Mena-Exklusiv

Pallywood in Birmingham

Von Stefan Frank

Das Foto einer jungen hippen Frau, Typ MTV-Moderatorin, die am Rande einer Demonstration der rechtsradikalen English Defence League (EDL) lächelnd auf einen kleineren, proletarisch wirkenden Hooligan mit bitterer Miene herabblickt, ist diese Woche durch die sozialen Medien in kürzester Zeit weltberühmt geworden. Daraufhin berichteten britische, arabische und einige deutsche Zeitungen darüber. Und erfanden offenbar hinzu, das Foto zeige, wie die Frau eine Muslimin mit Kopftuch aus der Umzingelung durch 25 Hooligans befreie. Kurz darauf druckte der Guardian ein Foto der frischgebackenen Superheldin, das sie in einem „Free-Gaza-Free-Palestine“-Shirt zeigt. Klingt das irgendwie verdächtig? Können Journalisten irren – oder gar erfundene Nachrichten verbreiten? Hier sind die „Fakten“ aus der Taz:

„Manche Menschen fliehen aus der Stadt, wenn hundert rechtsextreme Idioten vorbeikommen, um Krach zu machen. Das wäre Saffiyah Khan aber zu einfach gewesen. Am Sonntag hat die English Defense League (EDL), eine Gruppe rechter Hooligans in Großbritannien, in Khans Heimatstadt Birmingham demonstriert. Also ging sie mit ein paar Freunden hin, um sich um die Leute zu kümmern, die von EDL-Leuten angegriffen werden. Sie wurde Zeugin, wie etwa 25 Rechte eine Frau mit Kopftuch einkreisten. Khan wartete auf ein Einschreiten der Polizei. Als nichts passierte, trat sie selbst den EDL-Leuten entgegen. Und lächelte. Das Foto der jungen Frau, die sich einem wild gestikulierenden EDL-Mann entgegenstellt, geht jetzt um die Welt. Mit einer Hand in der Hosentasche guckt sie ihn keck an. ‚Er hielt mir einen Finger ins Gesicht. Er war sehr aggressiv‘, sagte Khan der britischen BBC. Ein Polizist hielt den Mann zurück. ‚Ich hätte nicht gewaltsam reagiert‘, sagte Khan. Das Bild machte auf Twitter schnell die Runde, sehr zur Überraschung der jungen Frau. Der britische Autor und Moderator Piers Morgan bezeichnete es als ‚Foto der Woche‘. Viele Nutzer*innen bewunderten die Gelassenheit Khans.“

Der Mann von der EDL verbreitete derweil seine Darstellung, wonach Saffiyah Khan eine Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf der Westminster Bridge gestört habe. Wer die Filmaufnahmen von der Demo gesehen hat, gewinnt den Eindruck, dass beide Seiten ziemlich frei erfinden – am allermeisten aber Nachrichtenorgane wie die Taz, der Kurier, der Guardian oder Alarabiya, in denen das Foto verklärt wird, indem eine Story darum herumgesponnen wird, die sich in Wahrheit so niemals ereignet haben kann.

Zunächst einmal kann man mit Sicherheit feststellen, dass es zum fraglichen Zeitpunkt keine Schweigeminute gab, sondern fortwährend Lautsprecherdurchsagen der EDL-Leute, dazu wildes Geschrei, das vom Lager der EDL, vor allem aber von den Gegendemonstranten ausging. Die Gegendemonstranten rufen: „Nazis runter von den Straßen“, was die Hooligans rufen, ist größtenteils unverständlich, streckenweise heißt es: „Linke runter von den Straßen“. Jedenfalls ist die Behauptung, die Gegendemonstranten hätten eine Schweigeminute gestört, offensichtlich unwahr. Das gilt aber auch für die Geschichte, wie Saffiyah Khan eine „Frau mit Kopftuch“ vor 25 Hooligans gerettet habe.

