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Kuwait: Klischees über Frauen aus Marokko, Tunesien und dem Libanon

Von Stefan Frank

Die Meldung bzw. das Gerücht, wonach Kuwait ab sofort keine Arbeitgenehmigungen an Frauen aus dem Libanon, Tunesien und Marokko mehr erteilen werde, wenn diese unter 40 Jahre alt sind und keinen männlichen Wächter haben, sorgte in den letzten Tagen für Empörung in arabischen sozialen Medien, vor allem in Tunesien und Marokko. Kuwaits größte und renommierteste Tageszeitung al-Rai hatte die Meldung am 5. Dezember in Umlauf gebracht und sich dabei auf „eine offizielle Quelle“ im kuwaitischen Arbeitsministerium berufen. Daraufhin hatte die auf den Nahen Osten spezialisierte amerikanische Nachrichtenagentur The Media Line darüber auf Englisch berichtet, die israelische Tageszeitung Jerusalem Post wiederum hatte die Story unter Berufung auf The Media Line aufgegriffen.

Wie es in dem Artikel von al-Rai – der immer noch auf der Website der Zeitung zu finden ist – hieß, sei die Regelung auf „Verlangen Marokkos und Tunesiens“ eingeführt worden. Die „offizielle Quelle“ habe gegenüber al-Rai ergänzt, Kuwait sei „darauf bedacht, enge Beziehungen mit allen Ländern der Welt zu pflegen – vor allem mit arabischen Staaten –, was die Zusammenarbeit in den Sektoren Arbeit, Wirtschaft und Tourismus“ betreffe, gleichzeitig aber auch „seine Souveränität zu bewahren“.

Weder in Tunesien noch in Marokko sind Frauen einer derartigen Einschränkung ihrer Freiheit unterworfen. Es schien daher wenig wahrscheinlich, dass eines der beiden Länder darauf drängen würde, dass Kuwait eine solche Regel für seine Staatsbürgerinnen einführt. Eines der Länder, die dafür bekannt sind, Frauen unter die Kontrolle eines Wächters (Arabisch: mahram) zu stellen, ist Saudi-Arabien. Dort dürfen Frauen ohne die Zustimmung eines mahram – der Ehemann, Bruder, Onkel oder Vater der Frau – nicht arbeiten, reisen, Geschäfte tätigen, zum Arzt gehen oder nach Verbüßung einer Haftstrafe das Gefängnis verlassen. Anfragen von The Media Line ergaben, dass es in Marokko und Tunesien niemanden gibt, der bestätigen kann oder will, dass Kuwait einen solchen Schritt unternommen habe und damit einem Begehren der beiden Länder nachgekommen sei. Der tunesische Außenminister Khamis Jahnawi sagte der Nachrichtenagentur, seine Regierung habe von Kuwait „keine offizielle Bestätigung“, dass es eine solche Maßnahme gebe.

Am 8. Dezember behauptete Kuwaits Botschafter in Rabat, Abdul Latif Ali El Yahya, es handele sich um „Fake News“; die Meldung sei „völlig haltlos“, „völlig falsch“ und gebe nicht die offizielle Position des Staates Kuwait wider, sagte Ali El Yahya der marokkanischen Presseagentur MAP. Die „Dinge“ gingen „ihren normalen Gang, und Marokkaner, Männer und Frauen, reisen täglich nach Kuwait ohne irgendwelche Probleme“. Gegen den Journalisten und die Zeitung, die die „falsche Information“ „ungeprüft“ verbreitet habe, würden „die nötigen rechtlichen Schritte eingeleitet“. Er bedauerte, dass die Meldung in sozialen Netzwerken „auf eine unangenehme Weise“ starke Verbreitung gefunden habe.

Auch dann, wenn es sich um eine Falschmeldung handeln sollte – ein Sachverhalt, der noch nicht als geklärt angesehen werden kann –, sagt deren Verbreitung doch einiges aus. Zum einen gab es offenbar niemanden, der Kuwait eine solche Maßnahme nicht zutraut. Auch, dass die kuwaitischen Behörden fälschlich behaupten könnten, Tunesien und Marokko hätten darum gebeten, trauen einige ihnen zu: „Bei Regierungen im Nahen Osten ist es normal, dass sie keine Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen, aus Angst vor den Reaktionen der Medien“, zitierte The Media Line eine „tunesische Aktivistin“ namens Mahdi al-Legini.

Kuwait City (By Mohammad Alatar, CC BY 2.0)

Zum anderen sagt die Angelegenheit auch einiges über Klischees, die am Golf über tunesische, marokkanische und libanesische Frauen kursieren. The Media Line zitiert einen anonymen „Aktivisten“ mit den Worten: „Wenn die kuwaitischen Behörden von ausländischen Arbeiterinnen einen mahram, einen männlichen Wächter, verlangen, dann hat das sicherlich mit Prostitution zu tun und nichts mit politischen Differenzen“. Jedes Land habe das Recht, seine Bevölkerung und seine Kultur zu schützen. „Wenn Tunesierinnen oder andere Frauen aus arabischen Ländern ‚für Sex reisen’, dann ergibt die Entscheidung ganz und gar Sinn.“ Dass Tunesierinnen und Marokkanerinnen zum Ziel eines solchen Gesetzes würden, könne nur daran liegen, dass sie sich „mehr als Frauen aus anderen Ländern unmoralischen Aktivitäten hingeben“.

Schon 2014 schrieb die marokkanische Nachrichtenseite Morocco World News in einem Artikel über die Wahrnehmung von Marokkanerinnen in Kuwait: Die „Mehrheit“ der dortigen Frauen glaube „an die Stereotypen, nach denen marokkanische Frauen durchtriebene Hexen sind, die kuwaitische Männer verführen, indem sie Zaubersprüche auf sie richten“. Der kuwaitische Fernsehsender Al-Watan habe gar eine Comedy-Zeichentrickserie geschaffen, in der Marokkanerinnen Hexerei verwendeten, um junge kuwaitische Männer dazu zu bringen, sie zu heiraten, so der Artikel. Der Autor zitierte einen saudischen Journalisten, der meinte, mit Zauberei habe das nichts zu tun: Vielmehr seien es „Weiblichkeit“ und „Unterwürfigkeit“ sowie der stete Wunsch, „ein zufriedenes Lächeln auf das Gesicht ihres Ehemanns zu bringen“, warum marokkanische Frauen bei Männern am Persischen Golf so beliebt seien; auch seien sie im Haushalt nicht so „untätig“ und „faul“ wie Frauen vom Golf.

Während solche Gerüchte über Frauen verbreitet werden, gehören Golfstaaten wie Kuwait zu den Ländern, in denen Frauen in der Öffentlichkeit steten sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind. „Menschenrechtsgruppen nennen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz als ein allgegenwärtiges Problem, über das nicht berichtet wird“, heißt es im Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums über Kuwait. Die kuwaitische Journalistin Faten Omar berichtete im Oktober in der Kuwait Times, wie sie bei Busfahrten immer wieder begrapscht werde. „Müssen Kuwaits Frauen Waffen tragen, um sich heutzutage gegen sexuelle Nötigung zur Wehr zu setzen?“, fragte sie. „Ist es so schlimm geworden, dass es niemanden kümmert, wenn ein Mann sich die Freiheit nimmt, eine Frau an einem öffentlichen Ort zu belästigen oder anzufassen?“ So ist die gesellschaftliche Situation beschaffen, in der es manchen einleuchtet, dass die kuwaitischen Behörden ein Gesetz erlassen könnten, das es Frauen untersagt, ohne einen männlichen Aufpasser aus dem Haus zu gehen.

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