Mena-Exklusiv

Libyen: Zahlen des Grauens

Von Thomas von der Osten-Sacken

Alleine im Jahr 2017 sind neuesten Angaben zufolge 700.000 Flüchtlinge nach Libyen gekommen, um von dort weiter nach Europa zu gelangen. Wie viele von ihnen versklavt wurden, denn Sklaverei ist in diesem nordafrikanischen Land inzwischen wieder Alltag, ist unbekannt. Eine nigerianische Menschenrechtsorganisation geht davon aus, dass alleine 25.000 Menschen aus Nigeria entweder als Sex- oder Arbeitssklaven  verkauft wurden.

Über die Lebensbedingungen dieser Sklaven hat Amnesty International (AI) vor einigen Tagen einen schockierenden Bericht veröffentlicht. Darin wirft die Organisation der EU eine Mitschuld an der Lage in Libyen vor:

„‚Den europäischen Regierungen sind die Misshandlungen nicht nur in vollem Umfang bekannt gewesen. Indem sie die libyschen Behörden dabei unterstützen, die Überfahrten zu verhindern und die Menschen in Libyen festzuhalten, machen sie sich zu Komplizen dieser Misshandlungen‘, bestätigte Dalhuisen. ‚Indem sie die libyschen Behörden dabei unterstützen, Menschen in Libyen festzusetzen, ohne von ihnen zugleich zu fordern, dass sie etwas gegen die weitverbreiteten Misshandlungen der Flüchtlinge und Migranten unternehmen oder wenigstens anerkennen, dass die Flüchtlinge existieren‘, so Dalhuisen, ‚haben die europäischen Regierungen offenbart, wo ihre wahre Priorität liegt: Es geht um die Schließung der mittleren Mittelmeerroute. Das Interesse an dem dadurch verursachten Leiden fällt unterdessen reichlich knapp aus.‘“

Derweil stellt die UN fest:

„Sie bestätigten, es sei nun klar, dass die Sklaverei in Libyen eine ‚erschütternde Realität‘ darstelle. Die Versteigerungen erinnerten an ‚eines der dunkelsten Kapitel der Menschengeschichte, als Millionen Afrikaner verschleppt, versklavt, gehandelt und meistbietend versteigert wurden‘.“

Laut IOM sind dieses Jahr schon über 3000 Flüchtlinge bei dem Versuch ertrunken, das Mittelmeer zu überqueren. Da will Italien nun Abhilfe schaffen und die Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache intensivieren und bald aufgegriffene Flüchtlinge auf hoher See an die libyschen Kollegen übergeben. Über diese libysche Küstenwache schreibt Amnesty International:

„Flüchtlinge und Migranten, die die libysche Küstenwache abfängt, werden in Sammellager gebracht, wo sie ‚entsetzlichen Misshandlungen‘ ausgesetzt sind, so AI. Bis zu 20.000 Menschen befinden sich gegenwärtig in diesen überfüllten und unhygienischen Sammellagern. Migranten und Flüchtlinge, die von Amnesty International befragt wurden, berichteten von den Misshandlungen, denen sie selbst ausgesetzt waren oder die sie miterlebt hatten. Dazu gehören willkürliche Inhaftierungen, Folter, Zwangsarbeit, Erpressung und ungesetzliche Tötungen, für die die Behörden, die Menschenschmuggler, bewaffnete Gruppen und Milizen gleichermaßen verantwortlich sind.

Dutzende befragte Migranten und Flüchtlinge beschrieben den ‚niederschmetternden Kreislauf der Ausbeutung‘, dem sie durch das Zusammenspiel der Wächter, der Schmuggler und der libyschen Küstenwache nicht entrinnen können. AI zufolge werden sie von den Wächtern in den Sammellagern gefoltert, um Zahlungen zu erzwingen. ‚Wenn sie zahlen können, werden sie freigelassen. Zum Teil werden sich auch an Schmuggler weitergereicht, die in Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache ihre Ausreise aus Libyen ermöglichen. Vereinbarungen zwischen der libyschen Küstenwache und den Schmugglern schlagen sich in Markierungen an bestimmten Booten nieder, die in libyschen Gewässern freies Geleit haben und nicht abgefangen werden. Mitunter begleitet die libysche Küstenwache diese Boote auch, bis sie die internationalen Gewässer erreicht haben.‘“

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