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Libanon droht, syrische Flüchtlingszelte abzureißen

Von Stefan Frank

15.000 syrischen Kindern im Flüchtlingslager von Arsal im Nordosten Libanons droht ab nächster Woche Obdachlosigkeit, warnen Hilfsorganisationen. Die libanesischen Behörden verlangen den Abriss aller Zelte, bei deren Bau Zement verwendet wurde. Oft ist dies etwa ein mit Beton ausgegossener Fußboden.

Im Januar war das Flüchtlingslager Arsal auf traurige Weise bekannt geworden, als Zeitungen über die Verheerungen berichteten, die die Schneestürme Norma und Miriam dort angerichtet hatten. Unter der Last einer meterhohen Schneedecke waren viele Zelte damals eingebrochen, mehrere Bewohner kamen ums Leben. Doch nach dem Willen der libanesischen Behörden sollen dien Unterkünfte nicht stabiler werden – im Gegenteil: Nur noch mit Holzlatten und Plastikplanen errichtete Zelte mit eindeutig provisorischem Charakter sind fortan erlaubt; für den Abriss aller „semi-permanenten“ Behausungen hat die Armee am 20. Mai ein Ultimatum gesetzt, das am 10. Juni ausläuft. Rund 5.000 Behausungen sollen dann abgerissen werden.

Die Hilfsorganisationen Save the Children, World Vision und Terre des Hommes veröffentlichten am Dienstag eine gemeinsame Erklärung, in der sie vor den Folgen warnen. „Der geplante Abriss würde mehr als 5.000 syrische Familien betreffen und bis zu 15.000 Kindern obdachlos machen, was schwere Folgen für deren mentales und körperliche Wohlbefinden hätte“, schreiben die drei Organisationen, die vor Ort Nothilfe für Kinder leisten. Es gebe für die Familien bislang keine Ersatzunterkünfte.

„Unsere Teams treffen regelmäßig Kinder, die immer noch traumatisiert sind vom Verlust ihrer Häuser in Syrien. Sie sollten nicht mit ansehen müssen, wie ihre Wohnungen noch einmal zerstört werden und das Trauma wiedererleben“, sagt Allison Zelkowitz, Länderdirektorin von Save the Children im Libanon. Die Hilfsorganisationen warnen zudem davor, dass der Abriss der Unterkünfte das Wasser- und Sanitärsystem zerstören könne, es drohten Krankheiten und Seuchen.

Hans Bederski, Länderdirektor von World Vision, sagt: „Wir machen uns Sorgen, wie diese Kinder und ihre Familien, insbesondere diejenigen, die von Frauen geführt werden, die extremen Wetterverhältnisse überleben werden, wenn sie nur in notdürftigen Behausungen wohnen oder unter Planen.“

Vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs war Arsal an der libanesisch-syrischen Grenze eine 30.000-Einwohnerstadt. 2012 wurde sie zu einer der wichtigsten Anlaufstationen für syrische Flüchtlinge auf dem Weg in den Libanon. 2014 besetzten dschihadistische Milizen die Stadt, woraufhin die libanesische Armee die Grenze schloss und einen Belagerungsring um Arsal legte. 2017 gelang es ihr, die Dschihadisten zu vertreiben.

Die Zahl von 15.000 Kindern, denen Obdachlosigkeit droht, beruht auf einer Schätzung der Vereinten Nationen. Es soll sich um knapp 5.700 Haushalte handeln, deren Zelte abgerissen werden. Im Durchschnitt leben in jedem Haushalt zwei Erwachsene und drei Kinder. „Viele dieser Familien sind sehr arm, haben kaum das Nötigste, um Essen auf den Tisch zu bringen. Wenn ihre Wohnungen abgerissen werden, haben sie keinerlei Mittel, um sie wiederaufzubauen oder anderswo Miete zu bezahlen. Für ein Kind, das kaum isst und oft nicht zur Schule geht, ist der Verlust der Wohnung extrem traumatisch“, sagt Piotr Sasin, Ländervertreter von Terre des Hommes. Save the Children, World Vision und Terre des Hommes rufen die libanesischen Behörden dazu auf, auf den Abriss zu verzichten.

Seit 2016 haben libanesische Kommunen und die Armee Tausende von syrischen Flüchtlingen vertrieben und ihre Behausungen zerstört. Meist argumentieren sie mit der gefährdeten Sicherheit – so, wie jetzt im Fall des Flüchtlingslagers Arsal (wobei nicht klar ist, wessen Sicherheit durch die Unterkünfte gefährdet sein soll) –, mit Gesetzesverstößen der Bewohner oder mit dem Umweltschutz.

So ließ die Litani-Fluss-Behörde seit Jahresbeginn im Südlibanon die Zelte von mindestens 1.500 syrischen Flüchtlingen zerstören, weil diese mit ihrem Abwasser den Fluss und den Boden verunreinigt hätten. „Wenn die Flüchtlinge Zelte auf unserem Ackerland errichten und ihr Abwasser in den Boden und den Fluss sickert, dann müssen wir sie natürlich von dort entfernen“, sagte Sami Alawieh, der Direktor der Litani-Fluss-Behörde, dem Medienunternehmen Al-Jazeera. Dabei gab er sich Mühe, die Aktion möglichst publik zu machen und der Welt zu zeigen, dass syrische Flüchtlinge im Libanon nicht mehr geduldet werden: Seine Behörde verbreitete über Twitter ein Video, das zeigt, wie Bagger die Zelte zerstören. Untermalt ist der Film mit verschiedenen dramatischen Musikstücken. Höhepunkt, am Ende des knapp zweiminütigen Videos: das Darth-Vader-Thema aus „Star Wars“.

 

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