Mena-Exklusiv

Jordanische Proteste gegen Netflix: „Amman darf nicht Tel Aviv werden“

Von Stefan Frank

Filmszenen, die im Auftrag des weltgrößten Streaminganbieters Netflix in der jordanischen Hauptstadt Amman gedreht wurden, aber die israelische Stadt Tel Aviv zeigen sollen, haben in Jordanien zu Protesten in den sozialen Medien geführt. Das berichten die Jerusalem Post, die Times of Israel und die britische Tageszeitung Daily Telegraph. Der Telegraph spricht von einem „großen Fauxpas“ und „Wutausbrüchen bei Israel feindlich gegenüberstehenden Jordaniern“. In den Bericht der Times of Israel ist ein neun Sekunden langes Video eingebettet, das ein unbekannter Nutzer mit seinem Mobiltelefon gefilmt hat; es soll zeigen, wie in Amman Autos mit israelischen Kennzeichen stehen, die etwas mit dem Dreh zu tun haben sollen.

Ein Set von zwei Fotos, das auf Twitter von jordanischen und israelischen Nutzern verbreitet wurde, zeigt ein israelisches Straßenschild mit hebräischer Schrift und dem englischen Straßennamen „Alroyi St.“ sowie einen Kleinwagen mit israelischem Kennzeichen. Eine Nutzerin namens „Tamara Nassar“ kommentiert: „Netflix dreht eine neue Serie in Amman, als wenn es Tel Aviv wäre und tauscht für die Produktion jordanische Autokennzeichen durch israelische aus. Jordanien setzt die Normalisierung fort und importiert israelische Besatzung.“ Der Telegraph zitiert einen Jordanier, der in den sozialen Netzwerken geschrieben hatte: „Diese Farce muss gestoppt werden. Wir werden es nicht zulassen, dass Amman benutzt wird, um Reklame für den zionistischen Feind zu machen.“

Um was für eine Art von Film oder Serie es ging, war zunächst unklar. Der Autor des Telegraph-Berichts spekulierte, es handle sich um einen Dreh für die Serie Jinn, eine Fantasy-Seifenoper um eine Gruppe von Teenagern, deren Leben durch einen von ihnen versehentlich eingeladenen Dschinn – ein Geisteswesen der islamischen Mythologie  –, durcheinandergebracht wird. Über diese Serie, die als „die erste arabische Netflixserie“ sowie als Meilenstein für Jordaniens Filmindustrie gehandelt und seit August 2018 in Jordanien produziert wird (u.a. in der Felsenstadt Petra), hatten jordanische Medien im Lauf des Jahres immer wieder berichtet.

Die Jerusalem Post hat jedoch in Erfahrung gebracht, dass die in Amman gedrehte Tel-Aviv-Szene nichts mit Jinn zu tun hat. „Wir drehen in Jordanien für eine weltweite Serie, bei der Jordanien viele verschiedene Orte vertritt“, zitiert die Zeitung einen nicht namentlich genannten Unternehmenssprecher. „Wir arbeiten seit Monaten in Partnerschaft mit der Königlichen Filmkommission in Jordanien zusammen, um die Dreharbeiten zu einem Erfolg zu machen … An der Serie werden während der Dreharbeiten mehr als 200 Jordanier mitwirken.“ Laut einem von der Jerusalem Post zitierten Bericht einer jordanischen Nachrichtenwebsite habe die Königliche Filmkommission erklärt, Netflix die Genehmigung für die Dreharbeiten zu einer Serie gegeben zu haben, bei der „Amman als Hintergrund für Jerusalem und Tel Aviv“ werde, „ohne sich in den Inhalt des Films oder der Serie einzumischen“.

Die in London ansässige arabische Website Al-Araby berichtet unter Berufung auf eine anonyme Quelle innerhalb der jordanischen Produktionsfirma, es handle sich um eine Serie mit dem Titel Old Story, in der es unter anderem um „das Leiden des palästinensischen Volkes“ gehe; die Serie zeige, wie „hart Israel das palästinensische Volk behandelt“, einen „palästinensischen Märtyrer“ und das „Leiden der Palästinenser im syrischen Flüchtlingslager Jarmuk“.

Für eine Anfrage von Mena Watch war Netflix bislang nicht zu erreichen.

Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Jordanien und Israel im Jahr 1994 gibt es in Jordanien eine vor allem von radikalen Muslimen und Linken getragene „Anti-Normalisierungs-Kampagne“; eine kleine aber aktive und lautstarke Gruppe, die sich gegen jegliche Beziehungen mit dem Nachbarland und eine Fortsetzung der Feindseligkeit ausspricht. In diesem Jahr demonstrierte sie u.a. gegen „die Normalisierung von israelischen Tourismus in Jordanien“ und gegen den Bau einer Pipeline, die dringend benötigtes Erdgas von der israelischen Mittelmeerküste nach Jordanien bringen soll.

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