Während der gesamten Veranstaltung hat die Polizei, wie im Film deutlich zu sehen ist, EDL und Gegendemonstranten säuberlich voneinander getrennt. Beide Gruppierungen kamen einander zwar recht nah – anderenfalls hätte sich die Szene, die auf dem Foto zu sehen ist, ja nicht abspielen können –, doch stets verhinderten Polizisten ein körperliches Aufeinandertreffen, es gab keine sichtbare Gefahr, und auch keine Berichte über Verletzte. Saffiyah Khan hat ihre vermeintliche Heldenrolle in einer sehr sicheren Umgebung gespielt. Was sich zutrug, kann man mithilfe des Films so rekonstruieren: Die „Frau mit Kopftuch“ – Saira Zafar ist ihr Name – gehörte zu der kleinen Schar von Gegendemonstranten, die permanent von etlichen Polizisten bewacht und abgeschirmt wurde; ab Minute 27:30 schwenkt der Kameramann zu ihr und der Szene um sie herum, weil eine Gruppe von Hooligans sie anschreit: „Muslime runter von den Straßen“. Das ist offenbar die Szene, die Zafar später im Interview schildern wird. Doch auch hier trennen Polizisten und auch Ordner in orangefarbenen Westen Zafar und die anderen Gegendemonstranten auf der linken Seite von den Hooligans auf der anderen. Saffiyah Khan ist überhaupt nicht in der Nähe des Geschehens.

Ab Minute 30:00 ist Zafar wiederum – begleitet von Polizisten – zu sehen, die Lage hat sich inzwischen wieder beruhigt. Bei Minute 30:30 fängt Saffiyah Khan zusammen mit einem Teil der Gegendemonstranten an, „Nazis runter von den Straßen“ zu brüllen. Daraufhin bewegen sich die Hooligans erneut  auf die Gegendemonstranten zu, werden aber von der Polizei gestoppt. Es gibt ein Handgemenge zwischen Polizisten und Hooligans, das aber nach kurzer Zeit zu Ende ist. Zafar beobachtet das Geschehen von einem sicheren Ort aus; bei Minute 30:40 ist sie sehr gut im Vordergrund sichtbar. Ein Mann mit Irokesenschnitt hat die Hand auf ihrer Schulter. Dann sind sowohl Saffiyah Khan als auch Saira Zafar für etwa zwei Minuten nicht im Bild zu sehen; wenn Khan Zafar beschützt hätte, müsste es in diesem Zeitraum gewesen sein. Wo wären aber die Polizisten, die bis dahin nicht von Zafars Seite gewichen waren, plötzlich gewesen? Dass es an diesem Nachmittag eine Auseinandersetzung gegeben haben soll, bei der die Polizei nicht sofort eingeschritten wäre, um sie zu beenden, ist nicht plausibel, zumal das Foto selbst ja eine andere Sprache spricht: Khan steht direkt neben einem Polizisten, der ihr zugewandt ist.

Die Taz schreibt, Zafar sei von 25 Hooligans „eingekreist“ worden. In der englischsprachigen Presse steht das auch so. Wie aber konnte Khan den Belagerungsring der Männer durchbrechen? Und warum ist auf dem Foto nichts von dieser Situation zu erahnen? Weder sieht man eine größere Gruppe von Hooligans, noch eine Frau mit Kopftuch. Stattdessen unterhält sich Khan unter dem wachsamen Auge des Gesetzes mit einem (!) Hooligan. „Wild gestikulieren“ tut dieser auch nicht – was zeigt, dass die Taz selbst das Foto, dem sie den Artikel gewidmet hat, nicht einmal korrekt beschreibt.

Im Fotohintergrund sieht man übrigens den Kameramann, der das Video gedreht hat. Ab Minute 33:30 kann man sehen, wie sich Khan und der Hooligan unterhalten. Dabei entstand offenbar das Foto. Man sieht im Film sowohl den Polizisten, als auch den Ordner mit der Signalweste, der eine Bewegung mit der linken Hand macht, wie es auf dem Foto zu sehen ist.

Im Film wirkt es wie eine relativ ruhig geführte Unterhaltung, keiner von beiden scheint aggressiv, und wenn irgendjemand „eingekreist“ ist, dann höchstens von Polizisten, die die Lage zu diesem Zeitpunkt völlig unter Kontrolle haben. Was der Film auch zeigt: Die „Frau mit Kopftuch“ war, als das Foto gemacht wurde, nicht einmal in der Nähe, geschweige, dass ihr Khans Aufmerksamkeit gegolten oder diese jene gar aus einer bedrohlichen Situation gerettet hätte. Bei Minute 34:10 ist zu sehen, wie eine Polizistin und ein Polizist das Zwiegespräch zwischen Khan und dem Hooligan beenden und Khan etwa zehn Meter zurück drängen. Immer noch nirgendwo im Bild: die „Frau mit Kopftuch“.

