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Jürgen Todenhöfer: ein neuer Kara Ben Nemsi

Von Oliver M. Piecha

Jürgen Todenhöfer hat eine Mission: Er will Frieden schaffen. Die blutigen Kriege des Westens sollen nach 500 Jahren endlich aufhören. Dafür muss er die Wahrheit verkünden, dass Krieg nämlich Kinder tötet und keineswegs ideellen Motiven entspringt. Alles andere ist bloß die Heuchelei des Westens, deshalb heißt sein neuester Bestseller auch „Die große Heuchelei“. Außerdem müsse man mit allen reden, um die Kriege endlich zu beenden, vor allem mit Terroristen und Diktatoren. Auch das gehört zu seiner Mission. Deshalb muss er fortwährend in Krisengebiete aufbrechen. Er kann gar nicht mehr anders. Und deshalb muss er vor allem über eines sprechen – wenn es nicht gerade um Kinder geht, die wenn sie noch leben, spätestens auf der nächsten Seite sterben oder verstümmelt werden: Über sich selbst. Denn er hat eine Mission. Siehe oben.

Und so mag man anfangen in der „Großen Heuchelei“ zu lesen: Todenhöfer und sein Sohn rasen im gepanzerten Humvee der irakischen Armee der Front gegen den IS in Mosul entgegen. Todenhöfer lässt anhalten, damit sein Sohn die Leiche eines IS-Kämpfers filmen kann. Sinnierend wandelt er derweil die Straße entlang, er denkt an den toten IS-Kämpfer, die unschuldigen Zivilisten im Bombenhagel, den heuchlerischen Westen. Plötzlich schlagen die Kugel rund um ihn ein. Gedankenschwer ist er nämlich auf eine Stellung des IS zugelaufen. „Verdammt knapp“, flucht der irakische Fahrer. Todenhöfers Sohn blutet sogar ein bisschen. Aber wieder ist Jürgen Todenhöfer durchgekommen, um in Deutschland auch die Wahrheit über diesen Krieg verkünden zu können.

Es ist ein wenig wie bei Ernst Jünger in den „Stahlgewittern“, auch Todenhöfer scheint noch im größten Gemetzel unkaputtbar. Ob er in den Achtzigern mit „Blutblasen an den Füßen“ durch Afghanistan gewandert oder 2011 durch einen Tunnel in den Gazastreifen gerobbt ist, er ist der Augenzeuge, der Vermittler, auf den sie alle gewartet haben. Todenhöfer schlägt sich in den Nordjemen durch und besucht das Kalifat, er schüttelt Assad die Hand und redet mit dem langjährigen saudischen Geheimdienstchef, Prinz Turki. Todenhöfer kennen sie alle. Der Bildteil des Buches zeigt neben Kriegsleichen und verletzten Kindern vor allem einen Mann: Jürgen Todenhöfer.

Todenhöfer ist ein hemmungsloser Selbstdarsteller, was nur noch auffälliger geworden ist, seitdem er mit seinem Sohn Frederic arbeitet, der Todenhöfers Begegnungen dokumentiert und quasi als eine körperliche Erweiterung seines Vaters fungiert. Man könnte nun Todenhöfer als etwas absonderliches Phänomen abtun, allerdings ist er ein Bestsellerautor und seine Prosa offenbar genau das, was die tiefen Bedürfnisse einer großen Fangemeinde von sich vermutlich als besonders kritisch empfindenden deutschsprachigen Lesern und Leserinnen berührt und erfüllt.

Seine Leserschaft dürfte sich zu großen Teilen mit dem anderen erfolgreichen deutschen Aufklärer in Sachen heuchlerischer Westen, Nahostkonflikt und Dialog mit Diktatoren, Michael Lüders, überschneiden. Sie repräsentieren beide ein immer noch verblüffend erfolgreiches Genre, den Antiimperialismus. Und der funktioniert schlicht nach dem Schema: Allen, die es brauchen, genau das zu erzählen, was sie schon immer gewusst haben. Allerdings mit dem Gestus des Aufdeckens von verschwiegenen Wahrheiten bei größtmöglichen Auflagen.

Mit einer rechts-links Zuordnung ist das nicht zu fassen und war es vielleicht nie. „Die Große Heuchelei“ wurde in Saarbrücken in einer Diskussion mit Sarah Wagenknecht vorgestellt, moderiert von Oskar Lafontaine. Für diesen parteiübergreifenden Antiimperialismus steht auch Todenhöfers Leben selbst, der ja einmal als CDU-Abgeordneter angefangen hat, als Befürworter der Nachrüstung, und in den achtziger Jahren mit seiner Unterstützung des Kampfes der Mudschahedin in Afghanistan bekannt wurde, bevor er zur personifizierten Kritik an den „Kriegen des Westens“ wurde.

Auch der in seinem Buch auftauchende Hinweis auf die eigenen Kindheitserlebnisse bei der Bombardierung von Hanau, auf die so „kühle“ wie „außerordentlich erfolgreich(e)“ Kriegspolitik der USA im Zweiten Weltkrieg und die „Legende vom gerechten Krieg der Alliierten“ ist bezeichnend. Todenhöfers Thema ist die deutsche Befindlichkeit. Die Welt drumherum ist bloße Projektionsfläche, kaum ein Wunder also, dass er zielsicher im Nahen und Mittleren Osten gelandet ist. Mag er vordergründig über den Jemen oder den Irak sprechen, so erfährt man über all diese Konflikte trotz des permanenten Name Droppings, mit wem er wo schon einmal Kontakt hatte, überhaupt nichts Neues oder gar Substantielles. Das war bei seinem Buch über den Besuch im „Kalifat“ bereits besonders verblüffend. Der ganze Aufwand der gefahrvollen Reisen dient bloß der Beschwörung des Gestus des Augenzeugen, die endlich die Wahrheit verkündet.

