Mena-Exklusiv

Newsweek: Geschichtsklitterung für Anfänger

Von Florian Markl

Das Wochenmagazin Newsweek widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe der Frage, ob die Nahost-Politik von US-Präsident Donald Trump die Khashoggi-Affäre überstehen werde können. Eine Übersicht über den „Nahen Osten im Wandel“ soll die dazu notwendigen Hintergrundinformationen über verschiedene Staaten zur Verfügung stellen. So auch über Israel, über das zu lesen ist: „Die Gründung Israels 1948 brachte es sofort in Konflikt mit arabischen Staaten in der Region, die über die massenhafte Vertreibung der Palästinenser verärgert waren“. Diese Beschreibung passt zwar bestens zu einer weit verbreiteten Sichtweise, die Hass auf den jüdischen Staat stets nur als Reaktion auf dessen (schuldhaftes) Verhalten betrachtet, stellt aber eine Geschichtsklitterung dar, die eines Qualitätsmediums unwürdig ist.

Denn die arabische Ablehnung Israels war nicht eine Folge des palästinensischen Flüchtlingsproblems, sondern existierte bereits, bevor der jüdische Staat am 15. Mai 1948 ins Leben gerufen wurde – und somit schon in einer Zeit, in der es überhaupt noch keine arabischen Flüchtlinge gab. Werfen wir einen Blick auf einige historischen Fakten.


Eine „feurige und kriegerische Rede, voll von blindem Hass“

An ihrer grundsätzlichen Ablehnung jeglicher Art von jüdischer Souveränität machten zahlreiche Vertreter der arabischen Staaten sowie der arabischen Nationalbewegung im Mandatsgebiet Palästina wahrlich kein Geheimnis, genauso wenig übrigens wie aus dem Antisemitismus, der dieser Ablehnung oftmals zugrunde lag. Das bekamen unter anderem die Mitglieder der zahlreichen Kommissionen zu hören, die auf der Suche nach einer politischen Lösung für das Palästina-Problem die Region bereisten.

Das Anglo-Armerikanische-Untersuchungskomitee, das im Frühjahr 1946 zahlreiche Anhörungen durchführte, bekam von einem Vertreter Syriens etwa erklärt, die eigentliche Aufgabe des Komitees müsse in der Untersuchung der Frage bestehen, warum die Juden weltweit so wenig gemocht würden – und gab die Antwort gleich selbst: Die Juden würden gehasst, weil sie der rassistischen Überzeugung anhingen, das auserwählte Volk zu sein. Nur ein Jahr nach der Befreiung von Auschwitz bekam das Komitee somit erklärt, warum die Juden an ihrer Vernichtung selbst schuld seien.[1]

Viele Vertreter der arabischen Seite waren der Ansicht, ein besonders kompromissloses und feindseliges Auftreten werde die britische Mandatsmacht und die sogenannte internationale Gemeinschaft davon abhalten, den Juden Zugeständnisse zu machen. Nach den Anhörungen des saudischen Prinzen Faisal, der sich strikt gegen jede weitere jüdische Einwanderung nach Palästina aussprach, und einem weiteren Vertreter Syriens, der erklärt hatte, ein jüdischer Staat würde eine „imperialistische Macht“ darstellen, die „die Sicherheit der gesamten arabischen Welt gefährden würde“, hielt James G. McDonald, der als ehemaliger Flüchtlings-Hochkommissar des Völkerbundes von den Amerikanern ins Untersuchungskomitee entsandt worden war, in seinem Tagebuch fest. „Die Araber haben einen so starken Eindruck von Unnachgiebigkeit hinterlassen, dass es unmöglich scheint, sie für irgendeine Art von Kompromiss zu gewinnen.“[2]

Ahmad Shukeiri, der später der erste Vorsitzende der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ (PLO) werden sollte, hielt vor dem Untersuchungskomitee eine so „feurige und kriegerische Rede, voll von offenen und versteckten Drohungen“ und „blindem Hass“, dass er den Komitee-Mitgliedern klar vor Augen führte: Wie immer eine zukünftige Lösung des Palästina-Problems auch aussehen mochte, es schien unvorstellbar, die jüdische Minderheit einer dermaßen feindseligen arabischen Mehrheit auszuliefern. Die Ergebenheitsadressen der Vertreter der palästinensischen Araber an den glühenden Antisemiten und Nazi-Kollaborateur Amin al-Husseini taten das ihre, um diesen Eindruck weiter zu untermauern. „Es war das Jahr 1946“, schrieb David Horowitz von der Jewish Agency im Rückblick. „Die Erinnerungen an Hitlers Gräueltaten waren noch lebhaft (…). Jeder konnte nur Abscheu empfinden, wenn die Araber erklärten: ‚Der Mufti ist unser einziger Führer, es gibt keinen anderen‘.“[3]


„Die Heimat des Bösen im Nahen Osten zerstören“

UNSCOP-Sitzung im YMCA in Jerusalem. Quelle: Wikimedia Commons.

