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Israel setzt auf umfassende Marketingkampagne im Kampf gegen BDS

Von Yvette Schwerdt

Mit Starpower, einem brandneuen 60-Sekunden Spot, jeder Menge Aufklärung und diversen gut teilbaren medialen Tools will die israelische Regierung ausgerechnet ihre eigenen Bürger animieren gegen die Boykottorganisation BDS ins Feld zu ziehen. Fragt sich nur, warum sich diese ebenso wirkungsträchtige, wie kostspielige Initiative in erster Linie an eine Zielgruppe wendet, von der man annehmen würde sie sei ohnehin schon überzeugt.

TV-Spot mit Avri Gilad

Lange Zeit hielt man die BDS (Boykott, Divest and Sanction)-Bewegung für eine humanitäre Hilfsorganisation, die sich für die Belange unterdrückter Palästinenser stark macht und der „Besatzungsmacht“ Israel mit friedlichen Mitteln die Stirne bieten will. Mit diesem Image gelang es der BDS bei wohlmeinenden Menschen aller Couleur zu punkten. Immer lauter wurden denn auch die Aufrufe zur Ächtung Israels und israelischer Produkte, immer stärker der Druck auf Entertainer, Sportler, Politiker und Akademiker das jüdische Land und seine Einwohner zu meiden. Israel holt nun zum systematischen Gegenschlag aus. Das Ministerium für strategische Angelegenheiten unter der Führung von Gilad Erdan fährt eine konzertierte Kampagne, die die Motive der BDS, ihre Anführer, und ihre Ziele systematisch zu entlarven sucht.

„Wir kämpfen gegen die Lügen und Heuchlerei der BDS“ lautet das Motto der Kampagne. Ihr aktuelles Kernstück: ein 60 Sekunden-Spot mit Avri Gilad. In seiner gewohnt spritzigen Art, erläutert da der populäre Fernsehsprecher und Showmaster die Verbindung der BDS mit überführten Terroristen und die Absicht der Boykott-Bewegung Israel von der Landkarte zu fegen. „Aber wir lassen das nicht zu“, versichert er dann beherzt, und ruft seine Zuseher auf, sich aktiv am Kampf gegen BDS zu beteiligen. Wie? Indem sie auf 4IL gehen, die Facebook, Twitter und Instagram-Seiten der vom Ministerium entwickelten Online-Plattform „liken“, und die dargebotenen Materialien, sprich die Cartoons, Videos, Artikel und Analysen nicht nur eingehend studieren, sondern gleich auch viral weiterleiten.

Besonderes Augenmerk wird auf den Report “Terrorists in Suits”, sprich „Terroristen im Anzug“ gelenkt. Der ist zwar nicht mehr ganz neu, dafür aber immer noch relevant. Denn er verdeutlicht die komplexen Verstrickungen zwischen der Boykottbewegung und international-anerkannten Terrororganisation, wie der Hamas und der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP). Ein regelrechtes, „Hass-Netzwerk“, nennt Minister Gilad Erdan diesen Verbund und weist darauf hin, dass die Terroristen BDS als ergänzende Maßnahme zu ihrem bewaffneten Kampf gegen Israel betrachten.

Über 100 Verknüpfungen, einschließlich gemeinsamen Kampagnen, Personal und finanziellen Zuschüssen seien identifiziert worden. So würde beispielsweise Leila Khaled, die bekannte Terroristin, die 1969 an der Entführung des TWA 840 Fluges von Rom nach Tel Aviv beteiligt war und immer noch aktives Mitglied der PFLP ist, Geld für BDS eintreiben und kräftig die Werbetrommel für die Bewegung rühren. Ihr Kollege, der überführte PFLP-Terrorist, Shawan Jabarin, sammelt ebenfalls Spenden für BDS. Die Liste lässt sich beinahe beliebig fortführen. Was diese BDS-Rädelsführer gemeinsam haben? Sie wissen ihre militante Einstellung und Vergangenheit mit „Anzug und Krawatte“ gut zu tarnen und sich erfolgreich als Menschenrechtler zu positionieren.

Ziel der 4IL-Kampagne ist es nun, die tatsächlichen Motive der BDS und ihrer Drahtzieher aufzudecken. Die Strategie scheint zu fruchten, jedenfalls gibt es bereits direkte und auch indirekte Ergebnisse. Insgesamt wurden bis dato 30 internationale Konten BDS-naher Organisationen, 10 davon in den USA und 20 in Europa, aufgrund ihrer Verbindungen zu Terrorgruppen lahmgelegt. Auch in Deutschland zeichnen sich Resultate ab. ein Beispiel: Nachdem der deutsche Bundestag die BDS als antisemitische Bewegung deklariert hat, wurde der öffentlichen Auftritte von Khaled Barakat abgesagt und seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland nicht verlängert. Der BDS-Aktivist präsentiert sich als Autor, hat aber auch nachweisbare Verbindungen zur Terrororganisation PFLP.

Kurz, das 4IL-Programm setzt sich international durch. Mit der neuen Avri Gilad-Werbung soll die umfassende Initiative jetzt aber offenbar auch daheim  zünden. Dass die erste TV-Komponente dieser Kampagne gerade in Israel und in Hebraïsch geschaltet wird, ist sicher kein Zufall, stößt aber auf Kritik. Nati Tucker, etwa, bezeichnet das Projekt in der Zeitschrift The Marker als teuer – der Journalist spricht von 1,2 Million NIS, umgerechnet etwa 300.000 Euro – und weitgehend nutzlos, weil wohl kaum Zweifel daran bestünden, dass die Israelis, sich dem Boykott ihres Landes schon mal a priori widersetzten.

Auf meine Anfrage hin, betrachtet das Ministerium für strategische Angelegenheiten diesen Vorwurf, aber als gegenstandslos. „Ziel der neuen Kampagne ist es ja gerade Bewusstsein beim israelischen Publikum für den Kampf gegen BDS zu schaffen und seine aktive Teilnahme an diesem Projekt zu sichern“, erklärt Ben Moore. Selbstverständlich, so der Sprecher des Ministeriums weiter, würde die Kampagne in Israel nicht auf Kosten der internationalen Bemühungen gehen: „Das Eine schließt das Andere nicht aus, und wir ermutigen Menschen weltweit, sich unserem Kampf gegen Diskriminierung und Antisemitismus anzuschließen“, bekräftigt Moore. Aus diesem Grunde sei die 4IL-Plattform auch auf Englisch verfügbar und beinhalte reichlich Informationen und Materialien zum Lesen und Weiterleiten. „Das Ministerium hielt dies [aber gerade] für einen günstigen Zeitpunkt, um die israelische Öffentlichkeit zu erreichen und sie zu einer aktiven Rolle im Kampf gegen BDS zu motivieren.“

Ganz klar ist der gegenwärtige Fokus auf die einheimische Bevölkerung damit wohl aber noch nicht. Ob die Israelis selbst nun erst Mal sensibilisiert oder gar überzeugt werden müssen, ob sie als Botschafter wirkungsstärker sind als ihre internationalen Pendants, oder ob hier einfach nur Mal in freundlichen Gefilden vorgefühlt wird – all das bleibt offen. Zahlenmäßig scheint die Rechnung des Ministeriums aber aufzugehen. Jedenfalls, so Moore, hätte die junge TV-Kampagne mehr eine Million israelische User erreicht und mehrere Zehntausend hätten bereits in der ersten Woche die offizielle 4IL-Website besucht.

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