Was ist überhaupt wahr an der Geschichte? Einzelne Teile sicherlich: das Gespräch zwischen Khan und dem Hooligan hat stattgefunden. Zafar wurde mindestens einmal, vielleicht auch mehrmals aus einer Entfernung von einigen Metern verbal aggressiv von den Hooligans angegangen. Dass Khan sie aus einem Ring von 25 Schlägern befreit haben soll, ist hingegen höchstwahrscheinlich eine moderne Drachentöterlegende. Und hundertprozentig sicher wissen wir dank des Filmmaterials, dass das Foto entgegen all den anderslautenden Darstellungen in der Presse nicht zeigt, wie Khan auf irgendeine Art zugunsten Zafars interveniert.

Im Guardian-Interview wird Zafar übrigens mit den Worten zitiert: „In dem Moment [als die Hooligans sie anschrien] war ich froh über die Unterstützung, aber ich konnte nicht sehen, wer um mich herum war.“ (Hervorh. d. Autors.) Sie weiß also gar nicht, ob Khan in der Nähe war. Hier fügt Khan hinzu: „Ja, es war komplettes Chaos“ – so, als wollte sie eine Erklärung dafür beibringen, warum sich Zafar nicht an sie erinnert. Dann sagt Khan etwas Seltsames: „Kannst Du für mich bürgen (!), dass sie 360 Grad um dich herumstanden? Sie haben dich eingekesselt.“ Statt dies zu bezeugen, sagt Zafar: „Ja, es waren sehr viele“ – was einen ganz anderen Sinn hat und weitaus weniger dramatisch klingt.

Die Geschichte ist also zum großen Teil Fake News. In einem Filminterview mit Khan und Zafar, das auf der Website des Guardian ebenfalls zu finden ist, wird über den Augenblick jener dramatischen Rettung gar nicht konkret gesprochen.  Interessanterweise sagt Khan zu Beginn des Interviews, sie und Zafar hätten sich „vor vier oder fünf Minuten“ „zum ersten Mal getroffen“ – um sich dann schnell zu verbessern: „zum ersten Mal förmlich“. Hat sie sich da verplaudert? Zafar schildert dann ein allgemeines Gefühl der Bedrohung, das sie empfunden habe, als die Hooligans sie beschimpften und bedankt sich für die von Khan bewiesene „Solidarität“ – womit aber auch deren bloße Teilnahme an der Gegendemonstration gemeint sein könnte.

Was man dank des „Free-Gaza“-T-Shirts, das Khan während des Interviews trug, nun aber weiß: Sie unterstützt die Hamas. Ein Geruch von Pallywood hängt in der Luft. Israelhasser sind es gewohnt, zu lügen, um ihre politischen Ziele zu erreichen, und Journalisten helfen gern dabei mit, indem sie beide Augen zudrücken und selbst die offensichtlichsten Ungereimtheiten und Unwahrheiten nicht ansprechen. Insofern ist die Geschichte ein Lehrbeispiel. Das gilt auch für die Einstellung, die all jene zum Ausdruck bringen, die Saffiyah Khan verherrlichen. In Wahrheit ist sie nicht besser als die Hooligans, mit denen sie um Aufmerksamkeit konkurriert. Sie ist eine Fake-News-Heldin mit einer Hassbotschaft.

Ein Gedanke zu „Pallywood in Birmingham

  1. nussknacker56

    Saffiyah Khan ist Sympathisantin einer faschistischen Organisation (nämlich der Hamas) und plädiert mit der Parole auf ihrem T-Shirt faktisch für einen Völkermord. Das alleine zählt – und nicht das behauptete edle Engagement gegen rechte Hooligans. Mit denen hat sie mehr gemein, als sie selbst, und geschweige denn ihre Bewunderer, es sich vorstellen können.

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