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Sadaf Khadem – eine weitere Kämpferin für die Frauen im Iran

Von Lisa Vavra

In meinem Land gibt es viele Frauen, die boxen. Dieser Kampf ist auch für sie.”

Iran 1979, das Ende des Schah-Regimes, die Islamische Revolution und der Beginn einer neuen Ära im Iran. Ayatollah Khomeini kommt an die Macht und verändert das Land von Grund auf. Frauen verlieren ihre Rechte auf Bewegungs-, Kleidungs- und Meinungsfreiheit. Einige Berufe, wie zum Beispiel das Amt als Richterin, dürfen nicht mehr von Frauen ausgeübt werden. Mädchen müssen sich bereits ab 9 Jahren verschleiern, um den männlichen Blick nicht auf sich zu ziehen. Die Schuldzusprechung bei sexueller Belästigung liegt beim Opfer – der Frau. Sie hätte sich nicht ordnungsgemäß gekleidet, ihre Haare nicht richtig bedeckt oder wäre ohne die Begleitung ihres Mannes auf die Straße gegangen, wird seitens der Regierung argumentiert. Es kommt zu einer Schuldumkehr, und der Mann wird zur Marionette seiner Lust erklärt: Es wäre ihm nicht möglich, sexuelle Lust unter Rationalität zu stellen. Dies war und ist die gängige Auslegung des Rechts, die im islamischen Staat Iran herrschte und herrscht.

Heute, 40 Jahre nach der Islamischen Revolution hat sich diesbezüglich nichts geändert. Sexismus wird vom Regime legitimiert und gefördert. Auch wenn der Großteil der Frauen im Iran sich gegen den Kopftuchzwang positioniert, und auch wenn viele Frauen ihre Freiheit riskieren, indem sie in der Öffentlichkeit ihr Kopftuch abnehmen, wird sich daran wohl nicht so bald etwas ändern. Schließlich wird der dort amtierende Präsident Hassan Rohani immer noch von europäischer Seite als moderates Staatsoberhaupt deklariert und europäische Politikerinnen unterwerfen sich bei Staatsbesuchen „aus Respekt“ dem Kopftuchzwang.

Frankreich 2019, Sadaf Khadem wird als erste iranische Boxerin zur Siegerin gekürt. Vor zwei Jahren wurde sie vom iranisch-französischen Boxweltmeister Mahyar Monshipour in Teheran entdeckt, der sie seitdem in Frankreich trainiert. Ihr Plan war, nach ihrem ersten Wettkampf zurück in ihr Heimatland zu gehen. Sie möchte den Weg für andere iranische Frauen bereiten, um sie zu ermutigen, selbst diesen Sport auszuüben. So kämpft sie nicht nur des Wettkampfes wegen, sondern auch für alle anderen vom islamischen Regime unterdrückten Frauen. Das Boxen ist im Iran zwar für Frauen nicht vollkommen verboten, solange sie regimegerechte Kleidung tragen und nur in geschlossenen Hallen trainieren, wo sie von Männern nicht gesehen werden, dürfen sie den Sport ausüben. Außerdem ist ihnen verboten, von einem Mann trainiert zu werden, ja sogar an Sportveranstaltungen, bei denen Männer partizipieren, dürfen sie nicht als Zusehende teilnehmen.

„Ich boxte in einem legal anerkannten Kampf in Frankreich. Aber da ich Shorts und ein T-Shirt trug, was in den Augen der ganzen Welt völlig normal ist, habe ich die Regeln meines Landes durcheinander gebracht”, schilderte Khadem der französischen Zeitung L’Equipe.

Sadaf Khadem und ihr Trainer, dem vom iranischen Regime Komplizenschaft vorgeworfen wird, werden nicht wie geplant in den Iran zurückkehren. Sie haben ihren Flug storniert und werden erstmals in Frankreich bleiben – im Iran müssen sie fürchten, inhaftiert zu werden. Schließlich haben sie gegen die religiöse Doktrin des Staates verstoßen. Auch wenn die Boxerin in Frankreich als Siegerin gefeiert wird, wird sie im Iran zur Staatsfeindin deklariert.

Wie die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh oder die im Exil lebende Aktivistin Masih Alinejad, wird auch die 24-jährige Sadaf Khadem zu einer weiteren Ikone für die Frauenrechte im Iran werden. Auch sie wird weitere Frauen dazu ermutigen, gegen die menschenunwürdigen Bedingungen zu protestieren. Doch ihr Sieg im Boxring wird noch nicht zu einem Sieg der Frauen im Iran werden.

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