Rund ein Jahr nach dem Anglo-Amerikanischen Untersuchungskomitee machte sich das „United Nations Special Committee on Palestine“ (UNSCOP) auf den Weg in den Nahen Osten, und machte ganz ähnliche Erfahrungen mit den Vertretern der arabischen Seite.

Ein Abgesandter des Libanon etwa redete nicht lange um den heißen Brei herum: „Meine Herren“, so verkündete er den Vertretern der Vereinten Nationen,

„die arabischen Staaten, die seit Tausenden von Jahren zusammen sind, frei von allem, das ihre Harmonie gestört hätte, werden nicht zulassen, dass ihnen eine Heimstätte aufgezwungen wird, die ihre engen Beziehungen bedroht. Sie werden sich deshalb verteidigen, indem sie das arabische Palästina verteidigen und den zionistischen Ambitionen ein Ende bereiten. So werden sie die Heimat des Bösen im Nahen Osten zerstören, dem Weltfrieden dienen und ihre Verbundenheit gegenüber den Prinzipien der Menschenrechte unter Beweis stellen.“[4]

Besonders abstoßend wirkte auf die UNSCOP-Mitglieder der regelrechte Wettbewerb zwischen den Vertretern der arabischen Staaten um eine möglichst feindselige Haltung. Der Schwede Paul Mohn bemerkte in seinen Erinnerungen, „es gibt nichts Extremeres, als alle Vertreter der arabischen Welt zusammen in einer Gruppe zu treffen (…), wenn jeder zeigen will, dass er extremer ist als der andere.“[5]

Die extremistische Sprache und völlige Kompromisslosigkeit vieler Vertreter der arabischen Seite verfehlten nicht, Eindruck zu hinterlassen – wenn auch anders, als von ihnen erhofft: „Die offensichtliche Schlussfolgerung“, resümierte erneut David Horowitz, „war das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollten. Den Mitgliedern des Komitees wurde erneut unter Beweis gestellt, wie verrückt es wäre, das Schicksal einer großen jüdischen Minderheit in die Hände der extremistischen und fanatischen Obrigkeiten zu legen, die von der [Arabischen] Liga repräsentiert wurden.“[6]


Ein angekündigter „Vernichtungskrieg“ und ein „Massaker“ wie das der Mongolen

Abdel Rahman Azzam, Generalsekretär der Arabischen Liga.

Während sich herauskristallisierte, dass die Vereinten Nationen eine Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorschlagen würden, setzten die arabischen Staaten weiterhin auf düstere Drohungen über das Blutbad, das folgen werde, sollte tatsächlich ein derartiger Beschluss gefasst werden. Die Haltung der arabischen Seite wurde von niemand geringerem als Abdel Rahman Azzam, dem Generalsekretär der Arabischen Liga, auf den Punkt gebracht, als er Gesprächspartnern der Jewish Agency erklärte:

„Die arabische Welt ist nicht in der Stimmung für Kompromisse. (…) Wir werden versuchen, Sie zu besiegen. Ich bin mir nicht sicher, dass uns das gelingen wird, aber wir werden es versuchen. Wir haben es geschafft, die Kreuzritter zu verjagen, aber wir haben Spanien und Persien verloren. Vielleicht werden wir Palästina verlieren. Aber es ist zu spät, um über friedliche Lösungen zu diskutieren.“[7]

Abdel Rahman Azzam sollte es auch sein, der mit einer berüchtigten Drohung in die Geschichtsbücher eingehen sollte: Die Gründung eines jüdischen Staates werde zu einem „Vernichtungskrieg und einem bedeutenden Massaker (führen), von dem man sprechen wird wie über die Massaker der Mongolen und die Kreuzzüge“.[8]


Ursache, nicht Folge

All diese antisemitischen Ausfälle und Drohungen wurden getätigt, bevor Israel existierte und bevor es ein palästinensisches Flüchtlingsproblem überhaupt gab. Wenn man schon eine Verbindung zwischen den Ereignissen herstellen will, so muss man angesichts der tatsächlichen historischen Entwicklung sagen: Der arabische Hass auf Israel und die darauf aufbauende Aggression der arabischen Staaten gegen den Staat der Juden standen am Beginn dieses Flüchtlingsproblems – und eben nicht als Ergebnis an dessen Ende, wie Newsweek es seiner Leserschaft weismachen will. Es mag im arabisch-israelischen Konflikt viele umstrittene Fragen geben, aber die nach der zeitlichen Abfolge der Ablehnung Israels und der Entstehung des Flüchtlingsproblems gehört nicht dazu: Hier liegen die Fakten klar auf dem Tisch.

