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Kronen Zeitung: Alternative Fakten zum „Heiligen Land“

Von Florian Markl

Im arabisch-israelischen Konflikt gibt es kaum ein Thema, bei dem die Meinungen nicht weit auseinandergehen. Angesichts der oftmals heftigen Dispute sollte darauf geachtet werden, dass die zugrundeliegenden Tatsachenbehauptungen wenigstens in den Fällen richtig dargestellt werden, in denen die Fakten mühelos überprüft werden können. Rechtzeitig vorm Jahreswechsel hat Kurt Seinitz, Außenpolitik-Chef der Kronen Zeitung, einmal mehr unter Beweis gestellt, dass solche Mindeststandards – auch und gerade journalistischer Arbeit – ihn nicht sonderlich kümmern.

Am vergangenen Freitag widmete Seinitz sich in seiner „Klartext“ genannten Kolumne der „Überbevölkerung im Heiligen Land“, um folgende These zu präsentieren: „Eine zu dichte Bevölkerung auf kargem Boden gilt allgemein als Mitursache von Konflikten.“ Das ist, allgemein gesprochen, eine recht steile Behauptung. Weder gibt es klare Kriterien, nach denen bestimmt werden könnte, wann die Besiedelung eines bestimmten Gebiets als „zu dicht“ und ein Land als „karg“ betrachtet werden müsse, noch ist der in dieser Allgemeinheit formulierte Gedanke auch nur ansatzweise plausibel: Monaco ist weltweit das Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte, aber kaum als Konflikt-Hotspot bekannt.

Seinitz hatte das „Territorium des Heiligen Landes (Israel/Palästina)“ im Sinn, bei dem die „Überbevölkerung“ zu Konflikten beitrage. Das Argument, das Land könne seine Bewohner nicht tragen und auf keinen Fall weiteren Bevölkerungszuwachs verkraften, führte bereits die britische Mandatsmacht in der Zwischenkriegszeit an, um die Einwanderung von Juden zu unterbinden – gestützt auf ‚wissenschaftliche‘ Gutachten, die von der tatsächlichen Entwicklung der folgenden Jahrzehnte gründlich widerlegt wurden.


Falsche Zahlen

Für Seinitz besteht das Problem jedenfalls darin, dass die Bevölkerungszahl „zwischen Mittelmeer und Jordan (…) von 700.000 im Jahre 1947 auf 13 Millionen gestiegen ist“. Während die Zahl von aktuell 13 Millionen Bewohnern ungefähr stimmen dürfte, fragt man sich: Wie kommt Seinitz auf die Zahl von 700.000 Menschen, die das Land vor rund 70 Jahren bewohnt haben sollen?

Wer auch nur mit einigen Eckdaten der Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts vertraut ist, dem sollte diese Zahl einiges Stirnrunzeln verursachen. Wenn die Vereinten Nationen allein die Zahl der im Zuge des Krieges von 1948/49 aus dem Territorium Israels geflohenen Araber auf 711.000 schätzten, wie kann sich die Gesamtbevölkerung der Region – einschließlich der Teile des Gebiets, die von Ägypten und Jordanien erobert wurden – auf nur 700.000 belaufen haben?

Tatsächlich ist diese Zahl auf Basis offizieller Angaben völlig unhaltbar. Als die britische Mandatsbehörde im Auftrag des Anglo-Amerikanischen Untersuchungskomitees im Jahre 1946 ihren umfassenden Überblick über Palästina erstellte, ergab ihre Schätzung für das Jahr 1944 eine Gesamtbevölkerung von 1.765.000 Menschen. Die von den Vereinten Nationen eingesetzte Untersuchungskommission UNSCOP, die im Herbst 1947 ihre Empfehlung zur Teilung des Landes in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorlegte, gab die Gesamtbevölkerung für das Jahr 1946 mit 1.845.559 Menschen an.

Kurz gesagt: Im „Heiligen Land“ lebten 1947 nicht 700.000 Menschen, sondern rund 1,8 Millionen – die von Seinitz angegebene Zahl ist beachtliche zweieinhalb Mal kleiner als die tatsächliche. Daraus folgt, dass heute sieben Mal mehr Menschen in dem Gebiet leben als vor 70 Jahren. Das ist zwar eine beträchtliche Steigerung, aber immer noch weit von dem mehr als 18,5fachen Zuwachs entfernt, den Seinitz behauptet.

Auf den ehemaligen amerikanischen UN-Botschafter Daniel Patrick Moynihan geht die Redewendung zurück: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.“ Sie sollte auch für den Außenpolitik-Chef der größten Tageszeitung Österreichs gelten.

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