Mena-Exklusiv

Kein Ende des Sterbens in Syrien

Von Thomas von der Osten-Sacken

In syrischen Städten unter Kontrolle des Regimes wächst seit Monaten der Unmut über Versorgungsengpässe, hohe Preise und die allgemeine Korruption. Selten wagen Syrerinnen und Syrer jedoch, sich öffentlich zu beschweren, die Angst vor den omnipräsenten Geheimdiensten ist groß. Umso bezeichnender ist, was aus Aleppo nun gemeldet wird.

„Seit letzter Woche erscheinen auf regimenahen Social-Media-Seiten Posts, die scharf formulierte Kritik und Beleidigungen von Mitgliedern der Assad Regierung enthalten. Auch Assad selbst bleibt nicht von Beiträgen verschont, die ihn für die aktuelle Lage verantwortlich machen.

In einer an Assad gerichteten Nachricht fragte Nabil Hamdan aus Lattakia, ein Mitglied der Physiotherapie-Vereinigung: ‚Herr Präsident, sehen Sie nicht die Hilferufe der Menschen, die unter der schrecklichen Situation in diesem Land leiden? Herr Präsident, gibt es jemanden in Ihrer Regierung, der friert, der ohne Gas, ohne Strom, ohne Kraftstoff, ohne Wasser, ohne Babymilch leben muss oder unter den hohen Preisen leidet? Können Sie uns, die Familien der Märtyrer, wirklich nicht wahrnehmen?

Hamdan drohte mit Selbstmord, sollte keine Lösung für die Krise gefunden werden, die in den vom Regime direkt kontrollierten Gebieten herrscht. Die Schauspieler Shokran Mortga, Ayman Zeidan und Bashar Ismail, der für seine Loyalität gegenüber Assad bekannt ist, sendeten ebenfalls ähnliche Botschaften.

Gebiete, die derzeit vom Regime kontrolliert werden, verfügen über nahezu keine Elektrizität, kein Wasser, keine Treibstoffe und keine Babymilch. Zusätzlich leidet das Land gerade unter einer Schlechtwetter-Phase mit Schneefällen, dem Zusammenbruch der Wirtschaft, dem Verlust der Kaufkraft der Syrer und massiv steigendenden Preisen.“

Derweils bilden sich lange Schlangen von Menschen, die verzweifelt hoffen, in diesen kalten Wintertagen wenigsten an eine Gasflasche zu kommen. Meist ein hoffnungsloses Unterfangen.

Und dies sind nur Schlaglichter auf die in Syrien herrschende Misere. Das Land ist weitgehend zerstört und de facto bankrott. Von Geldern für den Wiederaufbau mag Baschar al-Assad träumen, kommen werden sie nicht. Überall im Regimegebiet herrscht Mangel – außer man gehört zur kleinen Elite oder den Kriegsprofiteuren.

Große Teile des Südens des Landes, die erst im vergangenen Jahr durch die Armee, Iraner und Russen zurückerobert worden sind, scheinen alles andere als sicher zu sein. In Suweida etwa scheinen sich erneut bewaffnete Oppositionelle zu organisieren, die erst kürzlich eine Kaserne überfallen haben. Aus De’ra, der Stadt, in der 2011 die Massendemonstrationen gegen das Assad-Regime ihren Ausgang nahmen, gab es vor kurzem einen Anschlag auf einen hohen Offizier der syrischen Armee.

Unterdessen verschlimmert sich die Lage im Rukban-Flüchtlingslager an der jordanischen Grenze, in dem dem 50.000 Menschen seit Jahren unter katastrophalen Bedingungen vor sich hinvegetieren, eingeschnürt zwischen der Grenze, die für sie geschlossen ist, und der syrischen Armee, geschützt von ein paar US-Soldaten in der Nähe, die wohl auch bald abziehen werden.

„Mindestens acht Kinder starben im Rukban-Lager, in dem ca. 50.000 vertriebene Syrer bei Minustemperaturen, einem Mangel an Nahrungsmitteln, an Medikamenten und lebenswichtigen Gütern leben. (…)

Die UN-Kindehilfswerk UNICEF bestätigte den jüngsten Todesfall und nannte die Situation eine ‚von Menschenhand gemachte‘ Tragödie. ‚Babys verlieren ihr Leben, weil sie an vermeidbaren und behandelbaren Krankheiten sterben‘, sagte Geert Cappelaere, UNICEF-Regionaldirektor für den Nahen Osten. ‚Tag für Tag werden mehr Kinder sterben‘, wenn sie nicht in sicheren Unterkünften untergebracht werden und verlässliche ärztliche Hilfe erhalten.

UNICEF berichtet, dass die meisten Kinder, die gestorben sind, nicht einmal vier Monaten alt geworden sind. Das jüngste von ihnen sei erst eine Stunde vorher geboren worden. Frauen und Kinder machen geschätzt rund 80% der Bewohner des Lagers aus.“

Das alltägliche Leiden und Sterben in Syrien geht also unvermindert weiter – und nichts deutet darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

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