Und diese Wahrheit ist eher simpel, er breitet sie in seinem neuen Buch auch historisch aus: Alles nur Heuchelei im Westen, die Kreuzzüge, die Erklärung der Menschenrechte, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Vor allem Amerika hat es ihm angetan, nichts als Lüge und Berechnung. Dazu wird viel zitiert, ob Friedrich der Große oder Gandhi, ob Nietzsche, Gustave Le Bon, Edward Said oder der Koran. So kann man natürlich alles und nichts „belegen“, aber darum geht es auch gar nicht: Es handelt sich um eine Predigt. Die Komplexität geschichtlichen und politischen Geschehens wird auf moralische Entrüstung eingedampft. Wer könnte auch den Tod oder die Verstümmelung von Kindern verteidigen? Also muss er ja irgendwie recht haben.

Todenhöfer vermeidet beim ersten Anschein zu offensichtliche Einseitigkeit; wie Lüders, aber geschickter in seinem hochmoralischen „naiven“ Gestus, hat er verstanden, dass man einen Diktator auch mal Diktator nennen muss, bevor man ihn lobpreist. Aber Todenhöfer weiß auch, dass man auch mal kurz sagen kann, dass Israel „viele Gesichter“ habe. „Auch viele sympathische.“ Und die USA sind „ein tolles Land“. Solche Momente unterstreichen ja die scheinbare Objektivität des Ganzen. So findet sich tatsächlich auch eine Passage von der Länge einer Drittelseite, in der Todenhöfer zugibt, Assad die „Gnadenlosigkeit“ der Bombardierungen der Zivilbevölkerung nicht zugetraut zu haben. Was ihn natürlich nicht hindert, mahnend darauf hinzuweisen, dass man auf die Friedensbotschaft von Assad, die er persönlich der Bundesregierung übermittelt habe, nicht eingegangen sei. Ja, hätte man auch hier nur einmal auf Jürgen Todenhöfer, den ehrlichen Vermittler, gehört.

Todenhöfers Antiimperialismus gehört in eine sehr deutsche Traditionslinie. Auf der einen Seite steht der heuchlerische Westen mit der Aufklärung und all dem; dagegen steht der Deutsche, noch befangen von den Anmutungen der Zivilisation, aber eigentlich mit der großen Aufgabe der Vermittlung und des Ausgleichs gesegnet. So oder so, am deutschen Wesen soll die Welt genesen, dieser Antiimperialismus fand nach dem Ersten Weltkrieg zu sich, als auch Teile der deutschen Rechten entdeckten, dass man eigentlich ein vom Westen besiegtes und geknebeltes Volk sei; die Linke war sowieso dieser Meinung.

Da steckt zudem viel Karl May drinnen – Todenhöfer ist gewissermaßen ein neuer Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand für Attac-Aktivisten und Assad-Versteher. Deswegen darf auch der obligatorische Hinweis auf die Weisheit und Toleranz des Morgenlandes und die goldene Ära Al-Andalus‘ nicht fehlen und träumerisch schwebt Todenhöfer im Flugzeug über das nächtliche Mekka hinweg. Im jemenitischen Sanaa macht er dann den letzten oder vorletzten Juden ausfindig (liebevoll gehegt und gepflegt von seinen Houthi-Beschützern, wie Todenhöfer herausfindet) und hockt sich neben ihn an den Straßenrand und die beiden Alten sehen auf dem Foto wirklich so aus, als hätten sie schon viele Wüsten gemeinsam durchquert.

Wie erfolgreich Jürgen Todenhöfer mit seinen simplen Botschaften in einer komplizierten Welt deutsche Befindlichkeiten bedient, kann man paradigmatisch an einem Beitrag des ARD-Kulturmagazins „Titel, Thesen, Temperamente“ über sein Buch bestaunen. Da, wo Fernsehen besonders kulturlastig und intellektuell sein will, ist offenbar Todenhöferland. Er habe also das „Antikriegsbuch des Jahres“ geschrieben, Aufnahmen zeigen eine Lesung, die auch ein bisschen etwas von einem Gottesdienst hat. Ob auf der Bühne, in der Fußgängerzone oder auf den Fotos im Buch, Todenhöfer immer in enger schwarzer Lederjacke, asketisch mager, die runde Brille fügt einen Touch, aber eben auch nicht zu viel Intellektueller bei.

Der Irakkrieg von 2003 sei der Sündenfall für die Todenhöfers gewesen heißt es, und Todenhöfer selbst bringt die anvisierte Rolle Deutschlands mit den Worten auf den Punkt, Deutschland solle nicht mehr „Vasall“ oder „Mitläufer“ Amerikas sein und Hilfstruppen bereitstellen. Die Stimme aus dem Off erklärt zu netten alten Aufnahmen von „orientalischen“ Straßenszenen: „Der Irak unter Saddam Hussein, eine Diktatur, ja. Aber auch ein lebendiges Land mit einer reichen Kultur. Relativ stabil und sicher.“ Völkermord, Giftgas und eine Million Tote im Iran-irakischen Krieg, einfach mal mit einem Satz weggewischt. Hier ist der Kern fassbar: den Sturz Saddam Husseins kann dieser Antiimperialismus dem Westen einfach nicht verzeihen.

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