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Jerusalemer Archiv liefert Beweis für den Genozid an Armeniern

Von der Redaktion Times of Israel

Ein neu entdecktes Telegramm aus den Akten der Militärtribunale von 1919 beweist die Vertuschung von Massentötungen durch offizielle türkische Stellen.

Im Zuge der richtungsweisenden Entdeckung fand ein türkischer Historiker in der Kopie aus einer Jerusalemer Archivsammlung einen entscheidenden Beweis, der zweifelsfrei belegt, dass das Osmanische Reich den vorsätzlichen Völkermord an Hunderttausenden Armeniern verübte und anschließend versuchte, die Beweise für diese Tat zu vertuschen.

Nachdem er jahrelang nach unwiderlegbaren Beweisen für den Genozid gesucht hatte, sagte der in der Türkei geborene Wissenschaftler Taner Akcam, er habe ein lange verschollenes Telegramm entdeckt, das vor den Militärtribunalen als Beweisstück zur Verurteilung der Planer der Massentötungen gedient hatte. „Bis vor Kurzem fehlte ein eindeutiger Beweis“, berichtete Akcam, der als einer der führenden Experten in der Sache der Armenier gilt, gegenüber der Zeitung. „Dies ist der eindeutige Beweis.“

In dem ursprünglich in einem Geheimcode verschlüsselten Telegramm fragte damals der ranghohe türkische Offizielle Behaeddin Shakir Details zu den Themen der Deportationen und Tötungen von Armeniern in der osttürkischen Region Anatolien an, so der Bericht. Das Dokument, das Akcam als Kopie in einem vom armenischen Patriarchat von Jerusalem verwalteten Archiv gefunden hatte, ist eine dechiffrierte Version des Original-Telegramms. Seine Verwendung vor Gericht half, Shakir der Planung der Tötungen zu überführen. Laut Akcam beweist die Entdeckung sowohl die Existenz der Tribunale als auch erstmals die vorsätzliche und wissentliche offizielle Planung, die zur Durchführung der Massaker erforderlich gewesen war. Laut Akcam kommt der Fund „in unserem Fachgebiet einem Erdbeben“ gleich und er verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass das Dokument auch den „letzten Stein in der Mauer der Leugner zum Einsturz bringen“ werde.

Die Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern durch die osmanischen Türken um die Zeit des 1. Weltkriegs wird von vielen Wissenschaftlern als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts angesehen. Die Türkei leugnet jedoch, dass die zu Tode Gekommenen Opfer eines Völkermords waren und behauptet, die angegebenen Zahlen seien übertrieben: Bei den Getöteten habe es sich um Kriegsopfer und die Opfer ziviler Unruhen gehandelt habe. Ankara hat zwar eingeräumt, dass es Massaker in großem Stil gegeben hat, sagt jedoch, sie seien ein Akt der Selbstverteidigung gegen einen – wie die Regierung es nennt – von Russland angestifteten Aufstand der Armenier gewesen.

Violettes Vergissmeinnicht, das Symbol für den 100. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern, in einem Hof des Klosters in der Jerusalemer Altstadt.

Am Montag fand das alljährliche Gedenken an den Tag statt, an dem rund 250 armenische Intellektuelle in einer Aktion zusammengetrieben wurden, die als der erste Schritt zu den Massakern angesehen wird.

Seit Jahren waren Akcam und andere Historiker auf der Suche nach Dokumenten aus den Gerichtsakten der Militärtribunale aus den Jahren 1919–20, um aus erster Hand Beweise für den Völkermord und die anschließende Vertuschung liefern zu können.  Da Gerichtsprotokolle und Originaldokumente zerstört worden waren, hatten sich Wissenschaftler bislang mit den Zusammenfassungen aus osmanischen Zeitungen begnügen müssen, wenn sie Informationen über die Gerichtsverhandlungen erhalten wollten.

Das Telegramm wurde in einer Sammlung von Gerichtsakten entdeckt, die armenische Führer 1922 außer Landes brachten, da sie befürchteten die Akten würden ansonsten von den türkischen Nationalisten, die später die Kontrolle über das Land übernahmen, vernichtet werden.

Die Sammlung, die in den 1930er-Jahren nach Jerusalem kam, gelangte in ein Archiv des armenischen Patriarchats, war jedoch für Wissenschaftler bislang nicht zugänglich. Vor Kurzem jedoch fand Akcam heraus, dass die komplette Sammlung in den 1940er-Jahren von einem armenischen Mönch fotografiert worden war, der die Fotos an einen Neffen weitergab, der aktuell in New York lebt. Nach stundenlanger akribischer Durchsicht der Fotos gelang es Akcam schließlich, einige der Dokumente dem codierten Briefkopf des damaligen Innenministeriums zuzuordnen.

Auf Englisch zuerst erschienen bei The Times of Israel.

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