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Kronen Zeitung: Der saudische Thronfolger als Kronzeuge für russische Propaganda

Von Florian Markl

Seit einigen Wochen betätigt sich die Kronen Zeitung als österreichisches Zentralorgan der Verbreitung russischer Propaganda und der Huldigung Vladimir Putins. In der Außenpolitik-Redaktion verbreitet Christian Hauenstein Verschwörungstheorien russischer Provenienz, in denen die Mitarbeiter der syrischen Zivilschutzorganisation White Helmets, die sich um die Rettung der zivilen Opfer des syrisch-russischen Dauerbombardements bemühen, als islamistische Dschihadisten diffamiert werden. Giftgasangriffe des Assad-Regimes sollen Hauenstein zufolge entweder nicht stattgefunden haben oder aber von Dschihadisten inszeniert worden sein. Und wenn österreichische und deutsche Politiker sich international in die Reihe der „Putin-Versteher“ einordnen, bilden sie für den Krone-Journalisten eine „Achse der Vernunft“.

Ins selbe Horn bläst aktuell auch Krone-Kolumnist Tassilo Wallentin, der Europa warnt, sich „wegen eines angeblichen Giftgas-Angriffs, der vermutlich nie stattgefunden hat“, in den Syrien-Krieg einzumischen. Den Sturz Assads zu fordern betrachtet der FPÖ-nahe Anwalt und Kolumnist der Krone-Sonntagsbeilage als „außenpolitischen Amoklauf“, der „Europas Weg in den Selbstmord“ befördern würde. Bei den Gegnern des syrischen Massenmörders handle es sich um „radikale Islamisten und IS-Anhänger“, die vom Westen unterstützt würden, weil diese „fürchten, dass unter Präsident Assad der Einfluss der Russen in Syrien zu groß werden könnte.“ Der Krieg in Syrien als Verschwörung der „Westmächte“ und islamistischer Terroristen gegen Assad und Russland – so weit, so wenig originell.

Allerdings glaubt Wallentin, einen prominenten Kronzeugen für seine Theorie präsentieren zu können: den saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman (MbS). Der habe nämlich „vor drei Wochen“ in einem Interview mit der Washington Post „bestätigt“:

„‚Es gibt die Forderung unserer Verbündeten (Westmächte), dass wir uns für die Schaffung von Koranschulen, Moscheen und für die Propaganda des Wahhabismus (=radikalste Form des Islamismus) in der islamischen Welt engagieren und dafür unserer finanziellen Mittel einsetzen … um die Sowjetunion (jetzt Russland) daran zu hindern, ihren Einfluss n der islamischen Welt zu stabilisieren.‘ Mit einem Wort: Um den Einfluss der Russen in der Region zurückzudrängen, nimmt der Westen den Sturz von Assad und die Machtergreifung durch radikale Islamisten in Kauf.“

Die von Wallentin eingefügten Klammern sollten allerdings stutzig machen. Über die erste der beiden, in der der saudische Wahhabismus als „radikalste Form des Islamismus“ charakterisiert wird, mag man sich vor dem Hintergrund der Gräueltaten des Islamischen Staates in Syrien und im Irak wundern, es ist aber die zweite Einfügung, die einen ungewollt deutlichen Hinweis auf die bekannt offene Beziehung liefert, die Wallentin mit Fakten führt. Denn der saudische Kronprinz sprach nicht zufällig nicht von Russland, sondern von der Sowjetunion, ging es im entsprechenden Teil des Interviews doch gar nicht um Syrien. Hier die Passage aus der Washington Post:

„Nach dem von den Saudis geförderten Wahhabismus gefragt, dem strengen Glauben, der im Königreich vorherrschend ist und dem von einigen vorgeworfen wird, eine Quelle des globalen Terrorismus zu sein, sagte Mohammed, dass die Investments in Moscheen und Koranschulen im Ausland im Kalten Krieg wurzelten, als Verbündete Saudi-Arabien darum baten, seine Ressourcen einzusetzen, um das Vordringen der Sowjetunion in muslimische Länder zu verhindern.“

Mohammed bin Salman sprach also überhaupt nicht vom Syrien von heute, sondern vom Jahrzehnte zurückliegenden Kalten Krieg. Der Krieg in Afghanistan etwa, in dem Saudi-Arabien nach dem sowjetischen Einmarsch die Mudschaheddin unterstützte, begann 1979 – in einer Zeit also, in der der 1985 geborene saudische Kronprinz noch nicht einmal am Leben war. Wallentin präsentiert den Krone-Lesern ganz einfach ein Zitat, das nichts mit dem Krieg in Syrien zu tun hat, als Beleg für eine westlich-dschihadistische Verschwörung gegen Assad und Russland.

Wie Wallentin darauf kommt, darüber kann ich nur spekulieren, allerdings gibt es einen möglicherweise verräterischen Hinweis: Das Gespräch von MbS mit der Washington Post fand am 22. März statt, also nicht „vor drei Wochen“, wie Wallentin behauptet, sondern vor rund sechseinhalb Wochen. Allerdings gibt es auf der Webseite des russischen Propagandasenders RT einen Artikel über das Interview, der laut Datum zuletzt vor rund drei Wochen bearbeitet wurde. Kann es sein, dass Wallentin erst auf dem Umweg über RT auf das Interview des saudischen Kronprinzen aufmerksam wurde und sich deswegen mit Zeitpunkt so vertan hat? Dass man bei der Krone außenpolitische Informationen aus einer russischen Propagandaschleuder bezieht, käme jedenfalls nicht gänzlich überraschend.

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