Mena-Exklusiv

Warum katholische Nationalisten in Nordirland Israelfahnen verbrennen

Von Stefan Frank

Auf einem großen Scheiterhaufen haben katholische Nationalisten in der nordirischen Stadt Derry (85.000 Einwohner) am 15. August neben allerlei britischen Fahnen auch die israelische Fahne verbrannt. Was hat Israel mit dem Nordirlandkonflikt zu tun? Mena Watch fragte Steven Jaffe, der in Belfast als Mitglied der kleinen jüdischen Gemeinde geboren und aufgewachsen ist.

Scheiterhaufen in Derry (Quelle: Twitter-Screennshot)

Jaffe ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Northern Ireland Friends of Israel und versucht, beide Seiten des Nordirlandkonflikts zusammenzuführen. Kürzlich nahmen mehr als 140 Besucher an einer von ihm geführten Tour zu den Stätten jüdischen Erbes in Belfast teil. Belfasts kleine jüdische Gemeinde hat derzeit 80 Mitglieder und geht, so Jaffe, zurück auf die Ankunft jüdischer Kaufleute aus Deutschland, die Anfang des 20. Jahrhunderts dabei mithalfen, die Leinen- und Schiffbauindustrie aufzubauen, die Nordirland bald darauf zu einer bedeutenden Industrieregion machte. „Besucher, die in die Stadt kommen, sind verwundert, hier in unterschiedlichen Stadtteilen israelische und palästinensische Fahnen  zu sehen“, sagt Jaffe. Er erklärt, dass sie nicht von Juden oder Arabern gehisst werden, sondern von Protestanten und Katholiken, die ihre Unterstützung einer der beiden Seiten des arabisch-israelischen Konflikts bekunden, indem sie Flaggen hissen – und gelegentlich verbrennen.

„Die Flaggen werden benutzt, um protestantische und katholische Arbeiterviertel voneinander abzugrenzen“, so Jaffe. Beide Seiten sähen im Nahen Osten eine Art Spiegelbild des Risses, der entlang der Konfessionen durch Nordirland geht. „Protestantische Loyalisten wollen, dass Nordirland Teil Großbritanniens bleibt. Sie identifizieren sich mit Israel, weil Israel sich ihrer Sicht nach in einem Kampf gegen den Terrorismus befindet, der dem Kampf gegen die katholisch-republikanische IRA ähnele, die bis zum Karfreitagsabkommen von 1998 den Terrorismus nutzen wollte, um die nordirischen Protestanten in die irische Republik zu zwingen.“ Viele nordirische Protestanten seien bibelgläubige Christen, deren Einstellung zu Israel die gleiche sei wie die evangelikaler Amerikaner. „Sie betrachten die Rückkehr der Juden ins Land Israel als eine Erfüllung biblischer Prophezeiung und ein Anzeichen, dass das zweite Kommen Jesu Christi bevorsteht.“

Auf der anderen Seite gebe es unter den nordirischen Katholiken viele, die sich von Großbritannien abspalten und der Republik Irland anschließen wollen. „Für sie ist Palästina seit den 1970er Jahren, als die IRA und die PLO sich als Verbündete in der Weltrevolution betrachteten, ein Bezugspunkt internationaler Solidarität.“ Jaffe weist auf Wandbilder in katholischen Bezirken Nordirlands hin, auf denen Bewaffnete der IRA und der PLO dargestellt sind, mit dem Slogan: „Ein Kampf.“ Katholiken, so Jaffe, neigten zu der Ansicht, das palästinensische Volk sei von ausländischen Juden enteignet worden. „Sie verbinden das mit ihrer eigenen Erfahrung mit protestantischen Siedlern in Ulster vor vielen Hundert Jahren.“

Sinn Fein, die größte der katholisch-nationalistischen Parteien, habe sich der Zerstörung Israels verschrieben. „Sie unterstützen den Boykott israelisch-jüdischer Kultur, israelischer Waren und wollen den israelischen Botschafter des Landes verweisen. Ihre Anführer rufen: ‚From the river to the sea, Palestine will be free“ [sinngemäß: Palästina wird frei sein, vom Jordan bis zum Mittelmeer; S.F.] und fordern das uneingeschränkte ‚Recht auf Rückkehr’ für Palästinenser nach Israel.“ Derzeit bemüht sich Sinn Fein um eine Absage des Freundschaftsspiels zwischen den Fußballnationalmannschaften Nordirland und Israels, das am 11. September in Belfast stattfindet. Der nordirische Fußballverband lehnt das ab.

Schon vor hundert Jahren hätten die Gründer von Sinn Fein gegen die Einwanderung von Juden nach Irland gekämpft, obwohl die Zahl jüdischer Einwanderer gering gewesen sei, so Jaffe. „Im Zweiten Weltkrieg hat Sinn Fein dann mit Nazideutschland kollaboriert, in der Hoffnung, die Briten aus Irland zu vertreiben. Selbst heute noch wird eine führende Figur dieser Kollaboration mit einem jährlichen Marsch zu seinem Denkmal in der Dubliner Innenstadt geehrt.“

Nur wenige irische Republikaner hätten je Juden getroffen, sagt Jaffe – und doch seien sie wie der Labourvorsitzende Jeremy Corbyn überzeugt, dass ihr Antizionismus damit vereinbar sei, Rassismus in all seinen Facetten zu bekämpfen. „In dieser Atmosphäre des fieberhaften Hasses auf Israel ist es nicht überraschend, dass es immer wieder Angriffe auf die Belfaster Synagoge gibt, der jüdische Friedhof geschändet wird und Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit Gewalt bedroht werden, insbesondere während der Konflikte im Nahen Osten.“

Nirgendwo ist der Riss so deutlich sichtbar wie in Belfasts zwei berühmten Straßen, der Shankill Road und der Falls Roads, den Zentren des jeweiligen Arbeiterklassenmilieus. „Nur zwei Gehminuten voneinander getrennt ehren die Protestanten in der Shankill Road den irischen Colonel John Patterson, den Kommandanten der jüdischen Legion im Ersten Weltkrieg, mit einem neun Meter langen Wandbild, während ein Stück weiter in der Falls Road die palästinensische Flugzeugentführerin Leila Khalid von einem Wandbild blickt.“

Diese Ausdrücke von Parteinahme, so Jaffe, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Nordirland wichtige Arbeit zum Wohle aller Israelis und Palästinenser geleistet werde. „Politiker, Friedensgruppen und Kinder aus Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten kommen jedes Jahr nach Belfast, um Protestanten und Katholiken zu treffen und von deren Erfahrungen beim Aufbau von Frieden und Beziehungen zwischen den Gemeinschaften in Nordirland zu lernen.“

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