain, um Klientelpolitik zu betreiben, und dauerhaft zu verhindern, dass sich im Nachbarstaat etwas Neues regt, denn dort gibt es im Vergleich der arabischen Halbinsel nicht nur recht viele Bewohner, ihre Proteste im Arabischen Frühling haben schließlich auch zum Sturz des ehemaligen Dauerpräsidenten Ali Abdulla Salih geführt.

Saudi Arabien hat seit den Tagen der Revolution und des Bürgerkrieges im Nordjemen in den sechziger Jahren immer eine potentiell destabilisierende Rolle in seinem Nachbarland gespielt. So gesehen mag ein zerfallender Jemen im niedrigschwelligen Dauerkrieg für Saudi Arabiens Herrscher nicht die schlechteste Option sein – wenn da nur nicht diese Houthis mit ihren Raketen und Drohnen wären.

Paradoxe Situation

Während die eigentliche Frontlinie zwischen den vom Iran unterstützten Houthis und der international anerkannten Regierung unter Patronage der Emiratis und Saudis also eher bewegungslos bleibt, ist im Lager der offiziellen jemenitischen Regierung – deren Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi praktischerweise gleich in Saudi Arabien residiert – einiges in Bewegung geraten.

Vielmehr: Das Anti-Houthi-Lager ist auseinandergebrochen. Eine große Sollbruchstelle gab es dort von vornherein, nämlich in der Zwangsgemeinschaft zwischen den Hadi-Leuten, die aus dem Norden stammen und südjemenitischen Separatisten, die für eine erneute staatliche Unabhängigkeit des 1990 mit dem Norden „wiedervereinigten“ Südjemens eintreten. Letztere werden von den Emiraten unterstützt, während die Regierung zu engeren Klientel der Saudis gehört.

Als Anfang August eine Rakete der Houthis während einer Militärparade im südjemenitischen Aden einschlug und einen der Generäle der Separatisten tötete, machte das Southern Transitional Council umgehend die eigentlich mit ihnen verbündeten Regierungstruppen für die Weitergabe der Koordinaten verantwortlich. Nach dem Begräbnis des Kommandeurs brachen Kämpfe in Aden aus, der Metropole des Südens, einem alten britischen Kolonialstützpunkt, und führten zu Vertreibung der Regierungstruppen.

Flaggen des Südjemen (Quelle: AlMahra, CC BY-SA 4.0)

Es folgte eine Massendemonstration mit den alten Fahnen des Südens und der Forderung nach Unabhängigkeit. Ein weiterer Vorstoß der Separatisten in Stammesgebiet, das unter Kontrolle der Saudis steht, scheiterte danach jedoch ebenso, wie der Versuch der Rückeroberung Adens durch die Regierungstruppen, den offensichtlich nicht zuletzt das Eingreifen von Kampfflugzeugen der Emirate verhinderte. Dies alles wohl gemerkt, während es einen gemeinsamen militärischen „Operation Room“ der Saudis und Emiratis gibt, in denen sie ihre Einsätze im Jemen koordinieren.

Die Situation ist selbst angesichts der gerne etwas verworrenen nahöstlichen Verhältnisse schon paradox: Die beiden engen Verbündeten Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate verhandeln gerade miteinander, weil ihre jeweiligen Verbündeten statt gemeinsam gegen die Houthis zu kämpfen, aufeinander schießen. Das hat zu einer Art Patt geführt, während Saudis und Emiratis betonen, wie wunderbar sie doch zusammenstehen. Im Internet beschimpfen sich aber Propagandisten der beiden Länder untereinander, was gerade zu einer Warnung des Herrschers von Abu Dhabi geführt hat, die Einwohner der Emirate sollten sich nicht kommentierend in die Außenpolitik einmischen.

Niederlage der Golfmonarchien, Erfolg des Iran

Gleichzeitig ist aber nicht so ganz klar, ob die verbalen Schlagabtäusche per Twitter nicht eigentlich inszeniert und gewünscht sind. Parallel dazu tauchen nun auch Gerüchte über die Möglichkeit eines Ausgleichs zwischen Saudi-Arabien und Katar auf, dessen Isolierung und Disziplinierung ebenfalls als völlig gescheitertes Prestigeobjekt des saudischen Kronprinzen gelten kann. Zu den Luftangriffen der Emiratis auf die von den Saudis unterstützten Regierungstruppen schwiegen wiederum die Saudis beharrlich. Was zu Spekulationen führt, dass es zwischen Saudis und Emiratis gerade vor allen darum geht, die gegenseitigen Claims im Jemen angesichts von möglicherweise anstehenden Verhandlungen abzustecken.

Die hilflose jemenitische Regierung kann in ihrer 100-prozentigen Abhängigkeit von Saudi-Arabien sowieso nichts Eigenständiges unternehmen und beklagt den bitteren „Verrat“ der Emirate, was aber niemanden wirklich interessieren dürfte, ist es doch mit der internen Legitimation der Hadi-Regierung letztlich schlecht bestellt. Worauf die Houthis nach Ausbruch der Kämpfe im Süden auch zufrieden hinwiesen.

Die Situation ist derzeit sehr unübersichtlich. Klar scheint nur eins, die Perspektivlosigkeit des Kriegs im Jemen ist auch für die Golfmonarchien offensichtlich. Die Kosten steigen, ein durchschlagender Erfolg ist nicht zu erwarten, und der Iran hat in diesem Konflikt bisher gewonnen. Und das auch noch ohne sich zu exponieren, während die internationalen Kosten des Konfliktes für die Saudis zumal in Form von Initiativen in Großbritannien und den USA die Waffenlieferungen zu stoppen, durchaus bedrohlich erscheinen.

Die Erfolglosigkeit der Golfmonarchien bei ihrer Intervention im Jemen reiht sich nahtlos an ihre Niederlage in Syrien an, dem Großkonflikt in der Region, aus dem sie sich weitgehend zurückgezogen haben, während der Iran hier das Feld beherrscht. Die Niederlagenserie hat nun offenbar die unterschiedlichen Interessen im Lager der Golfmonarchien offengelegt. Für die Houthis und den Iran ist das eine gute Nachricht. Für die Mehrzahl der Jemeniten ist es vermutlich ziemlich egal, denn dass die saudischen Luftangriffe demnächst aufhören werden ist ebenso unwahrscheinlich wie eine imaginäre südjemenitische Unabhängigkeit oder eine Abrüstung des iranischen Raketenarsenals der Houthis. Und Mangelernährung, Seuchen und kaputte Infrastruktur bleiben ihnen damit sowieso erhalten.

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