Das ist nicht nur von historischem Interesse, denn der Unterschied betrifft auch den Weg zur Lösung des Konflikts. Verdreht man die Geschichte und führt die Ablehnung Israels auf dessen eigenes Handeln und auf Taten zurück, die der jüdische Staat gesetzt hat, so folgen daraus Forderungen nach einer Änderung des israelischen Verhaltens und nach politischer und wirtschaftlicher Druckausübung, um eine derartige Änderung zu veranlassen.

Was aber, wenn nicht dieses oder jenes israelische Handeln den Grund für den Konflikt darstellt und der Hass auf Israel gar nicht auf dessen Verhalten zurückzuführen ist, sondern auf dessen schiere Existenz? Was, wenn nicht die eine oder andere Grenzziehung im Detail umstritten ist, sondern aus arabischer Sicht das Kernproblem darin besteht, dass überhaupt ein jüdischer Staat besteht, der Grenzen ziehen und verteidigen kann? Tatsache ist, das mit Ausnahme von Ägypten und Jordanien alle arabischen Staaten bis heute die Anerkennung und das Existenzrecht Israels bestreiten. Jüngst hat der Außenminister des Oman gefordert, von dieser Position abzugehen und Israel wie jeden anderen Staat der Welt zu behandeln. Im Gegensatz dazu hat die PLO eben erst beschlossen, die im Zuge des Oslo-Friedensprozesses erfolgte Anerkennung Israels zu widerrufen; ob sie das wirklich tun wird, ist noch offen.

Newsweek und viele andere scheuen vor der Realität zurück und entwerfen lieber eine Version der Geschichte, in der Israel für den Konflikt mit dem Großteil der arabischen bzw. islamischen Welt verantwortlich gemacht wird. Es ist sowohl populär wie auch viel einfacher, Israel zu kritisieren, als seine Feinde dazu aufzufordern, endlich den Krieg gegen den jüdischen Staat offiziell zu beenden, die illusorische Forderung nach einem ‚Rückkehrrecht‘ für alle als ‚Flüchtlinge‘ bezeichneten Palästinenser fallen zu lassen und das Flüchtlingsproblem so zu lösen, wie derartige Probleme überall sonst auf der Welt auch gelöst werden: mit der Integration dieser Menschen in die Gesellschaften, in denen sie seit Jahrzehnten leben, falls sie nicht sogar dort geboren wurden.


(Dieser Beitrag beruht zum Teil auf Passagen aus dem Buch „Vereinte Nationen gegen Israel. Wie die UNO den jüdischen Staat delegitimiert“.)


Endnoten:

[1] Vgl. Goda, Norman J. W.: Anti-Zionism and Antisemitism in the Wake of the Holocaust. The Anglo-American Committee of Inquiry, 1946, in: Antisemitism Studies Vol. 1, No. 1, S. 82-115, hier S. 98.

[2] Zit. nach Radosh, Allis/Radosh, Ronald: A Safe Haven. Harry S. Truman and the Founding of Israel, New York 2009, S. 130.

[3] Horowitz, David: State in the Making, New York 1953, S. 68.Nachdem arabische Sprecher sich bei einer der Sitzungen in Jerusalem in Huldigungen al-Husseinis ergangen hatten, konfrontierte Komitee-Mitglied Richard Crossman sie mit einem Foto, auf dem der Mufti bei einer Visite der mit seiner Hilfe zusammengestellten bosnischen SS-Division zu sehen war.

[4] Zit. nach United Nations Special Committee on Palestine: Report to the, Volumne III, Annex A, Oral Evidence Presented at Public Meetings, Lake Success/New York 1947, S. 241.

[5] Zit. nach Morris, Benny: 1948. A History of the First Arab-Israeli War, New Haven/London 2008, S. 45.

[6] Horowitz: State in the Making, a.a.O., S. 179.

[7] Zit. nach ebd., S. 233.

[8] Zit. nach Barnett, David/Karsh, Efrain: Azzam’s Genocidal Threat, in: Middle East Quarterly, Fall 2011, http://www.meforum.org/3082/azzam-genocide-threat.

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